Werkkommentare (dt.) / On the works (engl.) / Sur les œuvres (fr.)

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- Atemlinie (dt./engl.)
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- carpe diem (dt./engl./fr.)
- Cellissimo graduale (dt.)
- cemaltorz (dt.)
- Charyptin (dt./engl./fr.)
- Charyptin-Fragmente (dt.)
- CI-IC (dt./engl.)
- Die Auflösung der Zeit in Raum (dt./engl./fr.)
- Drei Stücke für Klavier (dt./engl.)
- Doste Raif (dt.)
- Duo für Klarinette und Klavier (dt.)
- Duometrie (dt./engl.)
- Entropía (dt./engl./fr.)
- flautando (dt.)
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- gelsüraga (dt.)
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- hang gomeka (dt.)
- Hypnostasis (dt.)
- Iguur - Blay - Luup (dt./engl./fr.)
- Iguur für Sopran solo (dt.)
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- Tramadór Kuriánno (dt.)
- Trio Nr. 1 für Flöte, Klarinette und Violoncello (dt.)
- Trio Nr. 2 für Flöte, Klarinette und Violoncello (dt.)
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Adagio assai


Werkkommentar zu Adagio assai für Streichquartett (1982/83/85/87/88), Ergon 16, 4 Min.

Walter Benjamin hat "das Vermögen der Phantasie" als "die Gabe, im unendlich Kleinen zu interpolieren" definiert.

Demzufolge habe ich in diesem Stück grundsätzlich versucht, eine hohe Beziehungsdichte zwischen den einzelnen Parametern herzustellen, insbesondere zwischen den Mikrostrukturen im intervallischen Bereich (sog. "Mikroharmonik": nebst den Vierteltönen sind noch andere mikrotonale Abstufungen zu finden) und solchen im rhythmischen Bereich ("Mikrorhythmik").

Vornehmlich durch das Mittel der Zahl intendierte ich, zwischen in sich genau definierten und analog angeordneten parametrischen Feldern tragfähige Beziehungen zu schaffen (indem ich aus den harmonischen Intervallverhältnissen Wurzelreihen gezogen habe), ohne mich auf die bloße Logik der Zahlen zu verlassen, sondern um auf diesem (vielleicht tragfähigen) Hintergrund und im dadurch gegebenen Rahmen nach Möglichkeiten einer tiefer liegenden musikalischen Logik zu forschen, d.h. grammatikalisch innerhalb eines sehr eng abgesteckten Rahmens zu äußerster Differenziertheit und subtilsten Nuancen zu gelangen, gemäß des in diesem Stück verfolgten Prinzips, wonach musikalische Vorgänge vielmehr sozusagen subkutan spürbar, als bewußt wahrnehmbar sein sollten.

Bei dieser Komposition handelt es sich um ein gemeinsames Auftragswerk der Staatlichen Musikkredit-Kommission Basel-Stadt und der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

Die Partitur erhielt die Auszeichnung "Kranichsteiner Stipendienpreis für hervorragende Leistung auf dem Gebiet der Komposition", verliehen durch die Auswahlkommission der 34. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt 1988.

Das Stück ist Brian Ferneyhough und dem Arditti-Quartett gewidmet.

René Wohlhauser

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Programme note: Adagio assai for string quartet (1982/83/85/87/88), Ergon 16, 4 min.

Walter Benjamin has defined "the ability of fantasy" as "the gift of interpolation into that which is infinitely small".

Following on from this I have tried in this piece to establish a multiplicity of relationships between individual parameters, especially between the microstructures on an intervallic level (so called "microharmony": as well as quarter-tones other microintervallic subdivisions are employed) and on a rhythmic level ("microrhythm").

Principally through the use of numerical relationships I intended to create a rich set of cross-implications between in themselves precisely defined and analogously organised parametric fields (I extracted basic sets from the harmonic interval-relationships). Without however relying solely on numerical logic I attempted to research the possibilities of a deeper musical logic built upon this (perhaps richly implicative) background and within the framework given thereby; that is, to achieve a grammar which allows extremes of differentiation and the subtlest nuances within a very confined set of possibilities, according to the principle laid down for this piece whereby musical events should be far more as it were subcutaneously than consciously perceptible.

This work was a joint commission from the Staatlichen Musikkredit-Kommission Basel-Stadt and the Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

The score was recognised with the award "Kranichsteiner Stipendienpreis for outstanding performance in the field of composition", bestowed at the 34th Internationale Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt 1988.

The piece is dedicated to Brian Ferneyhough and to the Arditti String Quartet.

René Wohlhauser
English translation: James Clarke

Atemlinie

Werkkommentar zu Atemlinie für Horn solo und Tamtam (vom gleichen Musiker gespielt) (1988), Ergon 17, 8 Min.

In Atemlinie versuchte ich in Analogie zu Goethes Farbenlehre und zu Vasarelys Farbenalphabet eine Grammatik der Klangfarben zu entwickeln, welche von den verschiedenen Kategorien der Klangfarben-Kombinierbarkeit ausgeht. Diese mißt sich am Paradigma einer möglichen Vielfach-Kombinierbarkeit, denn auf dem Horn ist es möglich, verschiedene Spielarten gleichzeitig auszuführen, nämlich gleichzeitig mit Vibrato, mit Flatterzunge (mit der Zungenspitze oder im Hals ausgeführt), mit Stimme, mit Klangfarbentriller, mit Klappengeräuschtriller, mit offen-gestopft-Triller, mit Smorzato und mit gelegentlichen Zwerchfellstößen zu spielen. (Dazu kann man noch das Horn hin und her schwenken, um einen räumlichen Effekt zu erzielen.) Dies ist eine Kombination, die im Hornstück quasi als virtuell-fiktive Bezugs-Realität stets vorhanden war, die ich in ihrer Simultaneität aber nie verwendet habe. Denn so etwas einfach aufzulisten und dann vorzuführen, das wäre mir zu akademisch. Vielmehr ging es mir darum, diese Spielarten in einen natürlichen musikalischen Fluß zu bringen, der seine Sinnfälligkeit aus der Gestaltung des instrumentalen Atems gewinnt.

Das Stück besteht aus 17 einzelnen (aber aufeinander bezogenen) (Mikro-) Atemlinien (die auch buchstäblich aus einem unartikulierten "Atemfeld" gestaltmäßig emporwachsen und am Ende des Stückes in dasselbe zurücksinken). Jede dieser Linien sollte vom Interpreten quasi "in einem Atem" gespielt werden. Dementsprechend hängt die jeweilige Länge dieser Linien von der sie konstituierenden Textur ab. (Schwierig zu spielende Texturen verlangen viel Atem und erzeugen folgedessen kürzere Linien als einfachere Texturen.)

Um diese einzelnen Linien musikalisch zu einem großen Bogen zu verbinden, mußte ich die (beim Horn besonders langen) Momente des Atemholens überbrücken. Dies geschieht in diesem Stück, indem das Tamtam in der Funktion der Verlängerung des "blechernen" Atems eingesetzt wird, so daß das ganze Stück als eine einzige große (Makro-) Atemlinie erklingt.

Bei dieser Komposition handelt es sich um ein Auftragswerk des Konservatoriums Luzern.

Das Stück ist Jakob Hefti gewidmet.

René Wohlhauser

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Comment on the work Atemlinie for solo horn and tamtam (played by the same player) (1988), Ergon 17, 8 min.

This work consists of seventeen separate but interrelated (micro-)"Breath contours" (which also form a larger contour rising from and at the end of the piece receding into an unarticulated "breath-field"). Each of these contours or lines should be played "quasi in one breath". Correspondingly the respective lengths of the lines are dependent on their texture (textures which are difficult to play will necessitate a great deal of breath and will be consequently shorter in duration).

In order to unify these individual contours musically into a large arc, I had to bridge the (in the case of the horn particularly long) periods of inhalation. In this work this is achieved by the added dimension of the use of a tam-tam, functioning as a prolonging "metallic" breath, lending the whole piece the sense of a single large (macro-)"Breath contour".

This composition was commissioned by the Luzern Conservatory and is dedicated to Jakob Hefti.

René Wohlhauser
English translation: James Clarke

Blay

Werkkommentar zu Blay
auf eigene lautpoetische Texte
für Sopran-Bariton-Duo
2009 komponiert, Ergon 40/IIa, ca. 5 1/2 Min.


"Blay" ist das zweite Stück des Zyklus "Iguur – Blay – Luup" für Sopran solo, Sopran-Bariton-Duo und Sopran mit kleinem Ensemble (Baßflöte, Baßklarinette und Violoncello). "Blay" ist durch verschiedene Strukturtypen in drei formal klar unterscheidbare Teile gegliedert, voneinander jeweils durch kurze gesprochene Zwischenspiele getrennt und durch ein System von Tempo-Modulationen sich allmählich beschleunigend. Während es sich bei den ersten beiden Teilen dieses Stücks um Kanons handelt, besteht der dritte Teil aus der Transformation eines Duos des Kanonmeisters aus dem 15. / 16. Jahrhundert, Pierre de la Rue, dem Zeitalter der Entstehung der Emblematik in der europäischen Kunst. Durch seine Dreiteiligkeit nimmt dieses mittlere Stück Bezug auf den ganzen dreiteiligen Zyklus in der Art eines Triptychons.

René Wohlhauser


Kurzbeschreibung: Ein dreiteiliges kanonartig gebautes Stück, durch ein System von Tempo-Modulationen sich allmählich beschleunigend.

carpe diem


Werkkommentar zu carpe diem in beschleunigter Zeit für Streichquartett (1998/99), Ergon 25, 11 Min.

Béatrice zugeeignet

Für das Arditti-Quartett geschrieben

Die Erfahrung sich verknappender Zeit wird in diesem Stück dergestalt reflektiert, daß die verbleibende Zeit eine gewissermaßen "kinematische Akzeleration" (das heißt: eine sich auf die Gesetze der Bewegungslehre beziehende, durch Komprimierung ausgelöste Geschwindigkeitssteigerung) erfährt. Diese Verdichtung findet ihren Ausdruck in einer mehrfach ansetzenden, asynchronen Beschleunigung von multiplen, sich überlagernden Zeitschichten bis in einen Grenzbereich hinein, in dem die musikalische Erfahrung umzuschlagen und die Zeit sozusagen in vibrierendem Zustand still zu stehen scheint. Diese lineare Entwicklung wird immer wieder von gegenläufigen, spiegelförmigen Einschüben aufgebrochen, die – wie ein Innehalten – das Konzept des Stückes aus einer andern Sichtweise, aus einem andern Seinszustand heraus reflektieren.

Damit verbunden sind auch andere Zeitkonzeptionen, wie beispielsweise jene des Chaosforschers Friedrich Cramer mit seinem Modell des Zeitbaumes, wonach das punktförmige, dimensionslose Nichts des Zeitpunktes angesichts der Fülle jeden gelebten Augenblicks die denkbar ungeeignetste Beschreibung der Wirklichkeit darstellt. (Und dem er deshalb die Modi des Zeitkreises und des Zeitvektors entgegensetzt.)

Der Sinnspruch des Horaz (Oden I 11,8), der als Krönung epikuräischer Weisheit angesehen wird, erhält durch seine Konfrontation mit dem Lebensgefühl der heutigen Zeit eine ironische Bedeutung. Dadurch relativiert sich der Sinn der verknappten Zeit selber und öffnet sich für eine andere Auslegung, die der allgemeinen Hektik eine Konzentration auf den Augenblick, auf das Hier und Jetzt entgegensetzt und dadurch zur Essenz der Aussage zurückfindet (zu einem anderen Umgang mit der Zeit, bei dem durch das Sich-einlassen die Ruhe zur Selbstbesinnung gefunden wird). Musikalisch findet dies im Bestreben seinen Ausdruck, innerhalb einer begrenzten Zeit ein Höchstmaß an ausdifferenzierter Substanz zu verdichten, die sich ab einem gewissen Beschleunigungsgrad in jene andere Qualität, in die vertiefende Erfahrung von Zeit auflöst. Es ist somit ein Stück über die Vergänglichkeit des irdischen Seins und die Transzendenz.

Das Stück ist ein Kompositionsauftrag der Pro Helvetia und wurde mit zusätzlicher finanzieller Unterstützung der GGG Basel und der Fondation Nicati-de Luze realisiert.

René Wohlhauser

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Comment on the work carpe diem in beschleunigter Zeit (‘Carpe diem in accelerated time’) for string quartet (1998/99)
Written for the Arditti Quartet

Horace’s aphorism (from the Odes, I 11,8) that is seen as the summit of epicurean wisdom is imparted with ironic meaning through its confrontation with today’s attitudes to life.
The sense of time run short is thus relativized, and is opened up to a different interpretation that sets up against the general hurly-burly a concentration upon the moment, on the here and now, and thereby finds its way back to the statement’s real essence (a different interaction with time in which engaging with oneself allows one the peace to take stock of oneself). In musical terms, this finds expression in the endeavour to condense within a limited time a maximum of the most differentiated substance possible, but a substance that at a particular degree of acceleration dissolves into another quality, namely in a deepening experience of time. It is thus a piece about the transience of earthly existence and about transcendence.

Connected to this are other concepts of time, such as that of the chaos researcher Friedrich Cramer with his model of the tree of time, according to which the dot-like, dimension-free nothingness of the point of time is the most unsuitable description of reality, given the richness of every lived moment (opposed to this, he proposes models of time circles and time vectors).

This work was commissioned by Pro Helvetia, the Swiss Arts Council, and was realized with further financial support from GGG Basel and the Nicati-de Luze Foundation.

René Wohlhauser
Translation: Chris Walton

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Commentaire sur l’œuvre carpe diem in beschleunigter Zeit pour quatuor à cordes (1998/99)
Ecrit pour le Quatuor Arditti

Considérée comme le couronnement de la sagesse épicurienne, l’exhortation d’Horace Carpe diem («Cueille le jour», Odes I 11,8) prend un tour ironique quand elle est confrontée au mode de vie actuel. L’impression de manquer de temps se relativise alors et s’ouvre à une autre interprétation, qui oppose la concentration sur l’instant, le hic et nunc, à la frénésie générale, retrouvant ainsi l’essence de l’appel (à changer d’attitude vis-à-vis du temps et à revenir au repos de la méditation en se rendant disponible). Sur le plan musical, cette ambition s’exprime par la densification, en un laps de temps limité, d’une substance très différenciée qui, à partir d’un certain niveau d’accélération, débouche sur une autre qualité: l’expérience approfondie du temps. C’est donc une pièce sur la fugacité de la vie terrestre et sur la transcendance.

La musique se réfère ici à d’autres conceptions du temps, comme celle du spécialiste du chaos Friedrich Cramer, qui présente un modèle d’arbre du temps où le point dépourvu de dimension de l’instant est la pire description concevable de la réalité, face à la plénitude de chaque instant vécu. (A quoi il oppose pour cette raison les modes du cycle et du vecteur temporel.)

La pièce est une commande de composition de Pro Helvetia et a été réalisée avec le soutien financier additionnel de la Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (Bâle) et de la Fondation Nicati-de Luze.

René Wohlhauser
Traduction: Jacques Lasserre

Cellissimo graduale

Werkkommentar zu Cellissimo graduale für Violoncello
2017 komponiert, Ergon 60, Musikwerknummer 1790
ca. 11 Min.
Für Markus Stolz zum 50-jährigen Cello-Jubiläum geschrieben.
Kompositionsauftrag von Markus Stolz.

Das vorliegende Stück ist einerseits ein virtuoses Konzertstück. Aus reiner Spielfreude und vorangetrieben von rhythmischer Impulsivität, erklimmt es die höchsten technischen Anforderungen und am Schluß des Stückes auch in wortwörtlichem Sinne die höchsten Höhen.

Andererseits ist es sozusagen ein Stundenbuch, das zur Meditation einlädt. Darauf deutet das "graduale" im Titel hin. Musik sollte sich nie in technischen Kunststücken und Fingerfertigkeiten erschöpfen, sondern sollte immer auch genügend musikalische Substanz und geistigen Reichtum beinhalten, um Vertiefung und Erbauung zu ermöglichen, um Trost und Kraft zu spenden.

Kompositionstechnisch stellt das Stück ein Kompendium von einfach nachvollziehbaren Verarbeitungstechniken dar. Aus praktisch nichts, nämlich nur aus einer Tonrepetition, wird das ganze Stück entwickelt, indem die Elemente immer weiter fortgesponnen werden und indem die Motive zu immer wieder neuen Gestalten umgeformt werden. Das Eine soll in natürlicher Weise ins Nächste fließen. Auch dort, wo in dialektischem Sinne Kontrastmaterial eingeführt wird, um einen musikalischen Dialog in Gang zu setzen, wie bei der hohen und leisen col legno-Stelle am Anfang, sind die strukturellen Bezüge zum Hauptmaterial deutlich hör- und sichtbar. Das ganze Stück bezieht sich somit auf das Ausgangsmaterial, das sich in immer wieder anderen, neuen und teilweise unerwarteten Facetten zeigt.

René Wohlhauser


Kurzfassung:
Ein virtuoses Konzertstück, das gleichzeitig zur Vertiefung einlädt und ein Kompendium verschiedenster Kompositionstechniken darstellt.

cemaltorz


Werkkommentar zu cemaltorz für Sopran und Klavier (1977), Ergon 3, 11 Min.

in memoriam Camilo Torres

Daß trotz Begriffsbestimmung und Einteilung in Kategorien Worte einen individuellen Symbol- oder gar assoziativen Bedeutungsinhalt bewahren, was die Kommunikation erschwert und zu sogenannten Mißverständnissen führt (die im Grunde genommen keine Miß-, sondern Anders-Verständnisse sind); wie Umgangssprache durch unbewußt unsorgfältige Anwendung Sinnzusammenhänge ins (meist negative) Gegenteil umzukehren vermag; daß gar phonetische Assoziationen einen qualitativ-dynamischen Eigenwert besitzen; diese sprachimmanenten Implikationen bewogen mich dazu, einen real existierenden Text durch ein einheitlich angewandtes Transformationssystem in seine phonetischen Bestandteile zu zerlegen, und diese hernach zu einer imaginären artifiziellen Sprache unter Beibehaltung der ursprünglichen Syntax zu rekomponieren, um seine Worte des begrifflich bestimmten Bedeutungsinhaltes und seine Satzkonstellationen des umgangssprachlichen Sinnzusammenhanges zu berauben, um so den Sprachlauten in neuem Kontext eine für neue Assoziationen freie, stärkere Eigendynamik zu verleihen.

Diese Art der Sprachzersetzung findet ihre Entsprechungen in der musikalischen Textur mittels einer zunehmend kristallisierenden Erstarrung anfänglich flüssiger Bewegungen; eine "freeze" Entwicklung, die weder durch die vokalen Versuche, durch emphatische Ausdruckssteigerung den linguistischen Partikeln Bedeutung zuzumessen, noch durch die Sisyphusarbeit des Klaviers’ aufgehalten werden kann, in dessen Zwischenspielen das Tempo des Stückes in drei Phasen gesteigert wird, was aber trotzdem nicht verhindern kann, daß die Musik objektiv langsamer wird.

Starke Kontraste dynamischer und klanglicher Natur und eine den Text völlig in sich aufsaugende "Textbehandlung" markieren das zwischen den Extremen hin und her schlagende Pendel der Entwicklung, in deren Verlauf sich das Klavier zu einer Art rücksichtsloser "Handlungsvollzugsmaschine" emanzipiert.

Der musikalische Ablauf der zunehmenden Sprachlosigkeit bzw. Erstarrung, die in Gewalt umschlägt, steht in indirekt programmatischer Analogie zum Lebensweg des Widmungsträgers in memoriam: Camilo Torres, der kolumbianische Arztsohn, Priester und studierter Soziologe, verließ die soziale Oberschicht seines Landes und wurde Priester auf dem Lande, wo er unsägliches Elend antraf. Seine Aufrufe an die herrschende Schicht, ihm im Kampfe gegen die Armut beizustehen, blieben erfolglos. Selbst seinen ehemaligen Studienkollegen, die seinen Bewußtmachungsprozeß nicht mitgemacht hatten, blieben seine Worte unverständlich. Als gar Truppen entsandt wurden, um den Status Quo zu garantieren, wurde Torres zum Guerillakämpfer wider Willen. Trotz tiefer Zweifel griff er zur Gewalt als Antwort auf Gewalt.

René Wohlhauser

Charyptin


Werkkommentar zu Charyptin
für Sopran, Bariton, Flöte, Klarinette, Violine und Violoncello,
auf ein eigenes lautpoetisches Gedicht,
2010 komponiert, Ergon 42, Musikwerknummer 1559,
ca. 13 Min.

In diesem Stück geht es um Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Interaktion, der Vermischung und des Rollentauschs zwischen vokalen und instrumentalen Klängen. Dem entspricht die Überlappung und gegenseitige Durchdringung individueller Zeitebenen, die somit zu so etwas wie einer Art neuen Dimension der Zeitwahrnehmung werden. Es geht um das Ausloten der verschiedenen Zwischenbereiche zwischen sowohl vokal als auch instrumental Geflüstertem, Gesprochenem und Gesungenem, um die Suche nach klanglichen und zeitlichen Zwischenräumen und nach einer anderen Kategorie von Material, das weder gesprochen noch gesungen wird. Es sollen zerbrechliche Zustände des vokalen und instrumentalen Ausdrucks hörbar gemacht werden.

Das Stück besteht aus drei Zyklen. Der 1. Zyklus thematisiert das Neben- und allmähliche Ineinander der vokalen und instrumentalen Phrasen. Im 2. Zyklus entwickelt sich das Instrumentale aus dem Vokalen heraus und entfernt sich von diesem, indem es zunehmend den Zeitablauf anders organisiert. Konsequenterweise besteht der 3. Zyklus nur noch aus Vokalem, das jede Berührung mit dem Instrumentalen meidet und dadurch selbst sozusagen instrumental wird.

Die lautpoetischen Texte reflektieren die angewandten ("kryptisierenden") Kompositionsverfahren, indem beispielsweise der Titel "Charyptin" in den das Werk konstituierenden vokalen Duoteilen in auseinander gerissenen, lautklangähnlichen Textfragmenten versteckt ist und umspielt wird, ohne jedoch selber wortwörtlich in Erscheinung zu treten.

René Wohlhauser

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Comment on the work Charyptin
for soprano, baritone, flute, clarinet, violin and violoncello
on onomatopoetic texts by the composer,
composed in 2010, Ergon 42, ca. 13 min.
Music work number 1559

This piece deals with the possibilities and impossibilities of interaction, mixture and exchanging of roles between vocal and instrumental sounds. This corresponds to the overlapping and reciprocal penetration of individual time levels, resulting in something like a kind of new dimension in the perception of time. Of the greatest concern here is the exploration of different borderline areas between vocal and instrumental whispering, speech, and song, and the search for sound- and time-gaps and a different category of material that is neither spoken nor sung. This is meant to make the fragile nature of vocal and instrumental expression audible.

The piece consists of three cycles. The first cycle deals with the coexistence and gradual intertwining of vocal and instrumental phrases. In the second cycle, the instrumental develops out of the vocal material and departs from it by changing the organization of its time structure. Consequently, the third cycle is entirely vocal, avoiding any contact with instrumental elements, and thus in itself becoming quasi instrumental.

The onomatopoetic texts reflect the ("cryptisizing") methods of composition used, wherein for example the title "Charyptin" is hidden in an onomatopoetic-like fragment of text which is torn apart and played around with, without literally appearing in the vocal duo parts.

René Wohlhauser (translation: Gail Makar)

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Commentaire sur l'œuvre Charyptin pour soprano, baryton, flûte, clarinette, violon et violoncelle,
sur un poème phonétique du compositeur (2010), Ergon 42, Musikwerknummer 1559

Dans cette pièce il s’agit des possibilités et impossibilités de l’interaction, du mélange et de la permutation des rôles entre sonorités vocales et instrumentales. À cela correspondent le chevauchement et l’interpénétration réciproque de niveaux temporels individuels, qui deviennent ainsi quelque chose comme une dimension nouvelle de la perception du temps. Il s’agit de sonder les différents domaines intermédiaires entre le chuchoté, tant instrumental que vocal, le parlé et le chanté ; il s’agit de rechercher des interstices
sonores et temporels, ainsi qu’une autre catégorie de matériau qui n’est ni parlé ni chanté. Ainsi on veut rendre audibles des états fragiles de l’expression vocale et instrumentale.

Le morceau se compose de trois cycles. Le premier cycle a pour thème la juxtaposition, puis l’interpénétration progressive des phrases vocales et instrumentales. Dans le
deuxième cycle, l’instrumental se développe à partir du vocal et s’en éloigne en organisant toujours plus différemment l’écoulement du temps. En conséquence de quoi, le troisième cycle ne consiste plus qu’en vocalité, qui évite tout contact avec l’instrumental et devient en quelque sorte, par là même, instrumental.

Les textes de poésie phonétique reflètent les procédés de compositions employés (qu’on pourrait qualifier de « cryptants ») ; ainsi, dans les parties vocales en duo qui constituent l’oeuvre, le titre Charyptin est caché dans des fragments de texte déchiquetés, réduits à leur sonorité phonétique, qui tournent autour de lui sans qu’il apparaisse jamais dans sa littéralité.

René Wohlhauser
Traduction: Patrick Lang

Charyptin-Fragmente


Werkkommentar zu Charyptin-Fragmente
für zwei Stimmen:
Sopran und Bariton (vorzugsweise) oder
Sopran und Alt oder
Tenor und Bariton,
auf ein eigenes lautpoetisches Gedicht,
2010 komponiert, Ergon 42/II,
Musikwerknummer 1557,
ca. 4 ½ Min.

In diesem Stück geht es um das Ausloten der verschiedenen Zwischenbereiche zwischen Geflüstertem, Gesprochenem und Gesungenem, um die Suche nach Zwischenräumen und nach einer anderen Kategorie von Material, das weder gesprochen noch gesungen wird. Es sollen zerbrechliche Zustände des vokalen Ausdrucks hörbar gemacht werden. Dies beginnt bereits vor dem eigentlichen Stück in einem unmetrisierten Vorlauf zwischen Stille, Kaum-Hörbarkeit und Geräusch.

Der 1. Zyklus ist in 6 jeweils nur kurz aufleuchtende und gleich wieder verschwindende Phrasen unterteilt. In der amorphen 1. Phrase werden über Mikrotontrillern mit geschlossenem Mund nur Phonem-Fragmente bzw. Konsonantenkonstrukte gesprochen. In der 2. Phrase werden über variiertem Kehlkopfknattern hohe Koloratur-Fragmente ausgestoßen. Die 3. Phrase ist eine verkürzte Variante der 1. Phrase mit scharfen Konsonantenkonstrukten, aber statt Mikrotontrillern erklingt Obertongesang. In der 4. Phrase emanzipiert sich der Bariton zu ruhigem Gesang ("wie von Ferne"), während der Sopran die zerstückelten Koloratur-Fragmente zusammenzuhalten versucht. In der 5. Phrase sind beide Stimmen stark fragmentiert ("stoßartig abgerissen"), u.a. mit einem Meckerstaccato. Die 6. Phrase schließt mit scharf und stimmlos Gesprochenem in Bezug auf die 1. Phrase diesen 1. Zyklus ab.

Der 2. Zyklus wird von einer durchgehenden Bariton-Linie zusammengehalten. Dazu setzt der Sopran einen Kontrapunkt aus ("hechelnd") Gesprochenem und leisen Koloraturfragmenten hinter vorgehaltener Hand. In verschiedenen Phasen von Entfernung und Annäherung bis zu fast "verschmelzendem Zusammenkommen" mit dem Bariton gewinnt der Sopran als einzige Stelle in diesem Stück fast so etwas wie einen Belcantogesang.

Der 3. Zyklus schließlich versinkt mit verschiedenen Transformationsformen wie Krebs und Umkehrung in hastigem Sprechgesang, der sich allmählich verlangsamt und am Ende des Stückes zum Stehen kommt.

Die lautpoetischen Texte reflektieren die angewandten ("kryptisierenden") Kompositionsverfahren, indem beispielsweise der Titel "Charyptin" in auseinander gerissenen, lautklangähnlichen Textfragmenten versteckt ist und umspielt wird, ohne jedoch selber genau zu erscheinen.

René Wohlhauser, 18.7.2010


Kurzfassung:
In diesem Stück geht es um das Ausloten der verschiedenen Zwischenbereiche zwischen Geflüstertem, Gesprochenem und Gesungenem, um die Suche nach Zwischenräumen und nach einer anderen Kategorie von Material, das weder gesprochen noch gesungen wird. Es sollen zerbrechliche Zustände des vokalen Ausdrucks hörbar gemacht werden.

Das Stück besteht aus drei Zyklen, wobei der 1. Zyklus in 6 jeweils nur kurz aufleuchtende und gleich wieder verschwindende Phrasen unterteilt ist.

Die lautpoetischen Texte reflektieren die angewandten ("kryptisierenden") Kompositionsverfahren, indem beispielsweise der Titel "Charyptin" in auseinander gerissenen, lautklangähnlichen Textfragmenten versteckt ist und umspielt wird, ohne jedoch selber genau in Erscheinung zu treten.

René Wohlhauser

CI-IC


Werkkommentar zu CI-IC für Flöte und Viola (1985), Ergon 11, 3 Min.

Die vier anagrammatisch um den Gedankenstrich gruppierten Schriftzeichen sollen als Symbol auf die wechselseitigen Beziehungen der beiden Instrumente zueinander hindeuten, deren Entwicklung (aus dem Nichts kommend) beim eingestrichenen 'c' ihren Ausgangspunkt nimmt und am Schluß des Stückes in diesen Ton einmündet (der wiederum im Nichts sich auflöst).

Werkkategorienmäßig fällt dieses Stück bei mir in die Werkgruppe der sehr kurzen Stücke, die insofern einen besonderen Akzent setzen, als sie, in ihrer knappen Form eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorchend und diesbezüglich spezifische Gestaltungsprinzipien erfordernd, durch ihre extreme Kürze eine zusätzliche Herausforderung darstellen, vielschichtig-komplexe Vorgänge in knappster Formulierung und präzisester Aussage auf den Punkt zu bringen, auf minimalstem Raum zur maximalsten Entfaltung zu gelangen und noch bewußter, statt in die Länge, in die Tiefe vorzudringen.

René Wohlhauser


Programme note: Cl-IC for flute and viola (1985), Ergon 11, 3 min.

The four anagrammatic letters grouped around a central hyphen should be seen as symbolising the reciprocity of the two instruments’ relationship, beginning their development from a starting point of a central C (itself evolving out of nothingness) and flowing back to this note at the end of the piece (which then dissolves back to nothingness).

Among my works this piece falls into the category of very short compositions which place a special emphasis on the demands of specific formal principles and laws within formal brevity. This extreme brevity leads to an additional challenge: to make a specific statement in the most precise and concise way by the use of multi-layered complex processes presented in the briefest formulation, to afford maximum development in the minimum of space, consciously to attempt not at breadth but at profundity.

René Wohlhauser
English translation: James Clarke

Die Auflösung der Zeit in Raum


Werkkommentar zu Die Auflösung der Zeit in Raum für Saxophon, Schlagzeug und Klavier (2000/2001), Ergon 26, 14 Min.
Béatrice Stohler zugeeignet.
Für das Ensemble Oggimusica geschrieben.
Auftragskomposition der Musikkreditkommission Basel-Stadt.

Andere Fassung:

Werkkommentar zu Die Auflösung der Zeit in Raum, Fassung für Klarinette/Baßklarinette, Violoncello und Klavier (2000-2001/2011), Ergon 26f, Musikwerknummer 1607, 14 Min.

• Wie läßt sich musikalische Zeiterfahrung in einem anderen Bewußtheitszustand erleben?
• Wie erhalte ich als Komponist einen möglichst direkten Zugriff auf das unkontrollierbare musikalische Unterbewußtsein?
• Wie läßt sich aus dieser eigenartigen emotionalen Archaik gleichzeitig ein Prozeßverlauf auf differenziertem strukturellem Niveau und in urwüchsiger Zeitgestaltung entwickeln?
• Welche Möglichkeiten gibt es, eine frei schwebende, improvisatorisch wirkende Rhythmik unmittelbar in die präzis fixierte, kodifizierte Notenschrift zu übertragen, und dies, ohne mich in hochkomplexer Notation zu verlieren, sondern mittels konventioneller Schreibweise, die aber unkonventionell strukturiert ist?
• Wie kann man heute noch für Klavier komponieren, so daß das Klavier wie ein neues Instrument aufklingt? (Ohne aber auf Präparationen und elektronische Transformationen zurückzugreifen?) Aus dieser Fragestellung ist der Anfang des Stückes entstanden.
• Wie lassen sich existenzielle Erfahrungen mit musikalischen Mitteln ausdrücken? Das Suchen, das Immer-wieder-versuchen, das Neu-ansetzen, das In-sich-hinein-horchen. Der träge Fluß des täglichen Überlebenskampfes. Wenn alle Hilfskonstruktionen versagen. Wenn nur noch das improvisierende Sich-vorantasten in unübersichtlich komplexem Umfeld bleibt, das Vertrauen auf die eigene Sensibilität.

Im Bewußtsein dieser Fragen habe ich versucht, Verfahren zu entwickeln, die die Intuition möglichst ohne vergröbernde Raster in musikalischen Ausdruck umzuwandeln vermögen. Die Wechselbeziehung zwischen Bewußtwerdung und Bewußtseinsverlust, wie Derrida den Dekonstruktivismus beschreibt und wie ich ihn aus dem gegenwärtigen Zeitgeist herauszuspüren vermeine. Ein Prozeß komplexer Fragmentarisierung. Klangscherben, die nicht zusammenpassen, die aber miteinander leben müssen und eine Musik am Abgrund ihrer selbst erzeugen. Ein Auflösungsprozeß, eine Art Dekonstruktivismus der Zeit, bei dem sich die vertraute Erfahrung im Unendlichen verliert.

Gemeint ist dabei nicht nur eine geographisch-physikalische Räumlichkeit, sondern auch eine klangliche. Und zwar die Tiefendimension des Klangraumes, die sich nur in der Zeit zu entfalten vermag, in der also Raum und Zeit zusammenkommen und ineinander verschmelzen.

Ein Stück über die Verflüchtigung der Zeiterfahrung in der Unendlichkeit des Raums.

Das Stück ist ein Kompositionsauftrag der Musikkreditkommission Basel-Stadt.

René Wohlhauser

Kurzbeschrieb: Von der anfänglichen Archaik führt der musikalische Weg über mechanistisch ineinander greifende Strukturordnungen (die sich in einem strengen System von klangübergebenden Koinzidenzpunkten äußert) bis zur Auflösung in der Tiefe des Klangraums.

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Comment on the work Die Auflösung der Zeit in Raum (‘The dissolution of time in space’) for saxophone, percussion and piano (2000/2001)
Written for the Oggimusica Ensemble.

resp.

Comment on the work Die Auflösung der Zeit in Raum (‘The dissolution of time in space’), version for clarinet / bass clarinet, violoncello and piano (2000-2001/2011), Ergon 26f, musik work number 1607

• How can the experience of musical time be experienced in a different state of consciousness?
• What are the possibilities of codifying free, hovering, improvisatory rhythms directly in precisely fixed musical notation?
• How can existential experiences be expressed with musical means?
In awareness of these questions, I have endeavoured to develop means of transforming intuition into musical expression, as far as possible without being reduced to the equivalent of a large-pixelled picture. There is an interdependency between the state of becoming conscious and the loss of consciousness, as Derrida describes deconstruction. A process of complex fragmentization, fragments of sound that do not fit together but that have to live together and create a music on the very edge of itself. A process of dissolution, a kind of deconstruction of time, in which familiar experience is lost in the unending.

What is meant here is not just a geographical/physical spatiality but also a sonic spatiality – the depth dimension of the sonic space that can only unfold in time, and in which space and time come together and melt into one another. A work about how our experience of time evaporates in the eternity of space.

This work was commissioned by the Music Credit Commission of the city of Basle.

René Wohlhauser
Translation: Chris Walton

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Commentaire sur l’œuvre: Die Auflösung der Zeit in Raum pour saxophone, percussion et piano (2000/2001)
Ecrit pour l’Ensemble Oggimusica

resp.

Commentaire sur l’œuvre: Die Auflösung der Zeit in Raum, version pour clarinette / clarinette basse, violoncelle et piano (2000-2001/2011), Ergon 26f, numéro d'œuvre 1607

• Comment vivre l’expérience du temps musical dans un autre état de conscience?
• Quelles possibilités y a-t-il de transcrire une rythmique flottante, à caractère improvisé, dans la notation traditionnelle, précise et codée?
• Comment exprimer des expériences existentielles avec les moyens musicaux?
C’est en songeant à ces questions que j’ai tenté de mettre au point des procédés susceptibles de transformer mes intuitions en expression musicale, mais sans recourir – autant que possible – à des grilles grossières. D’après Derrida et sa déconstruction, il existe une corrélation entre la prise et la perte de conscience. C’est un processus de fragmentation complexe. Lambeaux sonores qui ne s’ajustent pas, mais doivent coexister et produire une musique au bord même de l‘abîme. Dissolution, sorte de déconstruction du temps, où l’expérience familière se perd dans l‘infini.

Je songe ici à une spatialité non seulement physico-géographique, mais aussi sonore. Et plus exactement à la profondeur de l’espace sonore, qui ne peut se déployer que dans le temps; l’espace et le temps convergent donc et fusionnent. C’est une pièce sur l’évaporation de l’expérience du temps dans l’infinité de l’espace.

L’ouvrage est une commande de composition de la Commission des crédits musicaux de Bâle-Ville.

René Wohlhauser
Traduction: Jacques Lasserre

Doste Raif


Werkkommentar zu Doste Raif
für Sopran, Bariton und Perkussion
auf Texte des Komponisten,
2016 komponiert, Ergon 56,
Musikwerknummern 1759, 1764-1768, 1771
ca. 7 Min.

I. Duo 1 für Sopran und Bariton, Ergon 56, Nr. 3, Musikwerknummer 1765
II. Sopran-Solo, Ergon 56, Nr. 4, Musikwerknummer 1766
III. Duo 2 für Sopran und Bariton, Ergon 56, Nr. 5, Musikwerknummer 1767
IV. Perkussions-Solo, Ergon 56, Nr. 2, Musikwerknummer 1764
V. Trio 1 für Sopran, Bariton und perkussive Einwürfe, Ergon 56, Nr. 6, Musikwerknummer 1768
VI. Duo 3 für Bariton und Perkussion, Ergon 56, Nr. 1, Musikwerknummer 1759b (2. Fassung)
VII. Trio 2 für Sopran, perkussiven Bariton und Perkussion, Ergon 56, Nr. 7, Musik-werknummer 1771c (3. Fassung)


Das Stück bewegt sich sprachlich am Rande der Verständlichkeit entlang von semantischen Resten. Allmählich versucht es, auch diese Resten noch abzustreifen, sich davon zu befreien und zu reiner Musik zu werden. Dies gelingt ihm aber erst mit dem Wechsel des Mediums, mit dem Wechsel vom Sprach-Klang zum Schlag-Klang, mit dem Wechsel vom Diskursiven zum Perkussiven. Das Perkussive bricht herein und befreit die Sprachsemantik von sich selbst.

Die aus der Musik gewonnenen Texte sind Kunst gewordene Sprachforschung am Rande der Verständlichkeit. Die lautpoetischen und die halbsemantischen Textfragmente fließen so ineinander, daß sie wohl noch für den Leser, aber für den Hörer kaum mehr auseinanderzuhalten sind. Dies generiert für die Wahrnehmenden eine Kunst im Grenzbereich des Wahrzunehmenden.

Wie die Musik, so fließen mir die Texte einfach zu. Beides entsteht auf der Grenzlinie zwischen Unbewußtem und Bewußtem, zwischen Entstehen und Erschaffen.

Im abschließenden Teil wird der Bariton in seiner Doppelrolle als Sänger und Perkussionist auch mit seiner Stimme ganz zum Perkussionsinstrument. Damit bringt er die Entwicklung, die während des Stücks aufgebaut wurde, zu einem Wendepunkt. Das Stück kippt in eine andere Ausdruckswelt.

René Wohlhauser

Kurzfassung:
Das Stück setzt lautpoetische Vokalität in Kontrast zu intuitiver perkussiver Rhythmik, läßt also sozusagen Unvereinbares aufeinander prallen und schaut, was dadurch entsteht. Es vertraut darauf, daß der Entwicklungsprozeß durch die Reibungen des kontrastierenden Materials bis zu einem Peripetie-Punkt hochgetrieben wird, an dem das Stück in eine ganz andere Ausdruckweise fällt und dadurch das Bisherige in einem anderen Licht erscheinen läßt.

Drei Stücke für Klavier


Werkkommentar zu Drei Stücke für Klavier (1986/87), Ergon 14, 5 Min.

"Paginetta", "Adagio" und "Déploîment" bilden einen dreiteiligen Zyklus für Klavier, der in mehrfacher Hinsicht dialektisch disponiert ist. Während in "Paginetta" die komplexe Konstruktion sozusagen unter vermeintlich einfachster Spielbarkeit verborgen liegt, kommt die Komplexität in "Adagio" geradezu mit Heftigkeit zum Ausbruch und verbirgt durch den hohen Virtuositätsgrad und den Schock der abrupten Kürze gleichzeitig andere Momente ihrer Konzeption: die Art, wie "die rhythmische Struktur ins Absurde führt" (wie es in einer Rezension in Anspielung auf das ungewöhnliche Partiturbild hieß), oder die dialektische Anlage, wie die nervöse vordergründige Bewegung sich auf bzw. zu ihrem ruhigen Hintergrund verhält, was zum paradoxen Titel dieses zweiten Stückes führte. In "Déploîment" schließlich werden diese Tendenzen und Ansätze in eine nochmals andere Richtung hin ausgearbeitet. Dabei interessierte mich unter anderem die Frage, ob und inwiefern eine streng durchkonstruierte Musik gestische Sprachähnlichkeit erreichen kann.

René Wohlhauser


Die genauen Titelangaben lauten:

Drei Stücke für Klavier (1986/87)
1. Paginetta per pianoforte
2. Adagio für Klavier
3. Déploîment für drei-pedaligen Flügel

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Programme note: Drei Stücke für Klavier (1986/87), Ergon 14, 5 min.

"Paginetta", "Adagio" and "Déploîment" form a three-part cycle for piano, which is in many respects concerned with different kinds of dialectic. While in "Paginetta" the complex construction is concealed as it were beneath an apparently simple performability, the complexity in "Adagio" virtually explodes with intensity and hides aspects of its conception beneath a high level of virtuosity and the shock of its abruptness and brevity. These aspects include the way in which "the rhythmic structure is bordering on the absurd" (as a write up alluding to the visual impact of the score had it), or the dialectical relationship of a nervous foreground movement in reaction to and with a tranquil background level (an aspect leading to the paradoxical title, "Adagio"). In "Déploîment" these approaches and tendencies are worked out in yet another direction. Here my interest lies in, amongst other things, an essay in whether and to what extent a highly constructed music can reach a similarity to gestural language.

René Wohlhauser
English translation: James Clarke

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Werkkommentar: Drei Stücke für Klavier (1986/87), Ergon 14 (Werkkommentar erweitert)
1. Paginetta per pianoforte
2. Adagio für Klavier
3. Déploîment für drei-pedaligen Flügel

"Paginetta", "Adagio" und "Déploîment" bilden einen dreiteiligen Zyklus für Klavier, der in mehrfacher Hinsicht dialektisch disponiert ist. Während in "Paginetta" die komplexe Konstruktion sozusagen unter vermeintlich einfachster Spielbarkeit verborgen liegt, kommt die Komplexität in "Adagio" geradezu mit Heftigkeit zum Ausbruch und verbirgt durch den hohen Virtuositätsgrad und den Schock der abrupten Kürze gleichzeitig andere Momente ihrer Konzeption: die Art, wie "die rhythmische Struktur ins Absurde führt" (wie es in einer Rezension in Anspielung auf das ungewöhnliche Partiturbild hieß), oder die dialektische Anlage, wie die nervöse vordergründige Bewegung sich auf bzw. zu ihrem ruhigen Hintergrund verhält, was zum paradoxen Titel dieses zweiten Stückes führte. In "Déploîment" schließlich werden diese Tendenzen und Ansätze in eine nochmals andere Richtung hin ausgearbeitet. Dabei interessierte mich unter anderem die Frage, ob und inwiefern eine streng durchkonstruierte Musik gestische Sprachähnlichkeit erreichen kann.

Bei der Arbeit an "Paginetta" interessierte mich speziell die Frage, ob es möglich sei, eine vielschichtig-komplexe Konstruktion so anzulegen, daß in einfach nachvollziehbarer Weise vermittelt werden kann, wie die einzelnen Parameter wie Metrum, Rhythmus und Tonhöhen in einer Komposition zueinander in Beziehung treten können, um ein in sich stimmiges und geschlossenes Ganzes zu ergeben.

Zusammen mit dem Klavierquartett, dem Schlagzeugtrio, mit CI-IC für Flöte und Viola, mit Duometrie für Flöte und Baßklarinette und mit dem Klarinettentrio bildet Adagio eine Werkgruppe. Grundlegende Verbindungsmerkmale ergeben sich dabei einerseits aus dem Versuch, die Tiefendimension auszukomponieren, d.h., durch erforschendes Vordringen in die Tiefe, neue, die musikalische Entwicklung weiterführende Strukturen zu erarbeiten, was zu einer gedrängten Dauer der Musik, zu einer Art simultaner "Gedankenpolyphonie" führt; andererseits aus dem Bestreben, Musik im Grenzbereich des Vorstellbaren anzusiedeln, gar ein Bemühen, durch die Musik in philosophischem Sinne Grenzen zu sprengen, neue Welten zu eröffnen und utopisch-visionäre Entwürfe eines neuen Denkens darzustellen.

Innerhalb dieser Werkgruppe setzen die beiden Stücke CI-IC und Adagio insofern einen besonderen Akzent, als sie, in ihrer knappen Form eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorchend und diesbezüglich spezifische Gestaltungsprinzipien erfordernd, durch ihre extreme Kürze eine zusätzliche Herausforderung darstellten, vielschichtig-komplexe Vorgänge in knappster Formulierung auf den Punkt zu bringen, auf minimalstem Raum zur maximalsten Entfaltung zu kommen und noch bewußter, statt in die Länge, in die Tiefe zu gehen.

René Wohlhauser

Duo für Klarinette und Klavier


Werkkommentar zu Duo für Klarinette und Klavier
2014 komponiert, Ergon 55, Musikwerknummer 1717,
ca. 8 Min.
Für Urs Brügger und Moritz Ernst geschrieben


Die Komposition eines Duos bietet sich dafür an, die Kommunikationsformen der beiden Instrumente zueinander auszuloten und kompositorisch zu verdeutlichen. Es geht um die Entwicklung verschiedener Ausdrucksgesten und figureller Strukturentwicklungen als Kommunikationsmittel zwischen den beiden Instrumenten. Gibt es eine sprechende Gestik der Figuren? Gibt es einen größeren oder kleineren Kommunikationsgrad von Figuren oder Strukturen? Wie entwickelt sich das musikalische Gespräch? Es wurden verschiedene Formen des Ineinandergreifens und Verzahnens von disparater Strukturen untersucht im Zusammenhang mit der Art und Weise, wie neue Ideen vorbereitet und eingeführt werden, was zu einer Art "Strukturdurchflutung" des stilistischen Kontextes führte. Dabei wurde auf einen Einbezug der heutzutage allgegenwärtigen Geräuschmode bewußt verzichtet und demgegenüber die Suche nach einer anderen Qualität von Tonschwingungen aktiviert. Akkumultionen führen zu sogenannten "Schwing-Klängen".


René Wohlhauser

Duometrie


Werkkommentar (1) zu Duometrie (1985/86) für Flöte(n) und Baßklarinette, Ergon 12,
5 Min.

Für Philippe Racine und Ernesto Molinari geschrieben


Ich gehe davon aus, daß durch häufigen Gebrauch sich alle musikalischen Wendungen abnutzen, historisch werden und als vorgeformte Klischees für kritisch-reflektierende Komponisten nicht mehr anwendbar sein können. Dies bedingt eine Weiterentwicklung (die ich nicht gleichsetzen möchte mit "Fortschritt"!) der Musik (wie auch der Malerei, der Literatur, der bildenden Künste usw.).

Aus dieser Prämisse ergeben sich für mein kompositorisches Schaffen als grundlegende Maximen (unter anderem) eine Weiterentwicklung musikalischer Strukturen, eine Suche nach einem starken, eigenständigen musikalischen Ausdruck (und der Erweiterung der Bestimmungsgrenzen dieses imaginären Landes Ausdruck), ein Ausloten bisher noch nicht erschlossener Zwischenräume und Gestaltungsmöglichkeiten in einer möglichst sinnfälligen Weiterführung der Tradition, die m.E. auch dort wahrgenommen werden kann, wo sie als Folge einer radikal-subjektiven Ausprägung zu schwierigen und unbequemen Resultaten führt, oder um mit Adorno zu sprechen: "... einzig in den Extremen findet das Wesen dieser Musik sich ausgeprägt; sie allein gestatten die Erkenntnis ihres Wahrheitsgehalts." Diesen kritischen Ansatz verstehe ich als meine kompositorische Reflexion der einzigen Konstanten, die ich in unserem gesellschaftlichen Leben entdecken kann: der konstanten Veränderung.

Im Bestreben, Kausalität als Weise, wie Seiendes auf Werdendes wirkt, zu begreifen und bewußt wirksam werden zu lassen, bin ich vom Material des kurz zuvor abgeschlossenen Werkes "Schlagzeugtrio" ausgegangen und habe daraus metrische Strukturen abgeleitet, mittels denen ich alsdann auf über 200 Seiten Arbeitsskizzen (musiksprachlich-grammatikalischer Entwicklung und Definition) versucht habe, eine Art komplexes kompositionsprozeßhaftes eigendynamisches System in Gang zu setzen, das (nach und nach) alle parametrischen Elemente des Stückes, einer inneren Logik folgend, quasi selbständig aus sich heraus generieren sollte. (Selbstverständlich habe ich als Komponist in den Verlauf dieses Prozesses eingegriffen und ihn aus den naheliegend einfachsten in weiter entfernte, ebenfalls denkbare Bahnen gelenkt, in der Hoffnung, auf diese Weise Widerstände eingebracht zu haben, die einerseits die Spannung erhöhen sollten (und, polemisch gesagt, einen möglichen, qualitativ anspruchsvollen Kriterien standhaltenden Weg aus dem Sumpf der postmodernen Ambivalenz (laut Hans Jonas dem "Vakuum des heutigen Wertrelativismus") heraus skizzieren mögen) und andererseits durch das Brechen des sich verselbständigten Deduktionsablaufes das Stück aus dem Objektsein zu einem sich selbst reflektierenden und hinterfragenden Subjekt wandeln sollten.)

Zum Titel "Duo-metrie": Duo: die eingangs des Stückes erfolgende Darstellungsweise solo vorgetragener Rede und Gegenrede erzeugt, durch den gemeinsamen Raum bedingt, einen beziehungs-dynamischen Handlungsbedarf. Daraus ergibt sich für die Dramaturgie des weiteren Verlaufes ein Abtasten verschiedener Annäherungsgrade beider Spieler, die stets simultan in verschiedenen (numerisch-proportional aufeinander bezogen gesehenen) "näheren" oder "entfernteren" Tempi zu spielen haben und die sich nur in wenigen Momenten zu möglichen "Synthesen" in gleichem Tempo finden; symbolisch gedacht als Paraphrase auf das Beziehungssystem der Musik und der wechselnden Dichte ihrer strukturellen Bezüge schlechthin. Durch die offenbar unvereinbaren Widersprüche (Antinomie (nicht Kontradiktion) im Sinne Kants "Transzendentaler Dialektik") entfernen sich beide Instrumente am Schluß des Stückes wieder voneinander zu jeweils allein vorgetragenem Epilog, jedoch in vertauschtem strukturellem Wesen.

Die chronologisch-strukturelle Dialektik, die in Verbindung mit dem gemeinsamen Raum die vorerst voneinander unabhängigen Bewegungstempi der Klangereignisse (zu einer monometrischen Synthese) zusammenzubringen und zu koordinieren versucht, findet ihr ordnungsgestaltendes Prinzip in der Metrik, der durch ihre strukturbildende Kraft auf drei Ebenen im Kompositionsprozeß zentrale Bedeutung zuteil wurde:
1.) Im Mikrobereich sollen die beiden rhythmischen Linien durch die permanente Überlagerung verschiedener Tempi vorwiegend nur noch als übergeordnete Summe, als "Superrhythmus", wahrnehmbar werden und ein Umschlagen des Hörverhaltens bewirken (analog dem Aspektwechsel beim H-E-Kopf in Wittgensteins philosophischen Untersuchungen über das Sehen).
2.) Im mittleren Bereich kommt dem Taktartensystem (nebst seiner traditionellen Funktion als künstlichem Ordnungsprinzip) in seiner Anwendung als strukturbindendes Netz von Scharnieren erhöhte Bedeutung zu, da die Taktanfänge als Schnittpunkte mit wenigen Ausnahmen einzige zeitliche Berührungspunkte beider Spieler in diesem Stück bleiben, und weil mit jedem neuen Takt als Resultat der in diesem Stück konsequent angewandten sogenannten "metrumsspezifischen Proportionalrhythmik" auch die Mikro-Tempi wechseln.
3.) Im Makrobereich soll ein Netz übergeordneter Tempi dafür sorgen, daß eine Art Makrorhythmik des formalen Ablaufs spürbar werde, die die im Kleinen vertikal sich entsprechenden Temporelationen (Polytempik aus der Polymetrik) im Großen horizontal spiegeln soll.

Zusammen mit dem "Klavierquartett", dem "Schlagzeugtrio", mit "CI-IC" für Flöte und Viola, mit dem "Adagio" für Klavier und mit dem "Klarinettentrio" bildet "Duometrie" für Flöte und Baßklarinette eine Werkgruppe. Grundlegende Verbindungsmerkmale ergeben sich dabei einerseits aus dem Versuch, die Tiefendimension auszukomponieren, d.h., durch erforschendes Vordringen in die Tiefe, neue, die musikalische Entwicklung weiterführende Strukturen zu erarbeiten, was zu einer gedrängten Dauer der Musik, zu einer Art simultaner "Gedankenpolyphonie" führt; andererseits aus dem Bestreben, Musik im Grenzbereich des Vorstellbaren anzusiedeln, durch die Musik in philosophischem und idealistischem Sinne Grenzen zu sprengen, neue gedankliche Welten zu eröffnen und mit künstlerischen Mitteln den gerade noch erreichbaren Zipfel utopischer Entwürfe einer imaginierten musikalischen Zukunftsvision zu gestalten.

René Wohlhauser

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Werkkommentar (2) zu Duometrie für Flöte(n) und Baßklarinette (1985/86), Ergon 12,
5 Min.

Der Titel "Duometrie" weist darauf hin, daß ich die ganze Musik dieses Duos aus den prädeterminierten Metren, d.h. aus den im voraus bestimmten Taktarten entwickelt habe; solcherart, daß sich alle musikalischen Gestalten im Sinne einer (vielleicht etwas utopischen) hermetischen (in sich geschlossenen) Ästhetik sozusagen als eigendynamische Prozesse aus wenigen vorausgesetzten Ordnungs-Prämissen herausbilden sollten.

Die Art und Weise des Entfaltens hinsichtlich der Zeitgestaltung und der Zeitstrukturierung war sicherlich wesentlich durch meine damalige Auseinandersetzung mit philosophischen Aspekten der Zeit beeinflußt.

Zum Beispiel durch den imaginären Zeitbegriff. Imaginär bezeichnet der geniale englische Physiker Stephen Hawking in seinem Buch "Eine kurze Geschichte der Zeit" die zur horizontal liegenden, linearen Zeit zusätzlich vertikal stehende imaginäre Zeitrichtung, damit in der daraus entstehenden geschlossenen Fläche ohne Anfang und Ende sowohl die Naturgesetze als auch das Unbestimmtheitsprinzip (also sowohl Ordnung als auch Chaos) gleichzeitig denkbar sind, weil diese Fläche in ihrer Unendlichkeit fast eine Art Kugelgestalt annimmt.

Diese imaginäre Zeitrichtung steht in Verbindung zur komplexen dramaturgischen Zeitorganisation des Stückes, und äußert sich u.a. darin, daß für beide Spieler die Zeit nicht synchron abläuft, da sie sehr oft verschiedene Tempi gleichzeitig gegeneinander zu spielen haben.

"Duometrie" habe ich für Philippe Racine und Ernesto Molinari geschrieben.

René Wohlhauser

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Werkkommentar (3) zu Duometrie für Flöte(n) und Baßklarinette (1985/86), Ergon 12,
5 Min.

Äußere Zeitebenen (wie die von Stephen Hawking bezeichnete, zur linearen Zeit zusätzlich senkrecht stehende imaginäre Zeitrichtung, damit in der daraus entstehenden geschlossenen Fläche ohne Anfang und Ende alle Gegensätze gleichzeitig denkbar sind) stehen im Verhältnis zur stückimmanenten, komplexen dramaturgischen Zeitorganisation, die sich u.a. darin äußert, daß für beide Spieler die Zeit nicht synchron abläuft, da sie sehr oft verschiedene Tempi gleichzeitig gegeneinander zu spielen haben, kontextuell im Spannungsfeld zwischen der realen, sog. objektiven oder physikalischen Zeit gegenüber der für mich entscheidenderen Erlebniszeit.

Fast wie in Platons Höhlengleichnis müssen sich die beiden Spieler durch die Schwierigkeiten in die Höhe emporarbeiten; eine Höhe, die nach dem permanenten Anstieg des Gesamtregisters auch durch das höchste Instrument dargestellt wird.

In diesem Sinne wird man auch in "Duometrie" (wie in andern Werken von mir) ein Abtasten der Grenzen feststellen können, in diesem konkreten Falle ein Ausloten der Möglichkeiten des Zusammenspiels auf gleichsam gefährdetem Terrain; vergleichbar etwa den Erkundungsversuchen eines imaginären Raumes, der wie bei Jorge Luis Borges bei jedem erneuten Betreten erscheint, als hätte man ihn noch nie zuvor gesehen.

Dieser Versuch des Vorstoßens an die Grenzen, in die Randbereiche, ad marginem, um mit einem Bild von Paul Klee zu sprechen, ist, denke ich, ein Grundtopos meiner Arbeit, den man trotz der Verschiedenartigkeit der Stücke stets wieder feststellen kann: ein Nicht-Akzeptieren der traditionell vorgegebenen Beschränkungen, der Versuch der Erweiterung oder gar des Überschreitens von Grenzen; sowie die Auffassung, daß man im künstlerischen Bereich Risiken eingehen muß, um zu neuen interessanten Ausdrucksformen gelangen zu können.

Der Titel "Duometrie" weist darauf hin, daß ich die ganze Musik dieses Duos aus den prädeterminierten Metren, d.h. aus den im voraus bestimmten Taktarten entwickelt habe; solcherart, daß sich alle musikalischen Gestalten im Sinne einer (vielleicht etwas utopischen) hermetischen Ästhetik sozusagen eigendynamisch aus wenigen vorausgesetzten Ordnungs-Prämissen herausbilden sollten.

"Duometrie" habe ich für Philippe Racine und Ernesto Molinari geschrieben.

René Wohlhauser

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Programme note: Duometrie for flute and bass clarinet (1985/86), Ergon 12, 5 min.
(3, engl.)

As in the imaginary time direction described by Stephen Hawking as additional and perpendicular to linear time and in whose resultant unified infinite space all opposites are simultaneously conceivable, outer time planes stand in relation to a work-immanent complex dramaturgic time-organisation in a field of tension between real, so-called objective or physical time and that of the for me decisive experiential time. This finds expression in the fact that (amongst other examples) the progression of time is not synchronous for the two players, who frequently have to play different tempi against each other simultaneously.

Almost as in Plato's Allegory of the Cave, the two players must work their way up through the difficulties to the summit, depicted after a constant ascent through the entire register, by the highest instrument.

In this sense, as in other of my works, it is possible in "Duometrie" to discern a reaching out towards boundaries, in particular here the possibilities of interaction on an as it were endangered terrain, somehow comparable to trying to recognise an imaginary space which, as in Jorge Luis Borges, appears every time one enters it as if one had never seen it before.

Advancing to the limits, into the periphery, ad marginem (to refer to a work by Paul Klee) is, I think, a fundamental theme of my work, always identifiable despite the different nature of the individual pieces: a non-acceptance of traditionally prescribed limitations, the attempt at broadening, even transgressing the limits. And it is my belief that in the arts one must take risks, if one is to find new, engaging forms of expression.

The title "Duometrie" draws attention to the fact that I have developed the entirety of the music of this duo from predetermined metres, i.e. from pre-specified bar types; in such a way that all musical forms should, in the sense of a (perhaps somewhat utopian) hermetic aesthetic, develop from a restricted number of predetermined order-premises.

"Duometrie" was written for Philippe Racine and Ernesto Molinari.

René Wohlhauser
English translation: James Clarke

Entropia


Werkkommentar (1) Entropía per violoncello solo (1997/98), Ergon 24, 15 Min.

Béatrice zugeeignet

Für Frank Cox geschrieben

"Entropie" (ital. entropia) ist die Bezeichnung für das Maß zunehmender Unordnung in einem geschlossenen System. Die Entropie nimmt bei allen natürlich ablaufenden Prozessen zu, wobei aber der eigendynamische Prozeß der Auflösung einer strengen Ordnung in zunehmende "Unordnung" sogleich neue Gesetzmäßigkeiten der kontextuellen Wirkungsweisen konstituiert.

Demzufolge bleiben also die Quantitäten erhalten, aber die Qualitäten nehmen mit der Zeit ab. Das kennen wir auch aus der Informationstheorie. Diesem Verfallsprozeß kann nur mit der Zufuhr neuer Energien und Ideen entgegengesteuert werden. Und diese Energiesteuerung war in diesem Stück eine der großen kompositorischen Herausforderungen.

Ich stellte mir das Cello vor als ein Wesen, das sich mit dämonischer Vitalität und mit viel Phantasie durch die Schwierigkeiten hindurchkämpft, sich sozusagen einen Weg schlägt. (In gewisser Weise vielleicht ein Sinnbild für den Menschen in der heutigen Gesellschaft.)

Meine Aufgabe bestand darin, diesen Kraftlinien zu folgen und die Energiefelder aufzuspüren, sie zueinander in Beziehung zu setzen und so dem musikalischen Ausdruck zur größtmöglichen Spannung zu verhelfen.

Dabei wurde ich an das Gemälde "Das Floß der Medusa" von Théodore Géricault erinnert, in gewisser Weise auch ein Symbol für das vom Schicksal orientierungslos umhergetriebene Individuum in der heutigen Zeit. In diesem Gemälde erwächst die große Kraft, die wir spüren, die optische Phänomenalität, aus dem mutigen Schritt des Malers nach vorne in die Vision (ohne Rücksicht auf realistische Korrektheit), und ermöglicht dadurch eine gesteigerte Erlebnisfähigkeit des Ausdrucks.

Bei diesem Werk handelt es sich um eine Auftragskomposition des Ministeriums für Frauen, Bildung und Kunst des Landes Baden-Württemberg.

René Wohlhauser

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Werkkommentar (2) zu Entropía per violoncello solo (1997/98), Ergon 24, 15 Min.

Béatrice zugeeignet

Für Frank Cox geschrieben

"Entropie" (ital. entropia) ist die Bezeichnung für das Maß zunehmender Unordnung in einem geschlossenen System. Die Entropie nimmt bei allen natürlich ablaufenden Prozessen zu.

Je nach Gebiet existieren noch andere Definitionen dieses Terminus. In der Physik: Zustandsgröße der Thermodynamik, die die Verlaufsrichtung eines Wärmeprozesses kennzeichnet; in der Kommunikationstheorie: Größe des Nachrichtengehaltes einer nach statistischen Gesetzen gesteuerten Nachrichtenquelle; in der Informationstheorie: mittlerer Informationsgehalt der Zeichen eines bestimmten Zeichenvorrats; in der Wahrscheinlichkeitsrechnung: Maß für den Grad der Ungewißheit für den Ausgang eines Versuches (zu grch. entrepein "umkehren, umwenden").

Kompositorisch faszinierte mich der eigendynamische Prozeß der Auflösung einer strengen Ordnung in zunehmende "Unordnung", die aber sofort neue Gesetzmäßigkeiten der kontextuellen Wirkungsweisen konstituiert. Dadurch wird der Komponist zum Beobachter des material-immanenten Richtungswillens aufgestauter Energien.

Daraus ergibt sich die Möglichkeit struktureller Grundlagenforschung und Abwandlungen im Hinblick auf eine perspektivische Entwicklung, ein musikalisches Vorantasten, ein Hinstreben zum Unerreichbaren.

Bei diesem Werk handelt es sich um eine Auftragskomposition des Ministeriums für Frauen, Bildung und Kunst des Landes Baden-Württemberg.

René Wohlhauser

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Comment on the work Entropía per violoncello solo (1997/98)
Written for Frank Cox

‘Entropy’ (Italian: entropia) is a word for the measure of increasing disorder in a closed system. Entropy increases with all naturally running processes, though the process of dissolution of a strict order into increasing ‘disorder’ has an internal momentum and constitutes new laws of contextual modes of operation.

I was here reminded of Théodore Géricault’s painting ‘The Raft of Medusa’, which is in a sense a symbol for the individual, whom fate causes to drift aimlessly in today’s world. In this painting, the immense power that we feel, its optical phenomenality, is a result of the painter’s courageous step forwards into the picture (without paying attention to realistic correctness),
which allows an enhanced capacity to experience expression. This work was commissioned by the Ministry for Women, Education and Art of the State of Baden-Württemberg.

René Wohlhauser
Translation: Chris Walton

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Commentaire sur l’œuvre: Entropía per violoncello solo (1997/98)
Ecrit pour Frank Cox

L’entropie mesure le désordre croissant dans un système fermé. Elle augmente dans tous les processus naturels, mais selon un ordre strict, d’où un nouvel ensemble de lois contextuelles.

Ecrire Entropia m’a rappelé «Le Radeau de la Méduse» de Géricault, symbole – d’une certaine manière – du sort de l’homme contemporain, désorienté et ballotté de-ci de-là. De ce tableau émane une force que nous ressentons, une phénoménalité optique due au courage du peintre, qui s’avance vers une vision (sans se soucier de réalisme correct) et qui permet ainsi une expérience plus intense de l‘expression.

L’oeuvre est une commande de composition du Ministère des affaires féminines, de l’éducation et des arts du Bade-Wurtemberg.

René Wohlhauser
Traduction: Jacques Lasserre

flautando


Werkkommentar zu flautando für 2 Flöten (1980 / 81, rev. 1987), Ergon 7, 13 Min.

Von der gegebenen Situation ausgehend, daß "flautando" als Musizieranweisung historisch stets über einem Nicht-Flötenton (meist über einem Streicherklang) steht, der flötenartig zu interpretieren ist, wollte ich herausfinden, unter welchen Bedingungen sich die Anweisung "flautando" in Verbindung mit der Wahl des Flöteninstrumentes anwenden ließe (was somit aus Konvention einen – zumindest – nicht-konventionellen Flötenton bedingen würde).

Die von mir gewählte Lösung dieses Problems führte dazu, daß allen in diesem Stück vorkommenden akustischen Ereignissen zwei Eigenschaften gemeinsam sind:

1. sie sind alle tonhöhenlos
2. sie sind alle flötenspezifisch, d. h. nur durch das Instrument der Flöte hervorzubringen.

Aus den sich daraus ergebenden vielfältigen akustischen Möglichkeiten traf ich eine Auswahl, die sich zu fünf in sich geschlossenen Teilen komponieren ließ.

Diese fünf Teile sollten in (z. T. humorvoller Art und in) sinnfälliger Weise die flötenspezifischen Nebengeräusche (durch die Anwendung materialspezifischer Kompositionstechniken) zu formbildenden Strukturen emanzipieren bzw. durch die Zuordnung funktioneller Bedeutungen den Materialien dieser "Geräuschkomposition" einen (nicht nur durch den stets gleichbleibenden "Filter" ihrer Erzeugung – der Flöte – gegebenen) substanziell-tragfähigen Gehalt verleihen.

Bei der Verwendung von zwei Flöten bietet sich das kompositorische Aushorchen verschiedener Grade von Kommunikation geradzu an, was in Relation zu einer differenzierten Gestaltung der Komplexitäts-Abstufungen von Satzstrukturen steht.

René Wohlhauser


Kurzbeschreibung: Im ganzen Stück wird keine definierbare (traditionelle) Tonhöhe gespielt, da es sich um eine reine Klangfarben-Geräuschkomposition handelt. Analog zu den nicht vorhandenen Tonhöhen erscheint auch kein Rhythmus im traditionellen Sinne.

Fragmente für Orchester


Werkkommentar (1) zu Fragmente für Orchester (1979), Ergon 6, 10 Min.

Bei diesem Orchesterstück handelt es sich um 11 ausgearbeitete kompositorische Ideen. Der fragmentarische Charakter entsteht durch die Kürze der Teile.

Im Teil I. q = 50 wird eine Melodie in Einzelmomente zerlegt und punktuell instrumentiert, wobei sowohl registermäßig als auch klangfarblich die Kontrastmöglichkeiten des Orchesters ausgelotet werden. Aus der Melodie entsteht eine horizontale Intervallfolge, die vertikal zum Schlüsselakkord für das ganze Stück wird.

Nach dem melodischen Aspekt kommt im Teil II. q = 100 die Harmonie zum Zuge, in einem proportionalen Wechselspiel mit der Generalpause.

Der Teil III. q = 150 versucht die gegensätzlichen Momente in einem ersten Höhepunkt zu einem bewegten Klangfeld zusammenzuführen, in der Art einer Hüllkurve, die im Teil IV. senza tempo ihren Ausschwingvorgang findet.

Das Mahler-Zitat im Teil V. Zitat steht nur als isolierte Erinnerung, die sich im darauffolgenden langen Morendo (Teil VI. morendo) verliert (gestaltet als Zunahme der Zeitproportionen, was zu einer Verlangsamung der Bewegung führt).

Darauf folgt als Abschluß der I. Abteilung ein Choral (Teil VII. Choral), bestehend aus einer sich entwickelnden Konstellation verschiedener kombinierter Intervall-Spannungsgrade.

Der Teil VIII. Intermezzo ringt sich aus pompösen Klangmassen zum Schlüsselakkord durch, der in hämmernder Repetition die II. Abteilung einleitet.

In der II. Abteilung werden die einzelnen, in der ersten Abteilung ausgearbeiteten Ideen zu mehrschichtigen Gebilden zusammengefügt.

Im Teil IX. q = 50 wird die Melodie aus dem I. Teil mit der Harmonie aus dem II. Teil unterlegt, unterbrochen von Reminiszenzen aus den andern Teilen.

Das zweite Intermezzo (Teil X. Intermezzo 2), das ausschließlich von Bläsern in verschiedenen Farbmischungen bestritten wird, leitet über zum letzten Teil XI. q = 50, der in einer Art Finale die vorausgegangenen Ideen zu einem beziehungsreichen mehrschichtigen Ganzen zusammenfügt.

René Wohlhauser


Werkkommentar (2) zu Fragmente für Orchester (1979), Ergon 6, 10 Min.

Klangblöcke zwischen Statik und Dynamik

Die kompositorische Idee, die hinter den Fragmenten für Orchester steht, besteht darin, verschiedenartige Formen von Tonfeldern und von Tonfeld-Kombinationen auf verständliche Art und Weise darzustellen.

Damit liegt nun eine orchestrale Fassung eines Gedankens vor, den ich in Lemuria und zum Teil auch in Modulaltica mit elektronischen Mitteln zu realisieren versucht habe.

Während sich dort aber die musikalische Form aus den Wechselwirkungen zwischen klar profilierten solistischen Gestalten und einem verschlungenen musikalischen Gewebe als zweiter Ebene (bzw. als "Hintergrund") entwickelte, habe ich mir im vorliegenden Stück vorgenommen, die Dualität zwischen Einzelgestalten und Tonkomplexen auszuschalten.

Im Gegensatz zum Klavierstück Nesut, das von der rhythmischen Durchgestaltung der kleinsten Einheiten des musikalischen Gewebes ausgeht, versuchte ich in den Fragmenten für Orchester eine Rhythmik zu entwickeln, die ihre Entsprechungen in den makrostrukturell konzipierten Zeitverhältnissen bzw. Dauernverhältnissen des Stückes findet.

Um eine mechanische Systematik des Formaufbaus zu vermeiden, sind sowohl die Mikrostrukturen als auch die rhythmisch-formale Konzeption aperiodisch gestaltet.

René Wohlhauser

Gantenbein

Werkkommentar zu Gantenbein, Musiktheater für 4 Solisten und Orchester (2002-2004), Ergon 30, 60 Min.
Text aus Max Frischs Roman Mein Name sei Gantenbein, zusammengestellt vom Komponisten.
(Sopran, Mezzosopran, Tenor, Bariton; Fl., Ob., 2 Cl. contrabassi (anche Cl. e Cl.bassi), Fg.; Cor., Tr., 2 Tn., Tba; 2 Perc.; 8 Vl. I, 6 Vl. II, 4 Vle., 4 Vc, 2 Cb.)

Kompositionsauftrag des Luzerner Theaters und der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) in Zusammenarbeit mit den Weltmusiktagen 2004. Mit zusätzlicher finanzieller Unterstützung der Ernst Göhner Stiftung Zug und der Fondation Nestlé pour l'Art.

UA: 4.11.2004, Stadttheater Luzern in Zusammenarbeit mit den Weltmusiktagen 2004 (Simone Stock, Sopran, Caroline Vitale, Mezzosopran, Alexander Kaimbacher, Tenor, Howard Quilla Croft, Bariton; Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Mark Foster)
Aufnahme: Radio DRS 2, 2004

Für meine Kinder Sofie, Alma, Elias und Severin und für Christine


Gantenbein – oder die Absurdität der Existenz
(Erschienen in der Musikzeitschrift "Dissonanz" # 87, September 2004.)

Das Thema der Oper ist die Beziehung zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann. (In einer Oper muß es ja um die Liebe gehen …)
Das Libretto habe ich aus ihren beiden Romanen zusammengestellt, in denen sie diese Beziehung literarisch verarbeitet haben: "Mein Name sei Gantenbein" von Max Frisch und "Malina" von Ingeborg Bachmann. Und zwar ging es mir nicht darum, im Sinne eines konventionellen Konversationsdramas einfach die Geschichte nachzuerzählen, sondern ich habe versucht, gegenüber der Vorlage eine Perspektive einzunehmen und bewußt jene Stellen auszuwählen, in denen die Verästelungen des individuellen Erlebens der Beziehung ins Zentrum gerückt und aus verschiedenen Sichtweisen heraus beleuchtet wurden (ein Psychodrama der Seelenspiegelungen). Daraus entstanden fiktive Dialoge mit einer tendenziell surrealen Struktur.

Er: "Ich weiß nicht, was geschehen ist …" (Gantenbein, S. 17)
Sie: "Es wird einiges nie gewesen sein." (Malina. Werke, Bd. III, S. 174)

Das Mißtrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung durchzieht den ganzen Text und steht in kausalem Zusammenhang mit der diesen beiden Schriftstellern wesenseigenen Suche nach ihrer Identität.

Die Problematisierung der Identitätsbildung hat im spätmodernen Lebensumfeld nichts von ihrer Aktualität verloren, sondern hat nur ihre Gewichte verschoben. Wie kann Kunst ihre kritische Autonomie bewahren und weiterhin Visionen einer Gegenwelt entwerfen, ohne gesellschaftlich marginalisiert zu werden? Vielleicht indem sie durch Einmischung in den öffentlichen Diskurs den Stachel des Andersdenkens ins allgemeine Bewußtsein stößt und in emphatischem Sinne durch kompromißlose Weiterentwicklung der künstlerischen Mittel den Primat der Ökonomie in Frage stellt und damit die Würde des Individuums wiederherzustellen versucht. Kunst nicht als bloße Produktion ästhetischer Valeurs, die sich vom Markt vereinnahmen und kontrollieren lassen, sondern als existenzielle Haltung des Widerspruchs und der Herausforderung, die am Begriff des Utopischen festhält und versucht, aus dem postmodernen Sumpf eine Perspektive in die Zukunft hinein zu entwerfen.

Die Textgegenüberstellung führte jedoch zum Skandal, da für die Bachmann-Erben die Beziehung zwischen Frisch und Bachmann offenbar immer noch ein Tabu darstellt. Sie halten Frisch für den Bösewicht, der den Tod von Ingeborg Bachmann verschuldet habe.
Die Weigerung der Bachmann-Erben, die Textrechte freizugeben, führte dazu, daß Ingeborg Bachmann in dieser Oper nicht mit ihrer eigenen Stimme reden und sich verteidigen darf, sondern daß ihre Dialoganteile (bis zu einer allfälligen Textfreigabe) durch den Spiegel und den Gedankenstil von Max Frischs Sichtweise reflektiert und in seiner Diktion formuliert werden, indem diese Passagen nun ebenfalls seinem Buch entnommen sind.

Ironischer Bezugspunkt in diesem Verwirrspiel der Geschichten und Haltungen ist das Prinzip Gantenbein: Die Welt im allgemeinen und das Zusammensein mit einer Frau im speziellen sind nur auszuhalten, wenn man sich blind stellt. (Was aber glücklicherweise auch Gantenbein nicht durchhält, sonst hätte ich ja keine Eifersuchtsszene komponieren können …) Gleichzeitig wird durch die Ausblendung der optischen Dimension die akustische Wahrnehmung geschärft und die Weltsicht in den Innenraum umgelenkt.

Die nicht-narrative (und in der Chronologie der Ereignisse umgestellte) Handlung, die Reflexionsebene und die erträumte Gegenwelt überlagern sich gleichzeitig in mehreren Zeitschichten, so daß, im Sinne der Aufbrechung des personifizierten Gesangs in alter egos, die gespaltenen Figuren aus verschiedenen Perpektiven heraus sich selber gegenseitig kommentieren können. (Aber nicht in fünf verschiedenen Sprachen, wie dies heute vielfach üblich ist …) Dies entspricht meinen musikalischen Vorstellungen einer perspektivischen Musik, in der auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig lineare Verläufe zeitlicher Verdichtung und zeitlicher Dehnung sich voneinander abheben und so zu einer reliefartigen Strukturierung der Wahrnehmung führen.

Die Musik durchläuft auf ihrer Suche nach einem schlichten (jedoch substanziell unterfütterten), unmittelbar berührenden Tonfall und einem starken sinnlichen Ausdruck in spannungsgeladener Dialektik zu kritischer intellektueller Reflexivität einen Prozeß der Verwandlung, von opernhaftem Reagieren auf Textstellen, über die beklemmende Expressivität, wenn die Musik mit objektiver Unbeirrbarkeit über die Katastrophen der Handlung hinwegzieht (z.B. in der Eifersuchtsszene), bis hin zu jenen Stellen, an denen die Musik durch gegenteilige Akzentuierungen und Beleuchtungen die semantischen Implikationen des Textes kontrapunktiert. Ein innerer, verbindlicher Zusammenhang wird dabei durch die Radikalität des obsessiven Insistierens gewonnen.

Dabei galt ein spezielles Augenmerk dem Bestreben, durch algorithmische Verfahren wie Iteration und Rekursion eine einheitsstiftende Grammatik zu entwickeln, indem die Interaktion der Teile des Gesamtsystems auf der Makroebene durch Analogiebildungen auf der Mikroebene gespiegelt wird und zur Emergenz neuer Ordnungsprinzipien und damit zu Erscheinungsformen von Selbstorganisation führt, also auf verschiedenen musikalischen Raum- und Zeitskalen ein ähnliches Muster bilden und daher im Sinne der Selbstähnlichkeit skaleninvariant sind, und somit als Ganzes am dramaturgischen Zeitknoten der Peripetie in ein konträres dynamisches Wirkungsfeld kippen und damit die Fiktionalität von künstlerisch reflektierter Wirklichkeit aufzeigen.

Frisch selbst hat erklärt, es gehe ihm darum, "die Wirklichkeit einer Person zu zeigen, indem sie als weißer Fleck erscheint, umrissen durch die Summe der Fiktionen, die dieser Person möglich sind".

Die Renaissance des Musiktheaters mag ein Indiz dafür sein, daß der metaphysische Hohlraum, den die technologisch-kapitalistisch dominierte Lebensumwelt in unser Dasein geschlagen hat, die Suche nach Sinn und nach Transzendenz nicht zufälligerweise in einem Medium forciert, in dem einerseits die Musik als Parameter der Erlebniszeit in ihrer Flüchtigkeit metaphorisch die Vergänglichkeit repräsentiert, und andererseits der Mensch als Träger von Ideen und Entwürfen gleichsam symbolisch in seiner Verlorenheit vor die Aporien und Absurditäten der Existenz gestellt wird.

René Wohlhauser


Werkkommentar zu Gantenbein, Musiktheater für 4 Solisten und Orchester (2002-2004), Ergon 30, 60 Min.
Text aus Max Frischs Roman Mein Name sei Gantenbein, zusammengestellt vom Komponisten.
(Sopran, Mezzosopran, Tenor, Bariton; Fl., Ob., 2 Cl. contrabassi (anche Cl. e Cl.bassi), Fg.; Cor., Tr., 2 Tn., Tba; 2 Perc.; 8 Vl. I, 6 Vl. II, 4 Vle., 4 Vc, 2 Cb.)

Kompositionsauftrag des Luzerner Theaters und der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) in Zusammenarbeit mit den Weltmusiktagen 2004. Mit zusätzlicher finanzieller Unterstützung der Ernst Göhner Stiftung Zug und der Fondation Nestlé pour l'Art.

UA: 4.11.2004, Stadttheater Luzern in Zusammenarbeit mit den Weltmusiktagen 2004 (Simone Stock, Sopran, Caroline Vitale, Mezzosopran, Alexander Kaimbacher, Tenor, Howard Quilla Croft, Bariton; Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Mark Foster)
Aufnahme: Radio DRS 2, 2004

Für meine Kinder Sofie, Alma, Elias und Severin und für Christine

Das Thema der Oper sind die verschiedenen Sicht- und Betrachtungsweisen der Beziehung zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann. (In einer Oper muß es ja um die Liebe gehen …) Geplant war eine Textzusammenstellung aus ihren beiden Romanen, in denen sie diese Beziehung literarisch verarbeitet haben (ein Psychodrama der Seelenspiegelungen): "Mein Name sei Gantenbein" von Max Frisch und "Malina" von Ingeborg Bachmann. Diese Stellen habe ich im Libretto zu einer fiktiven Handlung und zu fiktiven Dialogen montiert. Dies führte jedoch zum Skandal, da für die Bachmann-Erben die Beziehung zwischen Frisch und Bachmann offenbar immer noch ein Tabu darstellt. Sie halten Frisch für den Bösewicht, der am Tod von Ingeborg Bachmann schuld sei.
Die Weigerung der Bachmann-Erben, die Textrechte freizugeben, führte dazu, daß Ingeborg Bachmann in dieser Oper nicht mit ihrer eigenen Stimme reden und sich verteidigen darf, sondern daß ihre Dialoganteile (bis zu einer allfälligen Textfreigabe) durch den Spiegel und den Gedankenstil von Max Frischs Sichtweise reflektiert und in seiner Diktion formuliert werden, indem diese Passagen nun ebenfalls seinem Buch entnommen sind.

Ironischer Bezugspunkt in diesem Verwirrspiel der Geschichten und Haltungen ist das Prinzip Gantenbein: Die Welt im allgemeinen und die Frauen im speziellen sind nur auszuhalten, wenn man sich blind stellt. (Was aber glücklicherweise auch Gantenbein nicht durchhält, sonst hätte ich ja keine Eifersuchtsszene komponieren können …) Die Figur Gantenbein, die sich blind stellt, um die Probleme nicht sehen zu müssen, und die doch trotzdem ganz genau wahrnimmt, was abläuft, repräsentiert für mich in modellhafter Form die Gespaltenheit des modernen Menschen und ist eine Metapher für uns, die wir täglich sehen, was auf der Welt geschieht, und trotzdem weiterleben, als sähen wir es nicht. Gleichzeitig wird durch die Ausblendung des optischen Sinneseindrucks die akustische Wahrnehmung geschärft und die Weltsicht verändert.

Die Handlung läuft gleichzeitig auf mehreren Zeitebenen ab, so daß die Personen und ihre alter egos aus verschiedenen Perpektiven heraus sich gegenseitig kommentieren können. (Aber nicht in fünf verschiedenen Sprachen, wie dies heute vielfach üblich ist …) Dies entspricht meinen musikalischen Vorstellungen einer perspektivischen Musik, in der auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig lineare Verläufe zeitlicher Verdichtung und zeitlicher Dehnung sich voneinander abheben und so zu einer reliefartigen Strukturierung der Wahrnehmung führen.

***

Und dies bringt mich zu einem kurzen Überblick über einige Tendenzen im heutigen Musiktheater-Schaffen und zur Situierung meiner Oper darin.

Im heutigen Musiktheater-Schaffen beobachte ich grundsätzlich zwei gegensätzliche Tendenzen:
1. Entweder gehen die Komponisten bewußt traditionell vor, machen narratives Musiktheater, erzählen eine Geschichte nach, mit Dramatik, Theaterdonner und naturalistischen Effekten, und vorallem mit traditionellem Belcanto.
2. Oder sie versuchen um jeden Preis ein Konversationsdrama zu verhindern,
(1) indem die Linearität der Handlung aufgebrochen wird (die Chronologie der Ereignisse wird umgestellt),
(2) indem die Tradition des personifizierten Gesangs aufgebrochen wird (u.a. durch die Aufsplitterung der Personen in alter egos),
(3) indem Texte ohne dramaturgische Qualitäten verwendet werden (philosophische Geschichtshypothesen beispielsweise),
(4a) indem die Textunverständlichkeit durch Stottern und Zischen von Sprachpartikeln und
(4b) durch simultane Mehrsprachigkeit akzentuiert wird.
(5) Dem entspricht dann in der Musik eine der traditionellen Opernauffassung entgegenstehende Verinnerlichung und eine (ebenfalls nicht operntypische) hoch-komplexe Ausdifferenzierung.
3. Demgegenüber versuche ich einen dritten Weg zu gehen.
(1) Ich behalte einerseits die Textverständlichkeit bei, damit die literarische Sprache erhalten bleibt.
(2) Ich habe aber andererseits nicht einfach das Buch von Frisch nacherzählt, sondern ich nehme gegenüber der Vorlage eine Perspektive ein, indem ich bewußt jene Stellen ausgewählt habe, in denen der Beziehungsaspekt ins Zentrum gerückt und beleuchtet wird. (Frischs "Gantenbein" besteht ja sowieso nicht aus einer Geschichte im traditionellen Sinne, sondern vielmehr aus einem Aggregatszustand, d.h. aus einer vielfach gegliederten Gemengelage verschiedener aufeinander wirkender Anschauungsweisen und Haltungen gegenüber bestimmten Situationen. Und notabene ist es auch ein frühes Beispiel von nicht-linearem Erzählen, was heute ja hoch im Kurs steht, das hier aber sehr sinnlich daherkommt, und nicht als abstrakte Konstruktion.)
(3) Und diese Stellen habe ich mit entsprechenden Passagen aus den Werken von Bachmann kontrastiert, wo sie zu den gleichen Motiven (wie Vergänglichkeit oder Eifersucht, Zeit oder zwischenmenschliche Verletzungen) Aussagen macht. Diese Ebene der Wechselwirkungen wird nun nochmals gebrochen, indem diese Stellungnahmen Bachmanns wieder auf Frisch zurückgeworfen und in seinen Worten, d.h. aus seiner Blickrichtung des Erlebten, wiedergegeben werden. Damit wird sein Bemühen widergespiegelt, nicht in der eigenen Identität verhaftet zu bleiben, sondern sich auch in die entgegengesetzte weibliche Denk- und Auffassungsweise hineinzuversetzen.

Durch diese in ihrer Betrachtungsweise mehrfach abgebogene, mit sich selbst konfrontierte Gegenüberstellung werden die Beziehungsaspekte fokussiert und die Texte gewinnen in verändertem Kontext eine neue Gewichtung und werden dadurch in ihrer Bedeutung gewendet.

Das Resultat sind nur scheinbare Dialoge, bei denen man, äußerlich gesehen, glauben könnte, sie würden miteinander reden, wo sich aber bei näherem Hinhören herausstellt, daß sie aneinander vorbeireden. Es ergibt sich also eine surreale Dialogstruktur.

Diese Dialogstruktur bekommt nun noch eine weitere Dimension, indem durch die Überlagerung der Zeitebenen und durch die Aufsplitterung in ihre alter egos sich die Personen in der Distanz zur eigenen Geschichte selbst kommentieren. Somit wird durch Gegenüberstellungen von Aussagen der beiden verdeutlicht, wieso die Beziehung zwischen ihnen nicht gelingen konnte.

Dies ist die eine Perspektive, die ich gegenüber der Textvorlage einnehme. Eine andere besteht darin, daß, entsprechend dem Konzept der Romanvorlage, Ereignisse aus verschiedenen Sichtweisen heraus dargestellt und kommentiert werden. Damit wird dokumentiert, wie das Erleben gleicher Situationen in unterschiedlicher Weise subjektiv gefärbt bleibt. Es geht dabei aber nicht nur um eine Darstellung der Relativität, sondern auch darum zu zeigen, wie die beiden Protagonisten trotz hohem Reflektionsniveau und ständiger Selbstinfragestellung dem Gefängnis ihrer eigenen Position und ihrer subjektiven Lebenswelt nicht zu entfliehen vermochten und daß deshalb die Beziehung scheitern mußte.

Musikalisch entspricht dem eine kontrastierende Palette von Ausdrucksmöglichkeiten, von opernhaftem Reagieren auf Textstellen, über die beklemmende Expressivität, wenn die Musik mit objektiver Unbeirrbarkeit über die Katastrophen der Handlung hinwegzieht (z.B. in der Eifersuchtsszene), bis hin zu jenen Stellen, wo die Musik den Text durch gegenteilige Akzentuierungen und Beleuchtungen kontrapunktiert. Ein innerer, verbindlicher Zusammenhang wird dabei durch die Radikalität des obsessiven Insistierens gewonnen.

***

Die konzeptionelle Grunddisposition der Oper besteht aus mehreren Zeitebenen, die sich permanent überlagern. Dies wird dadurch erreicht, daß die beiden Hauptpersonen in alter egos aufgespalten werden, so daß sie sich gegenseitig aus verschiedenen (zeitlichen und emotionalen) Perspektiven heraus kommentieren können. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, mehrere Szenen auf verschiedenen zeitlichen Ebenen gleichzeitig spielen lassen. Wie im Traum fließen Gegenwart und Vergangenheit ineinander.

Daraus resultiert folgende formale Anlage:

........................(-----…----->)..-------------------->(W.-T.-E.)(-----…----->)
...................................................................(Film-/Vorhang-Ebene)
.....................--------------------->.....................--------------------> (B.-E.)

-------------------->-------------------->-------------------->-------------------->---------------> (K.-E.)
.....................................................................Multi-Ebene
W.-T.-E.: Wunschtraum-Ebene
B.-E.: Begegnungs-Ebene
K.-E.: Kommentar-Ebene

1. Während der Einleitung entsteht auf einem Teil der Bühne, sozusagen als nachgeordnete Gegenwart, eine Kommentar-Ebene (die sogenannte "Erinnerungsszene 1"), auf der sich die beiden Protagonisten im Rückblick an Momente aus der gescheiterten Beziehung erinnern.
2. Diese rückblickende Kommentar-Ebene läuft nun durch das ganze Stück hindurch, während gleichzeitig auf einem anderen Teil der Bühne, auf der sogenannten Begegnungs-Ebene, der Vergangenheit, zwei Szenen aus dieser Beziehung von den alter egos gespielt werden. Und zwar sind dies in nicht-chronologischer Folge zuerst die Trennungsszene und dann die Eifersuchtsszene. (Durch die weiterlaufende Kommentar-Ebene werden die Ereignisse dieser beiden Szenen aus der Erinnerung heraus gedeutet und uminterpretiert.)
• So können sich die Personen aus verschiedenen Perspektiven selbst kommentieren.
• Das heißt: die eine Szenen-Ebene weiß von der anderen, während diese aber nichts von der einen weiß.
3. Zwischen diese beiden Hauptszenen ist eine fiktive Szene eingelassen, die nur in der Wunschwelt, sozusagen in einer utopischen Zeit existiert: die Beziehungsutopie (der Traum, wie eine Beziehung idealiter sein könnte). Also eine dritte Zeitebene, die im Grunde genommen auch permanent in Gedanken vorhanden ist, die aber nur in diesem einen Moment aufscheint. Zeitlich ist dies quasi eine Zukunftsvision.
4. Zeitweilig flackert in der Eifersuchtsszene noch eine Neben-Zeitebene auf (wahlweise entweder als Film oder hinter einem beleuchteten oder einem halbtransparenten Vorhang gespielt). Während die Kommentar-Ebene in der historischen Gegenwart der 60er-Jahre spielt und die Eifersuchtsszene von dort aus gesehen die Vergangenheit darstellt, ist im Film eine Szene aus einer noch früheren Vergangenheit zu sehen, die dann Anlaß zur Eifersuchtsszene, und damit wieder zur Kommentar-Ebene, gibt.
5. In der Ausleitung schließlich sinkt die virtuelle Übereinanderschichtung der verschiedenen Szenen und Zeitebenen ins Geräuschhafte ab.

***

Formales Spiegelbild der Solistenbesetzung:
Eine zusätzliche Verdeutlichung der formalen Anlage ergibt sich durch die Verteilung der Solisten auf die fünf Szenen, so daß ein formales Spiegelbild entsteht:
In den Außenszenen kommen nur die Erinnerungsträger Mezzosopran und Bariton vor. In der Mittelszene (Beziehungs-Utopie) agieren nur die Alter egos Sopran und Tenor. In den dazwischen liegenden Szenen singen alle vier.

Hauptinstrumente in den einzelnen Teilen und musikalischer Ablauf
Zur besseren Charakterisierung sind den einzelnen Teilen jeweils Hauptinstrumente zugeordnet.
• Die beiden Kontrabaßklarinetten stellen die Hauptinstrumente in der Einleitung dar. Sie beginnen in der tiefsten, tonhöhenmäßig kaum mehr erkennbaren Lage als Ausdruck für die tiefgründige Trauer im Randbereich des Bewußtseins. Diese Trauerstimmung wird erst ins Flattern gebracht, als sich Gantenbein zu überlegen beginnt, ob es vielleicht nicht besser wäre, alles anzuzünden (ab T. 91). Diese, zuerst niedergehaltene, Verzweiflung kommt dann (ab T. 102) in den Blechbläsern zum Ausbruch (die in dieser Oper das männliche Prinzip darstellen, im Gegensatz zu den Streichern, die für das weibliche stehen), indem sie schier Unmögliches zu spielen haben und dabei wie außer sich geraten (Verzweiflungsmusik). (Die Einleitung ist einer der für diese Oper typischen Momente, wo die Musik sich staut und anschließend in gewisser Weise explodiert und außer Kontrolle gerät.) Die Antwort der Frau mit dem ursprünglichen Bachmann-Text "Du machst mich noch ganz krank" ab T.111 besteht aus Streicherflageoletts in der höchsten Lage, die sich wie ein Tinnitus ins Gehirn bohren. Die Antwort auf die sich womöglich stellende Frage, worin denn diese Krankheit wohl bestehe, gibt die Musik ab T. 127 mit der Antizipation der Eifersuchts-Musik aus der 4. Szene.
• Blech und Streicher fungieren als Hauptinstrumente zu Beginn der Trennungsszene als Versinnbildlichung des Antagonismus’ zwischen männlichem und weiblichem Prinzip. Während das weibliche Material (die Streicher) konstant bleibt (T.1-47, achtfacher Kontrapunkt ohne Oktaven), sieht sich das anfänglich selbstgefällig daherkommende Männliche (das Blech) ab T. 21 zunehmend einem Auflösungsprozeß ausgesetzt. (Fünffacher Kontrapunkt ohne Oktaven. Zwischen Blech und Streichern hingegen existieren durchaus Oktaven, da es sich um verschiedene Welten handelt, die jeweils in sich stimmig organisiert, aber vollkommen voneinander getrennt sind, also eben nicht zueinander kommen können und somit den Aspekt der Trennung kompositionstechnisch darstellen.) Die weibliche Welt gerät erst ins Schlingern, nachdem die männliche sich aufgelöst hat (ab T. 48).
Ein Moment der Identitätssuche entwickelt sich ab T. 194, indem jede Person sich zur Festigung eine andere Orchestergruppe zuordnet: Tenor mit Blech, Bariton mit Holz, Sopran mit Streichern und Mezzosopran mit Schlagzeug. Daß die Identitäten dann aber doch ineinander verfließen, erfahren die Figuren ab T. 253, indem die kontrastierenden Schichten zu einem Ganzen verschmelzen (siehe weiter unten).
Am Ende der Trennungsszene, als die beiden Protagonisten am liebsten aus der Realität flüchten und vor sich selbst davonrennen möchten, jagt das ganze Orchester in einem irrsinnigen Tempo wie in einem Höllenritt durch den Orchestergraben. (Dies ist gleichzeitig ein Leistungsausweis des hohen spieltechnischen Könnens und des Engagements des hervorragenden Luzerner Sinfonieorchesters unter der Leitung von Mark Foster.)
• Das Irisierend-Unbestimmte (das sonst in diesem Stück weitgehend ausgespart bleibt und deshalb wie eine andere Welt wirkt), hier dargestellt durch die sozusagen schwebenden Streicher (mittels einer speziellen, der elektronischen Musik abgelauschten Spieltechnik), ist der Hauptparameter in der Beziehungsutopie und entlarvt so die Wunschwelt als Illusion. Dazu vernimmt man wie aus einer andern Sphäre Zischlaute, bei denen man nicht sicher ist, ob es sich um eine Sprache handelt, die man nicht versteht. Es sind die letzten Reste und Scherben, die vom abgehoben-anhimmelnden Text übriggeblieben sind, in dem sich die beiden Protagonisten die höchsten Gefühle der Liebe erklären (aus Ingeborg Bachmann: "Gott in Manhatten").
• Das Kontrafagott als roter Faden in der Eifersuchtsszene bringt die traditionell mit diesem Instrument verbundenen ironischen und humoristischen Elemente hinein und macht damit die Eifersucht in ihrer Verbohrtheit lächerlich.
Zudem: das Ostinato wird in der zeitgenössischen Musik nun schon seit langer Zeit tabuisiert. Deshalb ist eine Neudefinition überfällig.
Vier Instrumente zeichnen zu Beginn der Eifersuchtsszene Karikaturen der vier Figuren: das quäkende Kontrafagott humpelt wie der tolpatschige, blinde Gantenbein durch die Szene, gefolgt vom geifernden, fast einwenig mickerigen Piccolo. Die um Ausgleich bemühten Protagonisten auf der Kommentar-Ebene aktivieren auf der weiblichen Seite die flötende Oboe und auf der männlichen das kuhfladenwarme Horn. Dazwischen steht der verwirrte Zuschauer (Trompete), der nicht weiß, auf welche Seite er blicken soll.
Einen Höhepunkt der Oper stellt sicher die Rachearie gegen Ende der Eifersuchtsszene dar, in der der Sopran, nur vom sehr virtuosen Xylophon begleitet, bis an seine Grenzen gefordert wird. (Auch die vier Solisten erbringen in diesem Stück ganz Außergewöhnliches.)
• In der Ausleitung neutralisieren sich sozusagen alle Instrumente im gemeinsamen Geräusch (Identitätsverlust und Zerfall der musikalischen Sprache). Wie aus dem Grab erklingt im Rücken des Zuschauers die Sprechstimme der beiden Protagonisten.

Daraus ergibt sich die Großform der Bilder.

***

Die Frage der Figurenidentität oder das Problem der Leitmotivik
Die Singstimmen-Behandlung je nach Figur und die Material-Behandlung je nach Ebene zu unterscheiden, ist das, was alle erwarten oder machen würden, um vermeintlich vorhandene Identität zu behaupten. Und genau das geht bei Frisch und auch bei Ingeborg Bachmann nicht, weil bei ihnen die Suche nach der Identität stets ein zentrales Thema war.
Das mit sich selbst identische Selbst existiert hier nicht. Deshalb muß die Identität als Problem auch in der Oper künstlerisch in Frage gestellt und thematisiert werden. Identität kann nicht festgemacht, sondern muß ständig neu erkämpft werden. Und gerade dieses Suchen nach Identität ist das, was die Behandlung der Singstimmen im individuellen Bereich, aber auch die Behandlung der Ebenen zueinander im übergeordneten Bereich kennzeichnet.

Die Problematisierung der Identitätsbildung hat im spätmodernen Lebensumfeld nichts von seiner Aktualität verloren, sondern hat nur seine Gewichte verschoben. Wie kann Kunst ihre kritische Autonomie bewahren und weiterhin Utopien einer Gegenwelt entwerfen, ohne gesellschaftlich marginalisiert zu werden? Vielleicht indem sie durch Einmischung in den öffentlichen Diskurs den Stachel des Andersdenkens ins allgemeine Bewußtsein stößt und in emphatischem Sinne durch kompromißlose Weiterentwicklung der künstlerischen Mittel den Primat der Ökonomie in Frage stellt und die Würde des Individuums wiederherzustellen versucht. Kunst nicht als ästhetische Valeurs, die sich vom Markt vereinnahmen und kontrollieren lassen, sondern als Widerspruch und Herausforderung.

Deshalb gibt es in dieser Oper keine traditionelle Leitmotivik, sondern es handelt sich bei der Figur Gantenbein um einen Menschen in verschiedenen Seelenzuständen (dem würde eine Leitmotivik widersprechen, die Identität suggeriert). Manchmal befinden sich auch zwei Figuren im gleichen Seelenzustand (da müßten beide das gleiche Leitmotiv haben).
Das Problem der Identität wird in diesem Stück dahingehend akzentuiert, daß bewußt keine identitätsstiftende musikalische Material-Zuordnung zu Personen stattfindet, so wie dies normalerweise erwartet wird, sondern daß ihre Unterscheidung objektiv nur durch ihre äußeren Funktionen definiert ist, subjektiv aber immer wieder neu gesucht wird.
Das heißt: Bei jeder Begegnung müssen die Beziehungen zueinander neu definiert werden, indem sich jede Figur je nach Situation an den ihr adäquaten Ton und Duktus wieder neu herantastet.

Als Beispiel: am Ende der Trennungsszene versuchen sich die vier Figuren über ihre Art des Singens gegeneinander abzuheben. Dies wird unterstützt, indem jeder Person spezielle Instrumenten-Kombinationen zugeordnet werden. Aber trotz dieser mehrfach übereinander gelagerten und sich gegeneinander kontrastierenden Schichten erliegen die verschiedenen Ebenen im abschließenden Quartett dem Sog der Schicksalsgemeinschaft und verschmelzen ineinander.

An die Stelle der traditionellen Leitmotivik tritt eher eine Art "Leitmotivik" für bestimmte Zustände und Affekte bzw. für musikalische Vorstellungen:
• wie Trauer und Trostlosigkeit, in der Einleitung durch sehr tiefe Instrumente (zwei Kontrabaßklarinetten) dargestellt, die auch für die aus dem Unbewußten aufsteigende Erinnerung stehen (gleichzeitig der Versuch eines neuen, schlichten Tonfalls, der aber nicht in die Banalität abgleitet, sondern der je nach musikalischer Notwendigkeit Einfachheit und Komplexität (als Stilmittel) miteinander in Beziehung setzt);
• wie Wut, in der Trennungsszene mit harten Blechbläserakzenten gestaltet (gleichzeitig das Prinzip vollkommen voneinander getrennter, nur in sich selbst stimmiger und geschlossener Welten bzw. Schichten, die nicht miteinander kommunizieren und doch in intensiver musikalischer Beziehung zueinander stehen),
• wie Harmonie, in der Beziehungsutopie-Szene durch die vermeintliche Aufhebung des dialektischen Prinzips repräsentiert (was zu einem musikalischen Schwebezustand führt);
• wie Eifersucht, in der Eifersuchtsszene durch Repetitives (als Metapher für die immer wiederkehrenden gegenseitigen Vorwürfe), In-sich-drehendes, Delirierendes, nur um das eigene Ich Kreisendes (Hauptinstrument: Kontrafagott) ausgedrückt (gekoppelt mit der musikalischen Vorstellung einer unendlichen Dehnung der Zeit, eines quasi-Stillstandes bzw. eines In-sich-verfangen-seins von Zeit).

Einzig in der Trennungsszene scheint eine allgemeine geschlechtsspezifische Zuordnung auf, indem die Streicher der weiblichen und das Blech der männlichen Seite zugeordnet werden, um damit die Dichotomie der simultanen Schichten und der sukzessiven Gegenüberstellungen auch im Klanglichen zu verdeutlichen.

Durch die Aufspaltung der Personen entsteht objektivierende Distanz (die die Geschichte gleichsam auf eine wertneutrale und damit auf eine allgemeinverbindliche Ebene stellt).

Während auf der Begegnungs-Ebene die äußeren Ereignisse vorgetragen werden, fällt den Personen auf der Kommentar-Ebene die Aufgabe zu, die emotionale Dimension auszudrücken. Dadurch ergeben sich folgende Funktionen: Die Begegnungs-Ebene als die gelebte Ebene, die Kommentar-Ebene als erinnerte Ebene und die Wunschtraum-Ebene als die erhoffte Ebene.

***

Die Frage nach der kompositorischen Distanz der Figuren von Kommentar- und Begegnungs-Ebene ist wiederum eine andere, als die prinzipielle Frage nach der personalisierten Leitmotivik allgemein: Inwiefern unterscheiden sich die Figuren der verschiedenen Ebenen im gesanglichen Gestus voneinander? Da gibt es verschiedene Grade der Annäherung und Entfernung (es entsteht eine Dialektik von Verschmelzung und Trennung). Manchmal werden die Figuren der Kommentar-Ebene im Strudel der Erinnerung ganz in die Begegnungs-Ebene hineingesogen. (Zum Beispiel im Duett: "Sie betrügt mich.") Manchmal halten sie musikalische Distanz, indem auf der einen Ebene die Texte gesprochen werden, während auf der andern Ebene die Figuren singen. Eine strikte und gleichbleibende Trennung würde der Konzeption dieses Stückes widersprechen. (Siehe auch: "Mir scheint" und "Manchmal scheint mir" in der Eifersuchtsszene.)

***

Die Frage der Gestaltung der Ebenen
Nach dem Problem der generellen Figurenidentität und der ebenenspezifischen Figurenidentität bleibt noch die Frage, ob unabhängig von den Figuren das musikalische Material der verschiedenen Ebenen (als selbstwirkende Kraft) sich voneinander unterscheide. Die Logik der Prämisse, daß es in dieser Oper eine geschlossene personelle Identität durch Leitmotivik nicht gibt, führt dazu, daß auch die Ebenen sich musikalisch gegenseitig durchdringen. Eine klare Trennung der Ebenen würde nämlich bedeuten, daß für die agierenden Personen die Gefühls-Ebenen geklärt seien. Demgegenüber fließt jedoch alles ineinander. Die Ebenen werden einzig durch ihre zeitliche Funktion voneinander getrennt, indem die Kommentar-Ebene in der Gegenwart spielt, die Begegnungs-Ebene in der Vergangenheit, die Beziehungsutopie in der Zukunft und die Neben-Zeitebene in der Vorvergangenheit, im Plusquamperfekt. Im konkreten Erleben und in den Gedanken der Figuren vermischen sich Vergangenheit und Gegenwart, so daß (wie es gleich zu Anfang im Libretto heißt) nicht klar ist, was gestern war und ob es überhaupt gewesen ist.

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Die Probleme der Kommunikation werden beispielsweise in der Trennungsszene musikalisch einerseits durch die nicht-kommunizierende Simultaneität der verschiedenen in sich geschlossenen Schichten von Blechbläsern, Schlagzeug und Streichern dargestellt, andererseits durch das ebenso nicht-kommunizierende Nacheinander der verschiedenen, jeweils von einer Orchestergruppe geprägten Teile, die am Ende trotz Überlagerung nicht zu einer Einheit finden. (Dies drückt die Verlorenheit der Personen aus, die durch die zerbrochene Beziehung wie entwurzelt erscheinen.)

Die Dichotomie zwischen innerer und äußerer Lebenswelt spiegelt sich auch in der Kompositionstechnik wider. Während ich den Gesang weitgehend in traditioneller Weise komponiert habe, entstanden die Instrumentalstimmen zu einem überwiegenden Teil algorithmisch. In diesem Sinne steht die Konfrontation zwischen verschiedenen kompositionstechnischen Herangehensweisen als Sinnbild für die verschiedenen Erlebnis- und Sichtweisen der Figuren.

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Der Roman "Mein Name sei Gantenbein" wurde «aufgrund seiner neuartigen Konzeption zu einem Dreh- und Angelpunkt für die Entwicklung des deutschsprachigen Romans der Nachkriegsliteratur.

Anders als in traditionellen Erzählungen ist in diesem Roman weder von einer fest umgrenzbaren Figur die Rede, noch existiert jener Rahmen der Fiktionalität, der das Erzählte als wirklich vorgefallen sichert, nicht einmal der Erzähler läßt sich identifizieren. Das Buch handelt nicht von Ereignissen, sondern nur von Phantasien, erfundenen Geschichten und Selbstprojektionen.

Den Orientierungspunkt bildet ein Ich, von dem weder Name, Alter, Charaktereigenschaften oder Elemente einer Biographie bekannt werden: Es tritt dem Leser ausschließlich in seinen Vorstellungen entgegen. Frisch selbst hat erklärt, es gehe ihm darum, "die Wirklichkeit einer Person zu zeigen, indem sie als weißer Fleck erscheint, umrissen durch die Summe der Fiktionen, die dieser Person möglich sind". So kommt es, daß der Roman nicht von (fiktionalen) Realitäten, sondern von Möglichkeiten handelt: Das Buch-Ich stellt sich vor, es sei ein Gelehrter, es sei der Gatte einer rauschgiftsüchtigen Contessa, oder es sei der nur anscheinend blinde Ehemann einer berühmten Filmschauspielerin, es spielt in Gedanken die Rolle des betrogenen Ehemannes wie die des betrügenden Liebhabers und konfrontiert den Leser mit einer Fülle von Daseinsvarianten, Lebensentwürfen und Existenzmöglichkeiten.» (Prof. Dr. Jürgen H. Petersen in "Harenbergs Lexikon der Weltliteratur", Dortmund 1989, S. 1958.)

In den Jahren 1960 bis 1963 schrieb Max Frisch an einem Manuskript mit dem Titel "Lila oder Ich bin blind". Diese Arbeit erschien 1964 als Roman unter dem Titel "Mein Name sei Gantenbein".
Eine Episode daraus gab den Anstoß für eine Filmgeschichte. Titel: Transit. Nach der Erkrankung des Regisseurs Bernhard Wicki mußten die Dreharbeiten Mitte Dezember 1965 abgebrochen werden.
1992 (ein Jahr nach Frischs Tod) entstand nach einem Drehbuch von Hilde Bechert und Klaus Dexel im Auftrag des Bayerischen Rundfunks München der Fernsehfilm "Zürich-Transit". Regie: Hilde Bechert; in der Rolle des Theo Ehrismann: Dieter Kirchlechner. (Aus: "Jetzt: Max Frisch", S.174, Suhrkamp Frankfurt a.M. 2001.)

René Wohlhauser



Pressemitteilungen

Oper "Gantenbein" von René Wohlhauser

… Szenen aus der nach wie vor in gewissen Kreisen tabuisierten Beziehung zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann, literarisch durch ihre eigenen Werke gespiegelt …

Das Musiktheater "Gantenbein" des Schweizer Komponisten René Wohlhauser wird am 4. November 2004 im Rahmen der World New Music Days im Luzerner Theater Première haben.
Das Thema der Oper ist brisant, denn es geht um die von den Bachmann-Erben nach wie vor tabuisierte Beziehung zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann. Die Beziehung hat von 1958 bis 1963 gedauert, und beide haben darunter sehr gelitten. Bis zu ihrem Tod findet man in ihren Werken immer wieder Spuren und direkte Bezüge auf diese Zeit. (Sogar direkte Antworten findet man: Wenn in Frischs "Mein Name sei Gantenbein" ein Mann nach der zerbrochenen Liebe allein in der ehemals gemeinsamen Wohnung sitzt und denkt: "Der Herr meines Namens ist verreist", so antwortet Bachmann am Ende von "Malina": "Hier war nie jemand dieses Namens".) Auch nach dem Tod schwelt der Konflikt weiter. Die Bachmann-Seite hält Frisch auch heute noch für den Bösewicht, der Ingeborg ruiniert und ihren späteren, bis heute unaufgeklärten Tod verschuldet habe.
Die Weigerung der Bachmann-Erben, die Textrechte im Zusammenhang mit Frisch-Texten freizugeben, weil sie Ingeborg immer noch dafür verurteilen, sich mit Frisch eingelassen zu haben, ist eigentlich ein Skandal und führte dazu, daß Ingeborg Bachmann in dieser Oper nicht mit ihrer eigenen Stimme reden und sich verteidigen darf, sondern daß ihre Dialoganteile (bis zu einer allfälligen Textfreigabe) durch den Spiegel und den Gedankenstil von Max Frischs Sichtweise reflektiert und in seiner Diktion formuliert werden, indem diese Passagen nun ebenfalls seinem Buch entnommen sind (Libretto vom Komponisten).
Ironischer Bezugspunkt in diesem Verwirrspiel der Geschichten und Haltungen ist das Prinzip Gantenbein: Die Welt im allgemeinen und das Zusammensein mit einer Frau im speziellen sind nur auszuhalten, wenn man sich blind stellt. Was aber glücklicherweise auch Gantenbein nicht durchhält, sonst hätten ja keine Eifersuchtsszenen komponiert werden können …



Ausschnitte aus Rezensionen

Der in Basel lebende Komponist René Wohlhauser geht in Gantenbein vom Besonderen der Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch aus und schreitet zum Allgemeinen der Identitätssuche und der Schwierigkeit gegenseitiger Anerkennung und Achtung weiter.

René Wohlhauser hat für die Vereinzelung des Individuums eine wundervolle kompositorische Metapher gefunden: Die Musik des von Mark Foster geleiteten Luzerner Sinfonieorchesters bewegt sich meist parallel auf verschiedenen Ebenen und dort in unterschiedlichen Geschwindigkeiten: hohes Tempo in den hohen Streichern etwa, lähmender Stillstand in der Tiefe, dazwischen die je individuellen Zeitverläufe von Bläsern und Schlagzeug – die musikalischen Schichten geraten so in einen Dialog miteinander, streben auseinander oder erlauben gegenseitige Spiegelungen und Reflexionsebenen. Nicht nur ist dies äußerst gekonnt ins Orchester gesetzt, in reihender, aber kluger Dramaturgie, bisweilen ist es von urtümlicher Härte oder auch von unerhörter Schönheit.

(Patrick Müller im "Tages-Anzeiger" vom 6. November 2004 und in der "Dissonanz" # 89 vom März 2005.)


Die Oper heißt "Gantenbein". Der Basler Komponist René Wohlhauser läßt den Vorsatz "Mein Name sei", der bereits Zweifel an der Identität wachruft, weg – den Konjunktiv der textgebenden Vorlage komponiert er aus. Max Frisch und Ingeborg Bachmann reden in ihren jeweils hochentwickelten Sprachen herrlich und dämlich aneinander vorbei. Beide sind aufgespalten in jeweils zwei Darstellerinnen und Darsteller; Wohlhauser verweist damit geschickt auf den Unterschied zwischen vorgekehrter und innerer, gespielter und echter Person.

Das Konzept geht auf: Die Musik bezieht sich motivisch nicht auf die Figuren, sondern auf deren Bewußtseinsebenen. Damit nimmt der Komponist die beiden verletzlichen, eifersüchtigen, verliebten, verlorenen Personen in Schutz. Wer bin ich – im Angesicht des Anderen und in meiner eigenen Schau? Diese Frage wird feinsinnig differenziert – und selbstverständlich nicht beantwortet.

(David Wohnlich in der "Basler Zeitung" vom 8. November 2004.)


"Gantenbein" handelt von der schwierigen Liebesbeziehung der Schriftsteller Max Frisch und Ingeborg Bachmann. In der Musik von René Wohlhauser malen üppige Streicherfarben Atmosphäre, die Bläser erzählen pointiert die Geschichte.

(Hans Uli von Erlach im "Blick" vom 8. November 2004.)


"Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten, und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst." Der Satz aus Max Frischs Roman "Mein Name sei Gantenbein" – der Grundlage für René Wohlhausers Gantenbein-Oper – gibt das heimliche Motto vor für das originelle Uraufführungsprojekt des Luzerner Theaters, das am Donnerstag Premiere hatte. Denn die Ich- und Identitäts-Thematik spielt eine Rolle in allen drei Kurzopern.

Das von Anfang an zentrale Spiel mit der Ich-Verdoppelung zieht sich durch alle drei Werke. René Wohlhauser setzt damit Frischs Erzähltechnik direkt um: Die Verdoppelung des Protagonistenpaars erlaubt es, die reale Beziehungsgeschichte zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann (unverkennbar im Sechzigerjahrelook der Kostüme von Chalune Seiberth) aus verschiedenen Zeitperspektiven simultan umzusetzen. Zusammengehalten wird die surreale Text- und Dialogmontage durch eine Musik, die immer wieder zu erstaunlich süffigen Operngesten ausholt (Simone Stock und Caroline Vitale als Frau, Alexander Kaimbacher und Howard Quilla Croft als Mann; das Luzerner Sinfonieorchester unter Mark Foster): Zweifellos das konventionellste, aber orchestral ausgefeilteste Werk des Abends.

(Urs Mattenberger in der "Neuen Luzerner Zeitung" vom 6. November 2004.)


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Gedankenflucht


Werkkommentar (1) zu Gedankenflucht für Violoncello und Klavier (1995), Ergon 22,
11 Min.

Für Dorothea von Albrecht und Christine Olbrich geschrieben.

Unterschiedliche Stimmungen, die ineinander fließen. Ein Stück über die Ablenkung durch die alltägliche Informationsflut. Über Diskontinuitäten und Brüche in Lebensläufen, die der menschliche Geist gerne zu Kontinuitäten zurechtbiegen möchte. Die Suche nach dem roten Faden, der unser Leben zusammenhält, weil wir das geistige Auseinanderfallen in partikulare Erlebnismomente nicht aushalten.

Der Ideenreichtum, eine kreative Segnung auf der einen Seite, die aber auf der anderen Seite auch zur Last werden kann, wenn ein Komponist oder Schriftsteller die Einheit des Denkens sucht. Die Angst vor dem irren, neurotischen Treiben-lassen der Gedanken, das uns jedoch, zusammen mit dem sprunghaften (Quer-)Denken zu neuen Erkenntnissen führen könnte, wenn wir es wagen würden, es zuzulassen. Die Angst, die geordneten Bahnen der alltäglichen Verrichtungen zu verlassen und uns dem Ungewissen und Unvorhersehbaren auszusetzen. Kann uns Kunst diesbezüglich neue Wege aufzeigen?

Dem entspricht im Kompositionsprozeß die Dialektik zwischen der verlangsamten intuitiven Improvisation einerseits und andererseits der strengen planenden Konstruktion sowie der deterministischen Verfahren. Die Krise der analytischen Rationalität könnte dazu führen, daß durch die Irritationen der Wahrnehmung die formalen Orientierungskategorien ins Fließende entschwinden und neuen Hörerlebnisformen Platz machen, was wiederum ermöglichen würde, hintergründige Sinnhaftigkeit im Subtext eigendynamisch fließender Kraftströme zu entdecken.

Bei diesem Werk handelt es sich um eine Auftragskomposition des Ministeriums für Frauen, Bildung und Kunst des Landes Baden-Württemberg.

René Wohlhauser
18. Mai 2009

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Werkkommentar (2) zu Gedankenflucht für Violoncello und Klavier (1995), Ergon 22,
11 Min.

Für Dorothea von Albrecht und Christine Olbrich geschrieben.

Mit jedem neuen Stück werde ich, ohne es zu wollen, vor gänzlich neue Probleme, in eine mir vollständig unbekannte Situation gestellt. Auch wenn ich im kausalen Sinne versuche, beim unmittelbar vorher abgeschlossenen Stück anzuknüpfen, um eine gewisse Kontinuität des kompositorischen Schaffens zu erreichen, so werden sehr bald gegenwirksame Kräfte wach, die mich in unerschlossenes Neuland, in — zumindest mir — unbekannte Gefilde zerren.

Nach dem vorangegangenen Stück vocis imago dachte ich, daß ich im Entstehungsprozeß dieses Werkes einige mir wichtige kompositorische Probleme gelöst und ein Ausdrucksrepertoire bereitgestellt hätte, das es mir erlauben würde, in zyklischer (und vielleicht etwas weniger mühevoller) Arbeit noch einige Folgestücke zu komponieren, die die aufgeworfenen Ansätze und Richtungsmöglichkeiten von anderen Erzählperspektiven aus ausleuchten und ausarbeiten würden.

Doch ich mußte sehr bald feststellen, daß starke, von mir nicht kontrollierbare Kräfte am Werk waren, die den Faden, den ich weiterzuspinnen gedachte, ausfasern, die das Material, das ich zu ordnen versuchte, zerbröseln und die die Ideen, die ich zu entwickeln beabsichtigte, ins Fragmentarische zerfallen ließen. Jeder Ansatz zu einer größeren musikalischen Geste löste sich in Staub auf.

Vergeblich versuchte ich, der gedanklichen Flucht traditionsgebundener Großformen entgegenzutreten. Ein holistisches Weltverständnis liegt nicht mehr im Geist der heutigen Zeit, es weicht pluralistisch-individuellen Erklärungsmodellen. Diejenigen Kräfte, die mir jeweils die kompositorischen Aufgaben stellen und entscheiden, welche Einfälle sie mir einfallen lassen wollen, waren ein weiteres Mal unerbittlich: Ich mußte akzeptieren was kam, oder abbrechen.

Also stand ich vor einigen kniffligen handwerklich-kompositorischen Aufgabenstellungen: Wie knüpfe ich einen ausfasernden Faden zu einem Wams, der emotionale Wärme abzugeben vermag? Wie füge ich zerbröselndes Material zu einem Gebäude, das den Erdbeben musikalischer Emotionen standzuhalten in der Lage ist? Wie verwebe ich die hereinbrechenden Ideen zu einem tragfähigen Fundament, das als Basis, als zukunftsweisende Startrampe für musikalischen Ausdruck zu dienen taugt?

Ich erkannte, daß diese Konflikte trotz - oder vielleicht wegen - aller Strapazen und inneren Kämpfe, die sie auslösten, eine interessante musikalische Situation evozierten: den spannenden Widerstreit gegenläufiger Kräfte, der nach Entladung in expressivem Ausdruck drängt. Der formbildende Ordnungswille, der zusammenzuhalten versucht, was in chaotischer Radikalität auseinanderstrebt. Der ästhetisch geprägte Stilwille, der einzubinden versucht, was in postmoderner Ungebundenheit seine disparate Existenzberechtigung reklamiert. Die verborgen wirksame, einheitsstiftende, alles durchdringende Idee, die in sich bereits so heterogen angelegt ist, daß die daraus entstehenden Konflikte in nuce vorprogrammiert waren.

Bei diesem Werk handelt es sich um eine Auftragskomposition des Ministeriums für Frauen, Bildung und Kunst des Landes Baden-Württemberg.

René Wohlhauser
27. August 1995

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Werkkommentar (3) zu Gedankenflucht für Violoncello und Klavier (1995), Ergon 22,
11 Min.

Für Dorothea von Albrecht und Christine Olbrich geschrieben.

An der Basis starker antagonistischer Energien lag ein unüberwindlicher Widerwille gegen vordergründig logisch-rationale, deterministische Verfahren, der innere Antrieb, eine hintergründige Sinnhaftigkeit im Subtext eigendynamisch fließender Kraftströme aufzusuchen.

Dies führte zu Konflikten, die trotz - oder vielleicht gerade wegen - aller Strapazen und inneren Kämpfe, die sie auslösten, eine interessante musikalische Situation evozierten: den spannenden Widerstreit gegenläufiger Kräfte, der nach Entladung in expressivem Ausdruck drängt. Der formbildende Ordnungswille der Wahrnehmung, der zusammenzuhalten versucht, was in chaotischer Radikalität auseinanderstrebt. Der ästhetisch geprägte Stilwille, der einzubinden versucht, was in postmoderner Ungebundenheit seine disparate Existenzberechtigung reklamiert.

Bei diesem Werk handelt es sich um eine Auftragskomposition des Ministeriums für Frauen, Bildung und Kunst des Landes Baden-Württemberg.

René Wohlhauser

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Werkkommentar (4) zu Gedankenflucht für Violoncello und Klavier (1995), Ergon 22,
11 Min.

Für Dorothea von Albrecht und Christine Olbrich geschrieben.

Das Verfahren der verlangsamten intuitiven Improvisation als Kompositionsprozeß unter Absage an jegliche planende Konstruktion (in Analogie zur Krise der analytischen Rationalität) sollte dazu führen, daß die formalen Orientierungskategorien ins Fließende entschwinden und neuen Hörerlebnisformen Platz machen.

Bei diesem Werk handelt es sich um eine Auftragskomposition des Ministeriums für Frauen, Bildung und Kunst des Landes Baden-Württemberg.

René Wohlhauser

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Comment on the work Gedankenflucht (‘The flight of thoughts’) for cello and piano (1995)
Written for Dorothea von Albrecht and Christine Olbrich.

Different moods that flow into one another. A work about being diverted by the daily flood of information. About discontinuities and fractures in the course of lives that the human mind likes to twist back into continuities. The hunt for the ‘red thread’ that holds our lives together because we cannot bear a spiritual disintegration into particular moments of experience.

The crisis of analytical rationality could lead to a state in which irritations in perception allow formal categories of orientation to vanish into the general flow and to make place for new aural experiences. This in turn would allow us to discover hidden meanings in the subtext of high voltage currents that flow with their own momentum.

This work was commissioned by the Ministry for Women, Education and Art of the State of Baden-Württemberg.

René Wohlhauser
Translation: Chris Walton

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Commentaire sur l’œuvre: Gedankenflucht pour violoncelle et piano (1995)
Ecrit pour Dorothea von Albrecht et Christine Olbrich

Ambiances diverses qui fondent les unes dans les autres. L‘ouvrage parle de la distraction que nous vaut le flux quotidien des informations. Des discontinuités et des ruptures dans les biographies, que l’esprit humain aimerait bien corriger en continuités. Quête du fil rouge qui lie notre vie, parce que nous ne supportons pas la fragmentation spirituelle en parcelles de vécu.

La crise du raisonnement analytique pourrait aboutir à ce que les repères formels se dissolvent à cause des illusions de la perception et fassent place à de nouvelles expériences acoustiques, ce qui permettrait à son tour de découvrir un sens profond dans les flux d’énergie sous-jacents.

L’oeuvre est une commande de composition du Ministère des affaires féminines, de l’éducation et des arts du Bade-Wurtemberg.

René Wohlhauser
Traduction: Jacques Lasserre

gelsüraga


Werkommentar zu gelsüraga für Sopran und Klavier (2005), Ergon 31, Nr. 1, 2:45

"gelsüraga" und "hang gomeka" sind die ersten beiden Stücke des siebenteiligen Zyklus’ "Sulawedische Lieder, Gesänge und Vokalstücke auf eigene lautpoetische Texte für Sopran, Bariton, 1-2 Musiksprechstimmen und erweitertes Klavier (2-5 Spieler)".

Jedes Stück des Zyklus’ behandelt einen anderen Aspekt: Durchsichtigkeit, Akkordik, Punktualität, am Rande des Singens, Musiksprechen, Tastenoberflächenspiel, Obskurität. Die Reihenfolge der Stücke lautet:

1. "gelsüraga" für Sopran und Klavier (2005), ca. 2:45
2. "hang gomeka" für Sopran und Klavier (2005), ca. 2:40
3. "suragimanä" für Sopran und Klavier (2006), Fassung b, ca. 4:43
4. "Duett" für Sopran und Bariton a cappella in der 3. Fassung (2008), oder in der Fassung für Bariton solo, ca. 3:00
5. "flutching music", ein Musiksprechstück für zwei Personen oder für zwei Personen in der Fassung für eine Person allein, ca. 2:30 bzw. 5:00
6. "sulla tastiera" für Musiksprechstimme und Klaviaturspieler, auch als virtuelles Duett für einen sprechenden Klaviaturspieler allein (2005), oder in der Double-Fassung "parlando sulla tastiera", oder als eigenständige Nebenfassung "parlando sulla cordiera" ca. 4 Min.
7. "Ausklang für tiefes Klavier" (2006), ca. 1:20

Die Stimme durchläuft im Zyklus einen Prozeß der Verwandlung vom Normalgesang über Techniken des sog. Neuen Singes bis zum Musiksprechen in verschiedenen Kombinationen, während das Klavier vom Normalklang über Pausen zum Tastenoberflächenspiel gelangt.

Jeder lautpoetische Text des Zyklus' hat eine jeweils in sich geschlossene Sprachfärbung und einen Sprachrhythmus, und auch so etwas wie eine grammatikalische Struktur einer Kunstsprache. Semantisch aufgeladen werden sie aber erst durch die Gestik der Musik. Dadurch klingen sie wie eine Sprache, die man manchmal vermeint zu verstehen, dann aber doch nicht ganz versteht. Dieses Sich-bewegen an der Grenze der Verständlichkeit und somit auch an der Grenze der Kontrollierbarkeit zwischen Bewußtem und Unbewußtem, wo man vielleicht die Vision einer anderen Klangwelt erahnen kann, das ist etwas, was mich sehr interessiert.

Zudem geht es in den ersten drei Stücken des Zyklus' um den Versuch eines neuen ästhetischen Zugangs zur traditionellen Besetzung Liedduo im Spannungsfeld verschiedenster Klanggestalten, die permanent ihr Verhältnis und ihre Beziehung zueinander neu ausloten und dadurch einen Prozeß der Verwandlung durchlaufen.

René Wohlhauser

Kurzbeschrieb: "gelsüraga" und "hang gomeka" sind Teil eines Zyklus’ für Stimme und Klavier. Es handelt sich um den Versuch eines neuen ästhetischen Zugangs zur traditionellen Besetzung Liedduo im Spannungsfeld verschiedenster Klanggestalten, die permanent ihr Verhältnis und ihre Beziehung zueinander neu ausloten und dadurch einen Prozeß der Verwandlung durchlaufen.

Der Zyklus, der einen Bogen vom Klavierlied über Techniken des sog. Neuen Singens bis zum Musiksprechen in verschiedenen Kombinationen schlägt und somit die unterschiedlichsten Facetten des kreativen, ungewohnten Umgangs mit Stimme beleuchtet, dauert ein halbes Programm.

Gestörte Lieder


Werkkommentar zu Gestörte Lieder
Fassung für Bariton, Baßflöte und Baßklarinette
auf ein Gedicht des Komponisten,
2. Teil der großen Vokaltrilogie "Drei Gesänge",
2016 komponiert, Ergon 58, Nr. 4, Musikwerknummer 1778,
ca. 10 ½ Min.
Kompositionsauftrag des Fachausschusses Musik Basel-Stadt und Baselland

Wie bei "Verlorene Zukunft", komponierte ich auch bei diesem Werk zuerst eine Fassung für Solostimme allein, bevor ich in einem weiteren Arbeitsschritt die beiden Instrumente nicht einfach dazu fügte, sondern diese, unabhängig von der Singstimme, zuerst eine eigene Klangwelt entwickeln ließ, die sie dann der Solostimme entgegensetzten, wodurch die bereits komponierte Solostimme darauf reagieren mußte und sich durch diese Auseinandersetzung auch teilweise wieder veränderte.
Werke für eine Solostimme oder für eine begleitete Solostimme sind geprägt durch Linearität und durch die texturale Gestaltung dieser Linearität. Bei diesem Werk für Bariton und Instrumente versuchte ich mit einer Vorgehensweise zu arbeiten, die ich sonst nie anwende. (Sonst gestalte ich die Texte meistens aus der Musik heraus.) Ich nahm mein eigenes Gedicht "Gestörte Lieder" als Textvorlage und versuchte, mich dadurch zu Musik tragen zu lassen. Die texturale Gestaltung der musikalischen Linearität ergibt sich bei dieser Vorgehensweise durch die individuelle Lesart, durch die intuitive Interpretation der Textvorlage. Der postexpressionistische Charakter des Gedichtes führte in der ersten Strophe denn auch zu einer postexpressionistischen Musik. Deshalb ging es im weiteren Verlauf der musikalischen Entwicklung darum, diesen Gestus aufzubrechen, um zu anderen Ausdrucksbereichen, zu anderen Sicht- und Interpretationsweisen des Textes zu gelangen. Die Spannung des Stückes ergibt sich denn auch weitgehend aus diesem Tauziehen, aus diesem hin und her wogenden Kampf der antagonistischen Kräfte zwischen Sich-entziehen-wollen, Dahin-zurückfallen und Sich-wieder-befreien-wollen aus dieser starken suggestiven Sogwirkung des Gedichtes. Es ging um eine Autonomiegewinnung der Musik, die aber trotz allem ihre kantable Ausdruckskraft behalten und nicht in eine modische Verweigerungsästhetik fallen sollte.

René Wohlhauser


Kurzfassung:
In diesem Stück ging es um eine Autonomiegewinnung der Musik gegenüber der starken suggestiven Sogwirkung des vorgegebenen Gedichtes, die aber trotz allem ihre kantable Ausdruckskraft behalten und nicht in eine modische Verweigerungsästhetik fallen sollte.


Werkkommentar zu Gestörte Lieder
Fassung für Bariton solo
auf ein Gedicht des Komponisten,
2. Teil der kleinen Vokaltrilogie "Drei Gesänge",
Fassung a cappella,
2016 komponiert,
Ergon 58, Nr. 1c, Musikwerknummer 1773c, 3. Fassung,
ca. 5 ½ Min.
Kompositionsauftrag des Fachausschusses Musik Basel-Stadt und Baselland

Werke für eine Solostimme sind geprägt durch Linearität und durch die texturale Gestaltung dieser Linearität. Bei diesem Werk für Bariton solo versuchte ich mit einer Vorgehensweise zu arbeiten, die ich sonst nie anwende. (Sonst gestalte ich die Texte meistens aus der Musik heraus.) Dieses Mal nahm ich mein eigenes Gedicht "Gestörte Lieder" als Textvorlage und versuchte, mich dadurch zu Musik tragen zu lassen. Die texturale Gestaltung der musikalischen Linearität ergibt sich bei dieser Vorgehensweise durch die individuelle Lesart, durch die intuitive Interpretation der Textvorlage. Der postexpressionistische Charakter des Gedichtes führte in der ersten Strophe denn auch zu einer postexpressionistischen Musik. Deshalb ging es im weiteren Verlauf der musikalischen Entwicklung darum, diesen Gestus aufzubrechen, um zu anderen Ausdrucksbereichen, zu anderen Sicht- und Interpretationsweisen des Textes zu gelangen. Die Spannung des Stückes ergibt sich denn auch weitgehend aus diesem Tauziehen, aus diesem hin und her wogenden Kampf der antagonistischen Kräfte zwischen Sich-entziehen-wollen, Dahin-zurückfallen und Sich-wieder-befreien-wollen aus dieser starken suggestiven Sogwirkung des Gedichtes. Es ging um eine Autonomiegewinnung der Musik, die aber trotz allem ihre kantable Ausdruckskraft behalten und nicht in eine modische Verweigerungsästhetik fallen sollte.

René Wohlhauser


Kurzfassung:
In diesem Stück ging es um eine Autonomiegewinnung der Musik gegenüber der starken suggestiven Sogwirkung des vorgegebenen Gedichtes, die aber trotz allem ihre kantable Ausdruckskraft behalten und nicht in eine modische Verweigerungsästhetik fallen sollte.


hang gomeka


Werkommentar zu hang gomeka für Sopran und Klavier (2005), Ergon 31, Nr. 2, 2:40

"gelsüraga" und "hang gomeka" sind die ersten beiden Stücke des siebenteiligen Zyklus’ "Sulawedische Lieder, Gesänge und Vokalstücke auf eigene lautpoetische Texte für Sopran, Bariton, 1-2 Musiksprechstimmen und erweitertes Klavier (2-5 Spieler)".

Jedes Stück des Zyklus’ behandelt einen anderen Aspekt: Durchsichtigkeit, Akkordik, Punktualität, am Rande des Singes, Musiksprechen, Tastenoberflächenspiel, Obskurität. Die Reihenfolge der Stücke lautet:

1. "gelsüraga" für Sopran und Klavier (2005), ca. 2:45
2. "hang gomeka" für Sopran und Klavier (2005), ca. 2:40
3. "suragimanä" für Sopran und Klavier (2006), Fassung b, ca. 4:43
4. "Duett" für Sopran und Bariton a cappella in der 3. Fassung (2008), oder in der Fassung für Bariton solo, ca. 3:00
5. "flutching music", ein Musiksprechstück für zwei Personen oder für zwei Personen in der Fassung für eine Person allein, ca. 2:30 bzw. 5:00
6. "sulla tastiera" für Musiksprechstimme und Klaviaturspieler, auch als virtuelles Duett für einen sprechenden Klaviaturspieler allein (2005), oder in der Double-Fassung "parlando sulla tastiera", oder als eigenständige Nebenfassung "parlando sulla cordiera" ca. 4 Min.
7. "Ausklang für tiefes Klavier" (2006), ca. 1:20

Die Stimme durchläuft im Zyklus einen Prozeß der Verwandlung vom Normalgesang über Techniken des sog. Neuen Singes bis zum Musiksprechen in verschiedenen Kombinationen, während das Klavier vom Normalklang über Pausen zum Tastenoberflächenspiel gelangt.

Jeder lautpoetische Text des Zyklus' hat eine jeweils in sich geschlossene Sprachfärbung und einen Sprachrhythmus, und auch so etwas wie eine grammatikalische Struktur einer Kunstsprache. Semantisch aufgeladen werden sie aber erst durch die Gestik der Musik. Dadurch klingen sie wie eine Sprache, die man manchmal vermeint zu verstehen, dann aber doch nicht ganz versteht. Dieses Sich-bewegen an der Grenze der Verständlichkeit und somit auch an der Grenze der Kontrollierbarkeit zwischen Bewußtem und Unbewußtem, wo man vielleicht die Vision einer anderen Klangwelt erahnen kann, das ist etwas, was mich sehr interessiert.

Zudem geht es in den ersten drei Stücken des Zyklus' um den Versuch eines neuen ästhetischen Zugangs zur traditionellen Besetzung Liedduo im Spannungsfeld verschiedenster Klanggestalten, die permanent ihr Verhältnis und ihre Beziehung zueinander neu ausloten und dadurch einen Prozeß der Verwandlung durchlaufen.

René Wohlhauser

Kurzbeschrieb: "gelsüraga" und "hang gomeka" sind Teil eines Zyklus’ für Stimme und Klavier. Es handelt sich um den Versuch eines neuen ästhetischen Zugangs zur traditionellen Besetzung Liedduo im Spannungsfeld verschiedenster Klanggestalten, die permanent ihr Verhältnis und ihre Beziehung zueinander neu ausloten und dadurch einen Prozeß der Verwandlung durchlaufen.

Der Zyklus, der einen Bogen vom Klavierlied über Techniken des sog. Neuen Singens bis zum Musiksprechen in verschiedenen Kombinationen schlägt und somit die unterschiedlichsten Facetten des kreativen, ungewohnten Umgangs mit Stimme beleuchtet, dauert ein halbes Programm.

Hypnostasis

Werkkommentar zu Hypnostasis für Klavier (2013), Ergon 50, Musikwerknummer 1677, min. 5 Min. bis unendlich


Das Stück besteht nur aus einem einzigen Akkord, der mindestens 5 Minuten lang im gleichen Tempo wiederholt wird. Dauer unbeschränkt. Es können sich auch mehrere PianistInnen abwechseln.

Nur im ersten Takt werden alle Töne gleich laut angeschlagen. Danach beginnt ein improvisatorisches Crescendieren und Decrescendieren einzelner Akkordbestandteile, vornehmlich der kleinen Sekunde, während die anderen Töne in gegenteiliger Bewegung decrescendieren und crescendieren. Einzelne Akkordbestandteile können auch zeitweise bis ins Verstummen leiser werden. Es soll der Eindruck von Klangobjekten entstehen, die auf die HörerInnen zukommen und sich von ihnen wegbewegen.

Es muß dynamisch immer in Bewegung bleiben, aber alle Veränderungen sollen sich ruhig und allmählich, nie abrupt vollziehen und sollen nie den Rahmen des Meditativ-Hypnotisierenden verlassen.

Es soll stets staccato senza Pedal gespielt werden, nur am Schluß kommt das Pedal hinzu und alles verschwimmt allmählich in einem Decrescendo.

René Wohlhauser

Iguur - Blay - Luup


Werkkommentar zu Iguur – Blay – Luup
für Sopran solo, Sopran-Bariton-Duo und
Sopran mit kleinem Ensemble
(Baßflöte, Baßklarinette und Violoncello),
auf eigene lautpoetische Gedichte,
2009 komponiert, Ergon 40,
Musikwerknummern 1517, 1519, 1527,
ca. 16 Min.
Kompositionsauftrag von Stadt Zürich Kultur.

In der Emblematik der fiktiven Sprache Sulawedisch bedeutet "Iguur" eine Metapher, die in "Blay" durch eine unerwartet hervorgerufene Resonanz verrätselt wird, um in "Luup" in veränderter, sozusagen geläuterter Gestalt und in anderem Kontext wiederaufzuerstehen.

Verschiedene Texturtypen prägen das erste Stück "Iguur" für Sopran solo: Zu Beginn werden gedrängte Notschreie in die Stille geworfen, voneinander durch Spannungspausen getrennt. Allmählich wird dagegen dialektisches Kontrastmaterial infiltriert (quasi Gesprochenes). Nach einer Akzentuierung der Kontraste im 2. Teil, wird der 3. Teil viel dichter und bewegter, um dafür als Ausgleich am Schluß in langen Tönen und in einen ganzen Takt Pause zu münden. Die Glissandi stehen formal am Anfang des 4. Teils, der sich nun spezieller und experimenteller gestaltet, bis erstmals richtig Gesprochenes den Beginn des letzten Teils markiert, in dem verschiedene Texturtypen zusammenkommen.

Das zweite Stück "Blay" für Sopran-Bariton-Duo ist ebenfalls durch verschiedene Strukturtypen in drei formal klar unterscheidbare Teile gegliedert, voneinander jeweils durch kurze gesprochene Zwischenspiele getrennt und durch ein System von Tempo-Modulationen sich allmählich beschleunigend. Während es sich bei den ersten beiden Teilen dieses Stücks um Kanons handelt, besteht der dritte Teil aus der Transformation eines Duos des Kanonmeisters aus dem 15. / 16. Jahrhundert, Pierre de la Rue, dem Zeitalter der Entstehung der Emblematik in der europäischen Kunst. Durch seine Dreiteiligkeit nimmt dieses mittlere Stück Bezug auf den ganzen dreiteiligen Zyklus in der Art eines Triptychons.

Im dritten Stück "Luup" für Sopran und kleines Ensemble übernimmt der Sopran die Strukturen von "Iguur" mitsamt den Dritteltönen in veränderter Gestalt und tritt in musikalischen Dialog mit den anderen Instrumenten. Am Anfang hat nur der Sopran Dritteltöne, die Instrumente reagieren nicht darauf. Erst ab der Region des Goldenen Schnitts, der durch Takt 48 als dem einzigen Tacet-Takt des Stückes markiert ist, übernehmen auch die Instrumente Dritteltöne. Dafür gibt umgekehrt der Sopran ab der gleichen Stelle seine Veränderungen auf und bleibt gleich wie in "Iguur". Der Titel "Luup" hat nichts mit dem englischen Wort "loop" zu tun. Durch diese Titelgebung wehre ich mich vielmehr bewußt gegen die Vereinnahmung bestimmter Lautkombinationen durch den modischen Sprachgebrauch.

René Wohlhauser


Kurzbeschreibung: Ein emblematischen Strukturen verpflichtetes Triptychon für Sopran solo (1. Stück), Sopran-Bariton-Duo (2. Stück) und Sopran mit kleinem Ensemble (3. Stück).

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Comments on Iguur – Blay – Luup
on onomatopoetic texts by the composer
for soprano and small ensemble
(bass flute, bass clarinet and violoncello)
composed in 2009, opus 40, ca. 16 min.

"Iguur", in the emblematics of the fictive language Sulawedish, refers to a metaphor which in "Blay" is enigmatised through an unexpectedly induced resonance, and is resurrected in "Luup" in a changed, quasi refined form, and in a different context.

The most important distinguishing feature of the first piece, "Iguur" for soprano solo is its variety in types of texture: in the beginning, surging cries of distress are flung into the silence, separated by suspenceful pauses. Gradually, dialectical contrasting material (quasi spoken) is infiltrated. After an accentuation of the contrasts in the second part, the third part becomes more dense and agitated, counterbalanced by ending with sustained tones followed by a whole measure's rest. The glissandi form the beginning of the 4th part, which is of a more particular and experimental nature, with the first actually spoken texts marking the beginning of the last section, in which differing types of textures come together.

The second piece, "Blay" for soprano-bariton duo is formally divided into three clearly distinguishable parts by different types of textures as well, separated from each other by short, spoken interludes, and gradually accelerating through a system of tempo modulations. While the first two parts of the piece are canons, the third part is deriven from the transformation of a duo by Pierre de la Rue, master of canons from the 15th / 16th century, which was the period of the origins of emblematics in European art. The tripartite form of the middle part gives reference to the three-part cycle in the style of a triptych.

In the third piece, "Luup" for soprano und small ensemble, the soprano takes up the structures of "Iguur" including the third-tones in a changed form, and initiates a musical dialog with the other instruments. The third-tones are initially used solely by the soprano, without any reaction from the instruments until measure 48, the point of golden ratio, marked by the only tacet measure in the whole piece, after which the instruments begin implementing third-tones as well. At this point, the soprano contrarily gives up its changes and remains the same as in "Iguur". The title "Luup" has nothing to do with the English word "loop". My use of this title is in fact a conscious resistance against the appropriation of certain combinations of sounds through trendy use of language.

René Wohlhauser (Translation by Gail Makar)


Short description: An emblematicly structured triptych for soprano solo (1st piece), soprano-baritone duo (2nd piece) and soprano with small ensemble (3rd piece).

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Commentaire sur l'œuvre Iguur – Blay – Luup pour soprano solo, duo de soprano et baryton, soprano avec petit ensemble (flûte basse, clarinette basse et violoncelle), sur des poèmes phonétiques du compositeur (2009), Ergon 40, Musikwerknummern 1517, 1519, 1527

Dans l’emblématique de la langue fictive sulawedoise, « Iguur » désigne une métaphore qui se trouve transformée en énigme par « Blay » au moyen d’une résonance suscitée de manière inattendue, avant de ressusciter dans « Luup » sous une figure modifiée, pour ainsi dire purifiée, et dans un contexte différent.

Différents types de texture marquent le premier morceau, Iguur pour soprano solo : au commencement, des cris de détresse insistants sont jetés dans le silence, séparés les uns des autres au moyen de pauses de suspense. Peu à peu, du matériau dialectique contrastant se trouve infiltré à leur encontre (quasi parlé). Après une accentuation des contrastes dans la 2e partie, la 3e devient beaucoup plus dense et mouvementée, débouchant à la fin, en guise de compensation, sur des sons tenus et sur une mesure entière de pause. Les glissandi inaugurent formellement la 4e partie, qui prend un tour plus spécial et plus expérimental, jusqu’à ce que, pour la première fois, du véritable parlé marque le début de la dernière partie, où sont réunis différents types de texture.

Le second morceau, Blay pour duo de soprano et baryton, est lui aussi articulé, moyennant différents types de structure, en trois parties formellement distinctes, clairement repérables, séparées les unes des autres par de brefs interludes parlés, et soumises à une accélération progressive grâce à un système de modulations du tempo. Alors que les deux premières parties de cette pièce sont des canons, la troisième partie consiste en la transformation d’un duo emprunté à Pierre de la Rue, l’un des maîtres du canon des xve-xvie siècles, c’est-à-dire de l’époque qui a vu naître l’emblématique dans l’art européen. Par sa tripartition, ce morceau central se réfère à l’ensemble du cycle, lui-même tripartite, à l’instar d’un triptyque.

Dans le troisième morceau, Luup pour soprano avec petit ensemble, le soprano reprend les structures d’Iguur, y compris les tiers de tons, sous une figure modifiée, et entame un dialogue musical avec les autres instruments. Au commencement, seul le soprano a des tiers de tons, auxquels ne réagissent pas les autres instruments. Ce n’est qu’à partir de la section du nombre d’or, marquée à la mesure 48 par une mesure de silence unique dans le morceau, que les instruments assument eux aussi des tiers de tons. En revanche,
à partir du même passage, le soprano renonce à ses modifications et reste identique à Iguur. Le titre Luup n’a rien à voir avec le mot anglais « loop ». En intitulant ainsi la composition, j’entends bien plutôt résister consciemment à l’annexion de certaines combinaisons phonétiques par des modes langagières.

René Wohlhauser
Traduction : Patrick Lang

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Analyse zu Iguur – Blay – Luup
auf eigene lautpoetische Texte
für Sopran und kleines Ensemble
(Baßflöte, Baßklarinette und Violoncello)
2009 komponiert, Ergon 40, ca. 16 Min.

Verschiedene Texturtypen prägen das erste Stück "Iguur" für Sopran solo:

  • 1. Teil, Takt 1-15: Gedrängte Notschreie werden in die Stille geworfen, voneinander getrennt durch Spannungspausen. Dagegen wird dialektisches Kontrastmaterial (quasi Gesprochenes in T. 4 und T. 15, lange Töne in T. 6-9) infiltriert.
  • 2. Teil, T. 16-25: Akzentuierung der Kontraste.
  • 3. Teil, T. 26-34: viel dichter und bewegter, dafür als Ausgleich am Schluß lange Töne in T. 32 und 33, und in T. 34 einen ganzen Takt Pause.
  • 4. Teil, T. 35-50: Die Glissandi in T. 35-37 markieren formal einen neuen Teil, der sich nun spezieller und experimenteller gestaltet.
  • 5. Teil, T. 51-63: Das Gesprochene in T. 51 markiert den Beginn des letzten Teils, in dem verschiedene Texturtypen zusammenkommen.



Text-Variante:
Zu Beginn werden gedrängte Notschreie in die Stille geworfen, voneinander durch Spannungspausen getrennt. Allmählich wird dagegen dialektisches Kontrastmaterial infiltriert (quasi Gesprochenes in T. 4 und T. 15, lange Töne in T. 6-9). Nach einer Akzentuierung der Kontraste im 2. Teil, wird der 3. Teil viel dichter und bewegter, um dafür als Ausgleich am Schluß in lange Tönen (T. 32 und 33) und in einen ganzen Takt Pause zu münden (T. 34 ).
Die Glissandi (in T. 35-37) stehen formal am Anfang des 4. Teil, der sich nun spezieller und experimenteller gestaltet, bis erstmals richtig Gesprochene (in T. 51) den Beginn des letzten Teils markiert, in dem verschiedene Texturtypen zusammenkommen.

René Wohlhauser

Iguur für Sopran solo

Werkkommentar zu Iguur
für Sopran solo,
auf lautpoetische Texte des Komponisten (2009),
Ergon 40/1a, Musikwerknummer 1517, ca. 5 Min.

Verschiedene Texturtypen prägen das Stück "Iguur" für Sopran solo: Zu Beginn werden gedrängte Notschreie in die Stille geworfen, voneinander durch Spannungspausen getrennt. Allmählich wird dagegen dialektisches Kontrastmaterial infiltriert (quasi Gesprochenes). Nach einer Akzentuierung der Kontraste im 2. Teil, wird der 3. Teil viel dichter und bewegter, um dafür als Ausgleich am Schluß in langen Tönen und in einen ganzen Takt Pause zu münden. Die Glissandi stehen formal am Anfang des 4. Teils, der sich nun spezieller und experimenteller gestaltet, bis erstmals richtig Gesprochenes den Beginn des letzten Teils markiert, in dem verschiedene Texturtypen zusammenkommen.

René Wohlhauser

Iguur für Bariton solo

Werkkommentar zu Iguur
für Bariton solo,
auf eigene lautpoetische Texte (2009),
Ergon 40/1c, Musikwerknummer 1531,
ca. 5 Min.

Verschiedene Texturtypen prägen das Stück "Iguur" für Bariton solo: Zu Beginn werden gedrängte Notschreie in die Stille geworfen, voneinander durch Spannungspausen getrennt. Allmählich wird dagegen dialektisches Kontrastmaterial infiltriert (quasi Gesprochenes). Nach einer Akzentuierung der Kontraste im 2. Teil, wird der 3. Teil viel dichter und bewegter, um dafür als Ausgleich am Schluß in langen Tönen und in einen ganzen Takt Pause zu münden. Die Glissandi stehen formal am Anfang des 4. Teils, der sich nun spezieller und experimenteller gestaltet, bis erstmals richtig Gesprochenes den Beginn des letzten Teils markiert, in dem verschiedene Texturtypen zusammenkommen.

René Wohlhauser

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Iguur pour baryton seul (2009), d’après un poème sonore du compositeur, Ergon 40/1c, œuvre n° 1531

Différentes types de textures caractérisent la pièce "Iguur" pour baryton seul: au début des cris pressés sont lancés dans le silence, séparés les uns des autres par des silences de tension. Peu à peu, cependant, un matériel de contraste dialectique s’installe (passages quasi parlés). Après une accentuation des contrastes dans la deuxième partie, la troisième partie est beaucoup plus dense et mouvementée. En opposition la fin se termine par de longues notes et toute une mesure de silence. Des glissandos sont formellement présents au début de la quatrième partie, qui est maintenant traitée de façon plus spéciale et expérimentale. Le parlé marque le début de la dernière partie, dans laquelle se réunissent les différents types de texture.

René Wohlhauser

Im lauteren Sein

Werkkommentar zu Im lauteren Sein
Fassung für Sopran und Bariton
auf ein Gedicht des Komponisten,
2017 komponiert, Ergon 64, Nr. 1, Musikwerknummer 1813
ca. 5 Min.

Das Stück stellt eine Auseinandersetzung mit der Tradition des klassischen Kontrapunkts dar, reflektiert auf dem musikalischen Erfahrungsstand des 21. Jahrhunderts. Aus dem punktuellen Anfang der reinen Quinte entwickelt sich allmählich das Dialogische und Diskursive der beiden Stimmen in Richtung eines imaginären Klangraums. Die zerklüftete Faktur versucht sich immer wieder zu strukturieren und sich in strenger Linearität der Stimmen emporzuschwingen – und sinkt doch immer wieder hinab ins delirierende Umkreisen wechselnder Tonzentren.
Das Gedicht verkörpert eine eigenständige Schöpfung und entfaltet in suggestiven Bildern eine konfliktgeladene Dialektik und ein Wechselbad der Gefühle, die zu einer inneren dramatischen Spannung führen, welche in der Musik einen direkten Ausdruck in der aufwühlenden, delirierenden Verwirrung findet.

René Wohlhauser

Kurzfassung:
Eine Auseinandersetzung mit der Tradition des klassischen Kontrapunkts, reflektiert auf dem musikalischen Erfahrungsstand des 21. Jahrhunderts.

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Werkkommentar zu Im lauteren Sein
Fassung für Sopran, Bariton, Flöte, Klarinette und Violoncello,
auf ein Gedicht des Komponisten,
Klaus Huber in memoriam
2017 komponiert, Ergon 64, Nr. 2, Musikwerknummer 1816
ca. 15 Min.

Das Werk zeigt einen fast klassischen Aufbau mit Einleitung, Strophen und Zwischenspielen, die der formalen Ausrichtung des Gedichts des Komponisten folgen. Zuerst wurde nur der Gesang in einer Fassung für Sopran und Bariton komponiert, als Auseinandersetzung mit der Tradition des klassischen Kontrapunkts, reflektiert auf dem musikalischen Erfahrungsstand des 21. Jahrhunderts, in klassischer Dramaturgie der Formanlage mit Spannungsaufbau, Kulmination und Absinken ins delirierende Umkreisen wechselnder Tonzentren.
Sogar die Melodiebildung selbst könnte man in ihrer drängenden, leittönigen Art als "klassisch" beschreiben.
Durch das Hinzufügen der Instrumente wurden diese klassischen Linien in einen anderen Kontext gestellt, aufgebrochen, hinterfragt und konterkariert.
Das Gedicht verkörpert eine eigenständige Schöpfung und entfaltet in suggestiven Bildern eine konfliktgeladene Dialektik und ein Wechselbad der Gefühle, die zu einer inneren dramatischen Spannung führen, welche in der Musik einen direkten Ausdruck in der aufwühlenden, delirierenden Verwirrung findet.

René Wohlhauser


Kurzfassung:
Das Gedicht des Komponisten entfaltet in suggestiven Bildern eine konfliktgeladene Dialektik und ein Wechselbad der Gefühle, die in der Musik einen direkten Ausdruck in der aufwühlenden, delirierenden Verwirrung finden.

in statu mutandi


Werkkommentar zu in statu mutandi für Orchester (1991-93), Ergon 19, 8 Min.

Fast im Geiste der schnell sich entwickelnden Theorie komplexer physikalischer Zustände (jedoch ohne eine diesbezügliche ästhetische Position begründen zu wollen) bewegen sich Werden und Vergehen dieses Stückes in widerspenstiger Dialektik zwischen äußerster Überzogenheit einer streng sich sozusagen selbst perfektionierenden Ordnung, die aber jederzeit in bodenlose Plan- und Regellosigkeit umzukippen droht, und einem scheinbar verworrenen, undurchdringbaren Chaos, das allerdings mit der Zeit eine eigentümliche Art von subkutan wirkender bzw. übergeordnet faßbarer Ordnung offenbart, d.h. einen Grad von Funktionalität erreicht, wo die Selbstorganisation zufälliger Strukturen sich auszuwirken beginnt; so etwa im Schlußteil mit den spektral präzise geordneten Streichern, die — in glissandierenden Flageolett-Klängen — aus dem Hörbereich zu entschwinden drohen, während die wild in die Extremregister ausbrechenden Bläser nach und nach eine hörbare Ordnungsgestalt annehmen.

In diesem Sinne darf komplexe Musik durchaus als Parabel auf Vorgänge in dieser Welt aufgefaßt werden, als ein Mittel, sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Und sowenig wie in dieser Welt alle Geschehnisse durchschaut werden können, sowenig braucht auch Musik analytisch-rational verstanden zu werden, um erlebnisgeladene Wahrnehmungs-Eindrücke zu hinterlassen. Die analytische Durchdringung stellt ihrerseits eine weitere (bereichernde) Ebene der Vertiefung dar. "Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt, wenigstens die Wahrheit, die wir als Menschen begreifen können" (Pablo Picasso).

Neues kann in der Welt nur entstehen auf der Grenzlinie zwischen Ordnung und Chaos, was im Zusammenwirken die Dynamik der Welt beschreibt. So finden sich in dieser Komposition viele musikalische Gestalten, die sich gemäß den (sich selbst relativierenden) Kausalitäts-Kategorien der Chaostheorie verhalten. Etwa ein folgenreiches Gestalten von Bifurkationsstrukturen ab Takt 11, bei denen die dort angewendeten kompositorischen Prinzipien Zellteilung, Zellverschmelzung und Mutation ein sich unendlich langsam wandelndes Glissando-Netz wachsen lassen, das — unter genauester Kontrolle von Kreuzungsfrequenz und Kreuzungsdichte, von Kreuzungswinkel (was den Dissonanzgrad wesentlich bestimmt) und Kreuzungsposition — sich nicht als sicherndes Fallnetz, sondern als irritierendes Fangnetz entpuppt, das dem Hörer gleichsam unmerklich den orientierungsbestimmenden Boden unter den Füßen wegzieht und ihn somit dazu einlädt, andere Orientierungskategorien zu suchen.

Die Umsetzung der inneren Vorstellungen erlebte ich als spannendes Fluktuieren im Bereich der gebrochenen Dimension (im Übergang von der 2. zur 3. Dimension), indem ich gestalterische Gesetzmäßigkeiten aus der metrischen bzw. projektiven Geometrie anwandte, um — sozusagen am Umschlagpunkt zwischen Planimetrie und Stereometrie — den räumlichen Klang zu formen.

Das Zusammenschießen nach Kommunikation strebender Ausdrucks-Energien in einem durch Aufeinanderprallen widerstreitender Gegensätze spannungsgeladenen Kraftfeld ist unabdingbare Voraussetzung, um ein Ausstrahlen der Klang gewordenen Erfahrung in die wirklichkeitsbildende Außenwelt auszulösen.

Bei dieser Komposition handelt es sich um ein Auftragswerk des Sinfonieorchesters Luzern.

Das Stück ist Olaf Henzold gewidmet, der es, nach der Uraufführung im Kunsthaus Luzern, u.a. auch im Schauspielhaus Berlin und im Herkulessaal der Residenz in München zur Aufführung gebracht hat.

René Wohlhauser

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Programme note: in statu mutandi for orchestra (1991-93), Ergon 19, 8 min.

Almost in the spirit of the fast developing theory of complex physical states (without however wishing to establish an aesthetic position in this regard), the coming into being and passing away of this work act as an obstinate dialectic between a strict, all pervasive and, as it were, self perfecting order (but one which threatens at every moment to collapse into foundationless disorder) and a seemingly confused, impenetrable chaos, which, though, slowly reveals a curious kind of subcutaneously-working, higher, comprehensible sense. That is to say, a degree of functionality is reached in which a self organisation of random structures begins to establish itself, as for example in the concluding section with its spectrally precisely ordered strings, which — in glissandoing harmonics — threaten to disappear out of the hearing range, while the brass, breaking out wildly in the extreme registers, gradually assume an audible order and form.

In this sense complex music can be understood quite correctly as a parable of processes in the world itself, as a means of finding one's way through reality. And just as it is impossible fully to comprehend every event in the world, so it is unnecessary for music to be fully understood in an analytical rational sense for it to leave an impression rich as perceptual experience. For its part, analytical exploration represents a further (enriching) level of profundity. "Art is a lie which teaches us to understand the truth, at least the truth as far as we humans can understand it" (Pablo Picasso).

What is new in the world can only come about on the borderline between order and chaos, which in combination are what describe the dynamics of the world. Thus in this composition one finds many musical forms which behave according to the (self-qualifying) causality categories of chaos theory. For instance a significant forming of bifurcating structures starting in bar 11, where the applied compositional principles of cell division, fusion and mutation permit the emergence of an extremely slow-moving web of glissandi in which — under the most precise control of the intersections of frequency, density, angle (essentially determining the degree of dissonance) and position — it becomes clear that we are not reassuringly secure but uncomfortably secured or trapped: unnoticed the ground which determined our orientation has been taken away from under our feet and we must seek other principles of orientation.

I experienced the translation of inner imaginings as a tension-filled fluctuating in the field of the broken dimension (as transition from the 2nd to the 3rd dimension), in which I applied formal processes from metric and projective geometry, so as to form — as it were at the turning-point between the planimetric and stereometric — the spatial sound.

An explosion of expressive energy striving for communication in a force field electric with the colliding conflict of opposites: this is the essential prerequisite for the release into the outer world of reality, of a radiating of experience become sound.

This composition was commissioned by the Lucerne Symphony Orchestra and is dedicated to Olaf Henzold, who has performed the work, after its world première in the Kunsthaus Lucerne, in, amongst other places, the Schauspielhaus, Berlin, and the Herculessaal in Munich.

René Wohlhauser
English translation: James Clarke



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Kasamarówa


Werkkommentar zu Kasamarówa
für Sopran und Bariton
auf ein eigenes lautpoetisches Gedicht,
2014 komponiert, Ergon 52, Musikwerknummer 1697,
ca. 10 Min.
Kompositionsauftrag der UBS Kulturstiftung

Mit Bezug auf die klassische Vokalpolyphonie, die seit der Notre-Dame-Epoche im Spätmittelalter die abendländische Mehrstimmigkeit begründete, geht es in diesem Stück um die Rückbesinnung auf die essentiellen Ausdrucksparameter dieser Kompositionsweise als Herstellung eines magischen Zustandes. Die melodisch-horizontale Dimension der Bewegung und die kontrapunktisch-intervallische Qualität des Zusammenklangs erzeugen ein Fließen in der Zeit. In diesem Zeitfluß geht es primär um ein Ausloten der spezifischen Färbungen der Intervalle und ihrer Farbrelationen zueinander.
Die Farbe und die Wirkung eines Intervalls, z.B. der Oktave, ist komplett unterschiedlich, jenachdem ob sie in hoher, mittlerer oder tiefer Lage erklingt, ob sie am Anfang oder am Schluß einer Phrase steht, ob sie nach einem anstrengenden Aufstieg im Forte erklingt, ob sie sotto voce ganz entspannt erzeugt wird oder ob sie, wie am Schluß des Stückes, mit vielen bewegten Konsonanten eingefärbt wird.
Das Sein im Klang als Gegenwart des Gegenwärtigen, das das Sein in der Zeit aufhebt, hat demnach eine fundamental existentielle Bedeutung für die Erfahrung von Zeitlosigkeit.
Die Überwindung der Zeitlichkeit im Denken durch das Eintauchen in die Klanglichkeit der Musik und der Sprachlichkeit im Lautpoetischen ermöglichen somit das Sein im Seienden.

René Wohlhauser

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Kasamarówa pour soprano et baryton, d’après un poème sonore du compositeur (2014), Ergon 52, œuvre n° 1697

En référence à la polyphonie vocale classique, qui a établi la polyphonie occidentale depuis l'école de Notre-Dame jusqu’à la fin du Moyen Age, cette pièce est une réflexion sur les paramètres d'expression essentiels à cette manière de composer en tant que réalisation d'un état magique. La dimension mélodique et horizontale du mouvement et la qualité contrepoint/intervalle de la consonance génère un flux mélodique dans le temps. Dans ce flux nous explorons la couleur spécifique des intervalles ainsi que leurs relations les uns avec les autres.
Lorsque l’Être se rend totalement présent au son, il éprouve une présence absolue, la notion de temps (Zeit) se modifie et l’on fait l'expérience de l'éternité. En pensée, l’immersion dans le son produit par la musique et la langue du texte conduit à une suspension de la temporalité : l’être est de retour chez soi et le temps semble s'arrêter.

René Wohlhauser (Traduction: Bruno Siberchicot)

Klarinettentrio Metamusik


Werkkommentar (1) zu Klarinettentrio Metamusik für 3 Bb-Klarinetten (1986/87),
Ergon 15, 11 Min.

Im "Klarinettentrio Metamusik" habe ich versucht, die Aspektvielfalt, wie eine Sache von verschiedenen Standpunkten aus gesehen werden kann, auf musikalische Gegebenheiten zu übertragen. Dabei ging ich aus von dem, was Ludwig Wittgenstein in seinen "Philosophischen Untersuchungen" über die Aspekte des Sehens beschreibt. Im "Klarinettentrio" hören wir einen sich permanent wandelnden Klangstrom, der immer wieder andere Beleuchtungen erfährt: die dynamische Beleuchtung zu Beginn, dann die klangfarbliche Beleuchtung (hier hören wir den zusätzlichen Einsatz der Stimme, wodurch die Klarinette mehrstimmig spielen kann), später die hüllkurvenmäßige Beleuchtung, bevor alle Beleuchtungsformen im letzten Teil zusammenkommen. Wir haben also sozusagen eine "mehrdimensionale Beleuchtungsmodulation", so daß das Stück in gewisser Weise von innen heraus fluoreszierend zu leuchten beginnt und ausstrahlt.

Die Transzendenz in einen Metabereich findet auf verschiedenen Ebenen statt:
a) einerseits durch das Verschmelzen aller Kräfte zu einem einzigen langen Klangstrom. Die drei Klarinetten verbinden sich zu einer Art Superinstrument, das ohne Atempause 11 Minuten lang durchhält, das sich wie ein Blasbalg während des Spielens immer wieder auffüllt und am Schluß noch zu einer Steigerung fähig ist;
b) andererseits führt die durchgehend vierteltönige Schreibweise zu einer eigenartigen Klanglichkeit. Wir vermeinen das Instrument zu erkennen, und dennoch klingt es ganz anders (es kommt uns vor wie eine Illusion eines Klarinettenklangs) und verbindet sich zu etwas Neuem, Mysteriösem, Unfaßbarem.

Bei dieser Komposition handelt es sich um ein Auftragswerk der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

Die Partitur ist mit dem 1. Preis im Kompositionswettbewerb der "Ostschweizer Stiftung für Musik und Theater" 1990 ausgezeichnet worden.

Die Musik ist in memoriam Ludwig Wittgenstein komponiert worden.

Das Stück ist dem "Schweizer Klarinettentrio" gewidmet.

René Wohlhauser

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Werkkommentar (2) zu Klarinettentrio Metamusik für 3 Bb-Klarinetten (1986/87),
Ergon 15, 11 Min.

Im "Klarinettentrio" habe ich versucht, die Aspektvielfalt, wie eine Sache von verschiedenen Standpunkten aus gesehen werden kann — so wie dies Wittgenstein in seinen "Philosophischen Untersuchungen" (über die Aspekte des Sehens) beschreibt — auf musikalische Gegebenheiten zu übertragen, indem ein sich permanent wandelndes Material von verschiedenen Seiten (von verschiedenen sog. Parameterebenen) aus in einer Art "mehrdimensionaler Beleuchtungsmodulation" illuminiert und aspektmäßig interpretiert werden sollte.

Entgegen dem Grundgedanken einer strukturell-verdeutlichenden Instrumentation, wie ich sie beispielsweise im "Schlagzeugtrio" angewandt habe, ging es mir im "Klarinettentrio" darum, eine "von den rhythmischen und tonhöhenmäßigen strukturellen Gegebenheiten unabhängige, jedoch in sich stimmige, über die vorhandene Struktur gelegte zusätzliche Instrumentations-Schicht" zu entwickeln (hier wohl zutreffender "Beleuchtungs-Schicht" genannt).

In jedem der drei ersten Abschnitte des Stückes herrscht tendenziell jeweils eine der drei verschiedenen Beleuchtungsformen vor (beginnend mit der dynamischen Beleuchtungsform im ersten Abschnitt, die allmählich in die klangfarblich-artikulationsmäßige Beleuchtungsform hineinmoduliert), durchsetzt aber von jeweils qualitativ anders gestalteten Rückgriffen (um stets wieder einen andern Aspekt der jeweiligen Beleuchtungsform hervorzuheben). Im vierten Abschnitt des Stückes, der mit dem Takt 71 (als Peripetie, als Wendepunkt) beginnt, werden die verschiedenen Beleuchtungsformen in den unterschiedlichsten Verknüpfungen und Verbindungen kombiniert.

Eine mehrfache Transfluenz des Klangmaterials in einen Metabereich ist dabei intendiert. Einerseits durch die Vorstellung, daß drei physische Spieler zu einem quasi "medialen Superspieler" verschmelzen, indem sie das Stück sozusagen in einem einzigen langen Atemzug hervorbringen (im ganzen 11-minütigen Stück gibt es keine einzige Atempause). Andererseits durch die Erscheinung des Tonmaterials in einer durchgehend vierteltönigen Schreibweise, die nicht durch Verstimmung des Instrumentes, sondern durch Spezialgriffe realisiert werden soll. Dabei stehen zwei Möglichkeiten offen: Entweder werden alle Vierteltöne möglichst temperiert gespielt. Dann besteht das Resultat vor allem in einer speziellen, eigenartigen Klanglichkeit. Oder alle Vierteltöne werden möglichst absolut gespielt. (Dann klingt ein Viertelton über 'h' hörbar höher als ein Viertelton unter 'c'.) So kommt zur speziell vierteltönigen Klanglichkeit das Moment einer gewissen "Verstimmung" der temperierten Intervallverhältnisse hinzu, die aber nach einer bestimmten (Einhörungs-)Zeit nicht mehr als Verstimmung, sondern als ein Umschlagen in eine in sich stimmige, eigenklangliche Harmonik wahrgenommen werden wird oder kann.

Bei dieser Komposition handelt es sich um ein Auftragswerk der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

Die Partitur ist mit dem 1. Preis im Kompositionswettbewerb der "Ostschweizer Stiftung für Musik und Theater" 1990 ausgezeichnet worden.

Die Musik ist in memoriam Ludwig Wittgenstein komponiert worden.

Das Stück ist dem "Schweizer Klarinettentrio" gewidmet.

René Wohlhauser

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Programme note: Klarinettentrio Metamusik for 3 clarinets in Bb (1986/87), Ergon 15,
11 min. (2, engl.)

In "Klarinettentrio" I have attempted to apply to musical conditions a concern with aspectual multiplicity: how a subject can be seen from different standpoints — such as Wittgenstein describes in his "Philosophical Investigations" (on the aspect of seeing) — in which a constantly metamorphosing material is illuminated and interpreted from different positions (from different so called parametric levels) in a kind of "multi-dimensional illuminative modulation".

As opposed to the basic idea of a structural-elucidatory instrumentation, such as I applied in for example "Schlagzeugtrio", in "Klarinettentrio" I was concerned with the development of an additional self-contained "instrumentation-stratum" (or, more accurately, "illumination-stratum") laid over the pre-existing structure, independent of the structural prespecifications of rhythm and pitch.

In each of the three first sections of the piece, at any one time one of the three "illuminative forms" has a tendency to predominate (beginning with an illumination by dynamics in the first section, which gradually transforms into an illumination by timbral articulation), but interspersed with qualitatively differently-formed procedures (in order always to accentuate a different aspect of the respective illuminative form). In the fourth section of the work, beginning at bar 71 (as peripeteia, as turning point) the different illuminative forms are combined in the most varied interlockings and connexions.

The intention is then a multiple transfluence of sound material into a metazone: on the one hand through the proposition that three physical players melt into a single quasi-"medial super-performer", such that the piece is presented as it were in a single long breath (in the whole of the eleven-minute piece there are no pauses); on the other hand through the fact that the pitch material consists entirely of notes raised or lowered by a quarter-tone, to be realised not by retuning the instruments but by special fingerings. Two possibilities are opened up by this. Either all the quarter-tones will be played as tempered as possible: the main result will then be a strangely unusual sound-world. Or all the quarter-tones will be played as accurately as possible in an absolute sense. (Then a 1/4-tone above B will be heard as noticeably higher than a 1/4-tone below C.) So a moment comes in this especial quarter-tone sound-world when there is a certain ‘detuning’ of the tempered interval-relationship, but one which is perceivable after a period of acclimatisation no longer as ‘detuning’ but as an altering of an in itself tuned, individually consistent harmonic language.

This composition was commissioned by the Swiss cultural foundation Pro Helvetia.

The work was awarded first prize in the "Ostschweizer Stiftung für Musik und Theater" composition competition, 1990.

The music was written in memoriam Ludwig Wittgenstein.

The piece is dedicated to the Schweizer Klarinettentrio.

René Wohlhauser
English translation: James Clarke


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Klavierquartett


Werkkommentar (1) zum Klavierquartett (1979 / 83-84, teilrev. 1987), Ergon 9, ca. 9 Min.

Im "Klavierquartett" unternahm ich den Versuch, die Tiefendimension auszukomponieren, was zu einer gedrängten Dauer der Musik, zu einer Art "Texturpolyphonie", führte.

Diesem vertikalen Aspekt steht horizontal das Ausleuchten des Verhältnisses zwischen (den "Erzfeinden") Klavier und Streicher gegenüber, die sich nur in den tonhöhenlosen Teilen finden, die ansonsten aber auf der Zeitachse über weite Strecken ihre jeweils eigene Mikrozeit gestalten, was sich in einer Art "transitiven Schichtenüberlagerung" manifestiert.

Durch ein Netzwerk proportionaler Relationen, was sich in ungewöhnlichen Sub-Taktarten niederschlägt, die sich gegeneinander verschieben, versuchte ich ein Gefühl von "Zeitverschiebung" zu suggerieren.

Diagonal zu diesen Prozessen verläuft die Zuordnung der Register im Sinne überlagerter Paß-Filter-Funktionen.

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Werkkommentar (2) zum Klavierquartett (1979 / 83-84, teilrev. 1987), Ergon 9, ca. 9 Min.

Im "Klavierquartett" wurde der Versuch unternommen, die Tiefendimension auszukomponieren, was zu einer gedrängten Dauer der Musik, zu einer Art "Texturpolyphonie" führte.

Dem steht das Ausleuchten der klanglichen Antagonisten gegenüber, die nur in den tonhöhenlosen Teilen zusammenfinden, ansonsten aber auf der Zeitachse über weite Strecken ihre jeweils eigene Mikrozeit gestalten, was sich in einer Art "transitiven Schichtenüberlagerung" manifestiert.

Durch ein Netzwerk proportionaler Relationen, die sich in ungewöhnlichen, sich gegeneinander verschiebenden Sub-Taktarten niederschlagen, wurde versucht, ein Gefühl von "Zeitverschiebung" zu suggerieren.

Asynchron zu diesen Prozessen verläuft die Zuordnung der Register im Sinne überlagerter Paß-Filter-Funktionen.

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Werkkommentar (3) zum Klavierquartett (1979 / 83-84, teilrev. 1987), Ergon 9, ca. 9 Min.

In diesem Stück wird das Verhältnis zwischen dem Klavier und den anderen Instrumenten ausgeleuchtet.

Durch gegensätzliche instrumentenspezifische Materialzuordnungen wird der Kontrast zwischen den Instrumenten bis zur Unversöhnlichkeit gesteigert, so daß die Instrumente am Ende nur noch die Möglichkeit haben, sich im Geräusch zusammenzufinden.

Während sich zeitenweise die beiden hohen Instrumente miteinander verbünden, sucht das Cello den Anschluß an das Klavier. Dadurch driften die verschiedenen Schichten auseinander, die Ebenen verschieben sich gegeneinander und führen zu einer Art "transitiven Schichtenüberlagerung".

Durch diese Schichtenüberlagerung unternahm ich den Versuch, die Tiefendimension der Struktur auszukomponieren, was zu einer gedrängten Dauer der Musik, zu einer Art "Texturpolyphonie" führte.

Durch ein Netzwerk proportionaler Relationen (was sich in ungewöhnlichen Sub-Taktarten niederschlägt, die asynchron zueinander gesetzt sind), versuchte ich, ein Gefühl von "Zeitverschiebung" zu suggerieren.

René Wohlhauser

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Comments on Klavierquartett, version for flute, clarinet, violoncello and piano (1979 / 83-84, partially revised 1987), Ergon 9

This piece illuminates the relationship between the piano and the other instruments.

The contrast between the instruments is heightened to the point of irreconcilability through the antithetic assignments of instrument-specific material, so that in the end, the only chance of reconciliation the instruments have is to find each other in the noise.

Whereas both of the high instruments are at times allied, the cello seeks contact with the piano. As a result, the different layers drift apart, shifting the levels against each other, causing a kind of "transitive overlapping".

This overlapping was an attempt on my part to integrate the dimension of structural depth into the composition, which led to a compacted duration of the music, to a kind of "polyphony of texture".

Through a network of proportional relations (reflected in unusual sub-time-signatures, set asynchronically in relation to each other ), I attempted to suggest a feeling of "time-warp".

René Wohlhauser
Translation by Gail Makar

L'amour est une duperie – l'amour n'est pas une symbiose


Werkkommentar zu

L'amour est une duperie – l’amour n’est pas une symbiose

Kammeroper bzw. (szenisches oder konzertantes) Opernoratorium

Hommage à Jean-Paul Sartre et Simone de Beauvoir,

auf verbotene (und durch eigene Lautpoesie ersetzte) Texte von Jean-Paul Sartre
und auf erlaubte Texte von Simone de Beauvoir

Der Zyklus existiert in verschiedenen Besetzungen bzw. Versionen:
• Duoversion: Szenen für Sopran und Bariton (2014/2015)
• Trioversion: Szenen für Sopran, Bariton und Klavier (2014/2015)
• Ensembleversion: Szenen für Sopran, Bariton, Flöte (& Baßflöte), Klarinette (& Baßklarinette), Violoncello und Klavier (2014/2015)
• Ensembleversion mit Violine: Szenen für Sopran, Bariton, Flöte (& Baßflöte), Klarinette (& Baßklarinette), Violine, Violoncello und Klavier (2014/2015)

Die Duoversionen (Sopran und Bariton)
• 1. Teil der Duoversionen: « L'amour et la liberté » (2014), Ergon 53, Nr. 1, Musikwerknummer 1705, ca. 5 ½ Min.
• 2. Teil der Duoversionen: « Je passe un temps aussi fort que possible » (2015), Ergon 53, Nr. 9, Musikwerknummer 1732, ca. 14 Min.
• 3. Teil der Duoversionen: « Je me sens un salaud » (2014), Ergon 53, Nr. 2, Musikwerknummer 1706, ca. 10 ½ Min.
Gesamtdauer: 30 Minuten

Die Trioversionen (Sopran, Bariton und Klavier)
• 1. Teil der Trioversionen: « L'amour et la liberté » (2014/2015), Ergon 53, Nr. 5, Musikwerknummer 1727, ca. 5 ½ Min.
• 2. Teil der Trioversionen: « Je passe un temps aussi fort que possible » (2015), Ergon 53, Nr. 12, Musikwerknummer 1754, ca. 15 ½ Min.
• 3. Teil der Trioversionen: « Je me sens un salaud » (2014/2015), Ergon 53, Nr. 6, Musikwerknummer 1728, ca. 11 ½ Min.
Gesamtdauer: 32 ½ Minuten

Die Ensembleversionen (Sopran, Bariton, Flöte, Klarinette, Violoncello und Klavier)
• Prolog zu "L’amour est une duperie": "Une nuit toute passionnée" (2015), Ergon 53, Nr. 11, Musikwerknummer 1749, ca. 11 Min.
• 1. Teil der Ensembleversionen: « L'amour et la liberté » (2014), Ergon 53, Nr. 3, Musikwerknummer 1709, ca. 9 Min.
• 2. Teil der Ensembleversionen: « Je passe un temps aussi fort que possible » (2015), Ergon 53, Nr. 10, Musikwerknummer 1745, ca. 40 Min.
• 3. Teil der Ensembleversionen: « Je me sens un salaud » (2014), Ergon 53, Nr. 4, Musikwerknummer 1712, ca. 15 Min.
Gesamtdauer: 75 Minuten

Die Ensembleversionen mit Violine (Sopran, Bariton, Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier)
• Prolog zu "L’amour est une duperie": "Une nuit toute passionnée" (2015), Ergon 53, Nr. 11, Musikwerknummer 1749, ca. 11 Min.
• 1. Teil der Ensembleversionen mit Violine: « L'amour et la liberté » (2014/2015), Ergon 53, Nr. 7, Musikwerknummer 1730, ca. 9 Min.
• 2. Teil der Ensembleversionen mit Violine: « Je passe un temps aussi fort que possible » (2015), Ergon 53, Nr. 10, Musikwerknummer 1745b, ca. 40 Min.
Während dem 2. Teil der Ensembleversionen mit Violine gilt: Violine tacet. Diese Version entspricht somit genau dem 2. Teil der Ensembleversionen ohne Violine.
• 3. Teil der Ensembleversionen mit Violine: « Je me sens un salaud » (2014/2015), Ergon 53, Nr. 8, Musikwerknummer 1731, ca. 15 Min.
Gesamtdauer: 75 Minuten



Im Frühjahr 2014 habe ich mich eingehend mit dem Briefwechsel zwischen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir befaßt und habe ausgewählte Stellen zu einem Libretto zusammengestellt. Die meisten Stellen entstammen den Briefen vom Februar 1940, als Sartre zum Militärdienst eingezogen wurde. Diese Ausnahmesituation hatte Auswirkungen sowohl auf Sartres Lebenshaltung wie auch auf die Beziehung zu Simone de Beauvoir.
Geplant waren Szenen mit Texten von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir aus deren Briefen im Kontrast zu Ausschnitten aus dem philosophischen Werk "L’être et le néant" von Jean-Paul Sartre, also sozusagen eine Gegenüberstellung von philosophischen Thesen einerseits und deren Alltagsrealisation durch ihren Urheber andererseits.
Die ausgewählten Stellen scheinen aber den Rechteinhabern der Texte von Jean-Paul Sartre so brisant zu sein, da Sartre in ihnen schonungslos seine eigenen dunklen Seiten benennt, daß sie die Verwendung untersagten. Die Reaktion zeigte, daß ich offenbar die richtigen Stellen ausgewählt habe, die eine andere Sicht auf Sartre ermöglichen.
Somit werden die Texte von Sartre blockiert, statt ihre Verbreitung zuzulassen. Deshalb habe ich die Sartre- und de Beauvoir-Texte zuerst in Musik gesetzt, um den originalen Ton zu erhalten, dann habe ich die Sartre-Texte aus der Musik wieder entfernt und durch eigene Lautpoesie ersetzt. Die Texte von Simone de Beauvoir wurden freigegeben. Mit diesem Stück wird somit auf ein immer noch vorhandenes rechtliches Problem der künstlerischen Zensur aufmerksam gemacht, das die Freiheit der Kunst behindert. Daß ein Copyright die Produktion eines Autors zu seinen Lebzeiten schützt, ist in Ordnung. Daß das Copyright aber nach dem Tod des Autors dazu benutzt wird, um die Verbreitung seines Werks zu verhindern, ist nicht in Ordnung, sondern muß als Mißbrauch bezeichnet werden.
Die französischen Originaltexte dürfen bis spätestens 70 Jahre nach dem Tod von Sartre nicht gesungen werden. Dann endet die Schutzfrist des Urheberrechts. Danach erst kann die eigentliche Uraufführung der Originalfassung der Komposition stattfinden. Das Stück, das als Hommage an Sartre und de Beauvoir konzipiert war, wird nun zu einem Proteststück gegen die Zensur der Kunst. Die momentane Rechtslage erlaubt es den Rechteinhabern, die Verbreitung der Texte von Sartre zu verbieten. Deshalb kämpfe ich mit künstlerischen Mitteln für Sartre und für sein Recht auf die Verbreitung seiner Werke. Ich übersetzte den sprachlich-musikalischen Duktus seiner Texte in lautpoetische Texte, die mit einer persönlichen Deutung unterlegt werden dürfen. (Wie in einer Diktatur, in der das offene Wort verboten ist.) Dadurch wird Lautpoesie zu einem Symbol künstlerischer (und somit auch politischer) Freiheit, da niemand die Lautpoesie und ihre subtextuelle Deutungsfreiheit verbieten kann.
Die Rechteinhaber können nicht das Hommage-Werk verhindern, wohl aber die Verwendung der Sartre-Texte, was zur skurrilen Situation führt, daß in einem Hommage-Werk an Sartre seine eigenen Original-Texte nicht erscheinen dürfen. (Daß diese Art von Unterdrückung der Kunst in Zeiten des Internets überhaupt noch möglich ist, wirkt anachronistisch.) Es scheint, daß sein Kampf für die Freiheit nach seinem Tod weitergehen muß …

René Wohlhauser


Gekürzte Fassung:

Im Frühjahr 2014 habe ich mich eingehend mit dem Briefwechsel zwischen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir befaßt und habe ausgewählte Stellen zu einem Libretto zusammengestellt. Die meistens Stellen entstammen den Briefen vom Februar 1940, als Sartre zum Militärdienst eingezogen wurde. Diese Ausnahmesituation hatte Auswirkungen sowohl auf Sartres Lebenshaltung wie auch auf die Beziehung zu Simone de Beauvoir.
Geplant waren Szenen mit Texten von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir aus deren Briefen im Kontrast zu Ausschnitten aus dem philosophischen Werk "L’être et le néant" von Jean-Paul Sartre, also sozusagen eine Gegenüberstellung von philosophischen Thesen einerseits und deren Alltagsrealisation durch ihren Urheber andererseits.
Die ausgewählten Stellen scheinen aber den Rechteinhabern der Texte von Jean-Paul Sartre so brisant zu sein, da Sartre in ihnen schonungslos seine eigenen dunklen Seiten benennt, daß sie die Verwendung untersagten. Deshalb habe ich die Sartre- und de Beauvoir-Texte zuerst in Musik gesetzt, um den originalen Ton zu erhalten, dann habe ich die Sartre-Texte aus der Musik wieder entfernt und durch eigene Lautpoesie ersetzt. Die Texte von Simone de Beauvoir wurden freigegeben.
Das Stück, das als Hommage an Sartre und de Beauvoir konzipiert war, wird nun zu einem Proteststück gegen die Zensur der Kunst. Daß ein Copyright die Produktion eines Autors zu seinen Lebzeiten schützt, ist in Ordnung. Daß das Copyright aber nach dem Tod des Autors dazu benutzt wird, um die Verbreitung seines Werks zu verhindern, ist nicht in Ordnung, sondern muß als Mißbrauch bezeichnet werden. Deshalb kämpfe ich mit künstlerischen Mitteln für Sartre und für sein Recht auf die Verbreitung seiner Werke.
Lautpoesie wird zu einem Symbol künstlerischer (und somit auch politischer) Freiheit, da niemand die Lautpoesie und ihre subtextuelle Deutungsfreiheit verbieten kann.
Die Rechteinhaber können nicht das Hommage-Werk verhindern, nur die Verwendung der Sartre-Texte, was zur skurrilen Situation führt, daß in einem Hommage-Werk Sartre nicht mit seiner eigenen Stimme sprechen darf.

René Wohlhauser

Kurzbeschreibung: Mit diesem Stück kämpfe ich um die Freiheit der Kunst. Musikalisch geht es um eine Art neuer Kantabilität und um die Verlängerung dieser speziell gestalteten vokalen Linien bis in die instrumentale Satzstruktur hinein.

Lemuria


Werkkommentar zu Lemuria (1977)

Klangbilder eines – hypothetisch angenommenen – versunkenen Kontinentes

Für 2 Flöten und Zuspielband

Ergon 1, Dauer: ca. 17 Min.



"Lemuria" soll nach dem altgriechischen Philosophen Platon ein sagenumwobener, versunkener Kontinent im Pazifik gewesen sein, der etwa zur gleichen Zeit wie (das viel bekanntere) Atlantis im Atlantik existiert haben soll. Dies jedenfalls behauptet der amerikanische Traumdeuter Cayce. Laut ihm konnten die Gründe für den Untergang dieser vorantiken Hochkultur bis heute noch nicht geklärt werden. Es werde aber (in Platons Bericht nur verschleiert angedeutet) angenommen, daß die Einwohner durch starken Mißbrauch der Naturkräfte und der natürlichen Ressourcen selbst dazu beigetragen hätten (wodurch dieser Bericht aktuelle Bedeutung erlangen würde, wenn man an die heutige Umweltproblematik denkt).

Die geheimnisvollen Aussagen des Traumdeuters haben mich zu dieser Komposition angeregt. Die musikalische Schilderung ist sehr programmatisch und folgt in ihrer Formanlage (u.a. mit den Subtiteln "Aufbau - Zenit - Zerfall") sogar der klassisch-romantischen Steigerungsform. Die wechselseitigen Beziehungen zwischen Mensch und "zurückschlagender" Natur werden in diesem Stück durch die beiden Klangebenen Flöten und Elektronik dargestellt.

Im ganzen umfangreichen Werk Platons findet sich kein Hinweis auf "Lemuria". Demgegenüber hat der englische Gelehrte Flater 1874 eine hypothetisch angenommene Landverbindung zwischen Vorderindien und Madagaskar, die auch das Ursprungsland der Halbaffenart der Lemuren sein soll, "Lemuria" genannt.

René Wohlhauser

Lumière(s)


Werkkommentar zu Lumière(s) für Orgel (1989), Ergon 18, 8 Min.

Im Frühjahr 1989 wurde ich darum gebeten, aus Anlaß des 20-jährigen Jubiläums des "Festival international de l’orgue ancien", ein Stück für die älteste noch spielbare Orgel Europas zu schreiben. Diese steht in Valère bei Sion und wurde in den Jahren 1390-1430 erbaut.

Die extremen Beschränkungen dieses alten Instrumentes, die in der Kurzoktave am deutlichsten zum Ausdruck kommen, reizten mich besonders, verbunden mit der Aufgabe, ein Stück zu komponieren, das auch auf größeren Orgeln instrumentenadäquat wirken würde.

Aus diesen Gegebenheiten leitete ich das Prinzip ab, daß im Sinne der Kinematik ein beschränkter Tonvorrat stets mit beschränkten Bewegungsmöglichkeiten verbunden werden sollte und umgekehrt. Um die Aufgabenstellung konfliktreich zu akzentuieren, habe ich quasi die Antithese der gegebenen Beschränkungen zum Konzept des Stückes erhoben: innerhalb der sehr engen Grenzen zu größtmöglicher "homogener Vielfalt" zu gelangen und andererseits die Beschränkungen bis ins Extrem zu treiben, als eine brauchbare Möglichkeit, das schwierige generelle kompositorische Problem einer sinnfällig-nachvollziehbaren "Logik des Schließens" für dieses Stück zu lösen.

Während der ganzen Arbeit an diesem Stück verfolgte mich die fixe Vorstellung von "musikalischen Lichterscheinungen"; ein für mich nicht faßbarer Zwang, Aspekte des Lichteinfalls, der Lichtbrechung (der sog. Dioptrik), der Lichtdurchlässigkeit (Pelluzidität) und der Lichtundurchlässigkeit (Opazität) musikalisch umzusetzen; auch mit sog. "Helligkeitsmodulationen" auf dem Hintergrund einer imaginären sog. "Lichttranszendenz".

Dabei drängten sich mir immer wieder Bilder von Claude Monet mit ihren Licht- und Schattenreflexen auf. Nicht nur die bekannten Seerosen, wo er versuchte, bei verschiedenen Tageszeiten, Licht- und Wetterverhältnissen den Eindruck der Wirklichkeit und ihre im Wasser gespiegelte Illusion festzuhalten. Sondern vor allem Gemälde wie "La cathédrale de Rouen" mit dem sogenannten "effet du matin", der diffusen Morgenstimmung, und "La Gare de Saint-Lazare" mit der faszinierenden optischen Vermischung von Wasserdampf und Sonnenlicht.

René Wohlhauser

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Programme note: Lumière(s) for organ (1989), Ergon 18, 8 min.

In early 1989, on the occasion of the twentieth anniversary of the "Festival international de l’orgue ancien", I was asked to write a piece for the oldest still playable organ in Europe. This is in Valère near Sion and was built between 1390 and 1430.

I found the extreme limitations of this old instrument, which is most clearly effective in the "short octave", especially stimulating when combined with the challenge of composing a piece that could work equally well on larger organs.

Given these conditions I derived the principle that, in a cinematic sense, a restricted note collection should always be combined with restricted possibilities of movement, and vice versa. To accentuate and intensify conflict given this formulation I raised what is almost the antithesis of the given limitations as the concept of this piece: within the extremely narrow limits to achieve the greatest possible "homogeneous multiplicity", and on the other hand to propel the limitations to their extremes, leading to a workable possibility for this piece of solving the difficult general compositional problem of a meaningful, coherent "logic of closing".

Throughout my work on this piece I was constantly obsessed by the idea of "musical light-phenomena": a compulsion (which I did not fully understand) to translate into music aspects of the incidence of light: refraction, translucence, opaqueness, "modulations of light" behind an imaginary "transcendence of light".

At the same time the works of Claude Monet with their reflections of light and shadow were forever forcing themselves into my mind: not just the famous waterlilies, where, at different times of day and with different light and weather conditions, he tried to capture the impression of reality and, mirrored in water, illusion; but above all paintings like "La cathédrale de Rouen" with its so called "effet du matin", the diffuse atmosphere of morning, and "La Gare de Saint-Lazare" with its fascinating optical mixture of steam and sunlight.

René Wohlhauser
English translation: James Clarke

Ly-Gue-Tin

Werkkommentar zu Ly-Gue-Tin
eine (nicht ganz ernst gemeinte) klingende, halbszenische Werkmonographie für Stimme(n) und Klavierklänge
komponiert zur Einweihung der Lebenstafeln von Jean Tinguely in Basel
an seinem 83. Geburtstag (22. Mai 1925 - 30. August 1991),
auf eigene lautpoetische Texte (2008), Ergon 38, Musikwerknummer 1493, ca. 10 Min.
Kompositionsauftrag vom Quartierverein Gundeldingen Basel.

Der weltberühmte Eisenplastiker Jean Tinguely wurde in Basel geboren. Er ist vorallem durch seine beweglichen, maschinenähnlichen Skulpturen bekannt geworden, die teilweise an merkwürdige menschliche Bewegungsmuster aus der Arbeitswelt erinnern. Seine motorenbetriebenen Maschinenplastiken setzte er aus Draht, Blech und allerlei anderen Fundstücken und Schrottelementen zusammen und reflektierte damit in oft witziger und verspielter Weise die menschliche Gesellschaft und ihre Abfallberge.

So wie Tinguely einzelne Elemente aus der realen Lebenswelt nahm und sie zu surrealen Konstruktionen zusammenfügte, so habe ich einzelne phonetische Elemente aus der realen Sprachwelt genommen und sie zu einer surrealen Kunstsprache zusammengefügt, und dies mit einer eigenen Sprachfärbung, einem spezifischen Sprachrhythmus und assoziativen Anklängen an bestehende Sprachen. Und analog dazu bin ich auch kompositorisch vorgegangen. Amorphe Klänge und zuckende, mechanische Bewegungsmuster prallen aufeinander und gehen merkwürdige Verbindungen ein. Die Vielfalt von Tinguelys gegenständlichen Skulpturen spiegelt sich in der Vielfalt der musikalischen Skulpturen, die trotz ihrer disparaten Beschaffenheit in skurriler Weise auf gemeinsamen Ausdruck und Kommunikation hindrängen.

Kurzbeschrieb: Ein Dialog zwischen kontrastierenden Bruchstücken als klingende Werkmonographie zur Einweihung der Lebenstafeln von Jean Tinguely in Basel am 22. Mai 2008.

René Wohlhauser

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Commentaire sur l'œuvre Ly-Gue-Tin
Monographie sonore, pas tout à fait sérieuse, pour voix et piano (2008), composée pour l'inauguration des tables de mortalité de Jean Tinguely à Bâle lors de son 83e anniversaire (22 mai 1925 - 30 août 1991), sur des textes phonétiques du compositeur, Ergon 38

Le célèbre sculpteur de métal Jean Tinguely est né à Bâle. Il est surtout connu pour ses sculptures mobiles, similaires à des machines, dont certaines nous font penser aux étranges habitudes de mouvements de l'homme dans le monde du travail. Ses sculptures-machines motorisées sont construites avec du fil de fer, de la tôle et toutes sortes d'autres objets de récupération ainsi que des morceaux de ferraille. Par cela il reflète de façon humoristique la société humaine et ses montagnes de déchets.

De la même façon que Tinguely a pris des éléments isolés du monde réel et les a assemblé en constructions surréelles, j'ai pris des éléments phonétiques du monde du langage réel et je les ai assemblé dans un langage artificiel surréaliste, et cela avec une propre coloration de langue, un rythme de langage spécifique et des sons associatifs en relation avec des langues existantes. J’ai également procédé de la même façon dans la composition. Des sons amorphes et des formes de mouvement mécaniques entrent en collision et produisent des connexions étranges. La variété des sculptures de Tinguely se reflète dans la diversité des sculptures musicales. En dépit de leur caractère disparate, ces sculptures musicales ont une tendance vers une expression et une communication commune.

René Wohlhauser

Manía


Werkkommentar zu Manía für Klavier (2001/2002), Ergon 28, 10 Min.

Das griechische Wort »manía« (Raserei, Wut, Wahnsinn, Begeisterung) drückt ziemlich genau den Zustand der Befindlichkeit aus, in dem ich mich befand, als ich zur Arbeit an diesem Stück getrieben wurde. In diesem Stück geht es um die obsessive Besessenheit, mit der so lange, unnachgiebig und radikal an der Prägnanz des künstlerischen Ausdrucks gemeißelt werden soll, bis dieser in einer völlig verwandelten, transzendierten Gestalt aufscheint, was aber nur für diejenigen wahrnehmbar und erfahrbar wird, die sich von dieser Obsession anstecken und begeistern lassen und bereit sind, den anforderungsreichen Weg mitzugehen, also dazu bereit sind, im besten Falle durch Musik selbst verwandelt zu werden. Radikalität in künstlerischen Belangen ist etwas sehr Wichtiges, denn darin zeigt sich erst das wahre Wesen einer Sache. Oder wie Dürrenmatt gesagt hat: "Eine Geschichte ist erst dann zu Ende erzählt, wenn sie die schlimmstmögliche Wendung genommen hat." Radikal sein bedeutet: in die Tiefe vordringen, sich einlassen. Ich möchte bei der Auseinandersetzung mit Kunst bis an die Grenzen geführt werden. Dann erst lerne ich etwas über mich selbst und über die Welt. In der Kunst kann man Abenteuer und Grenzerfahrungen erleben, die es im alltäglichen Leben nicht mehr gibt. Kunst ist somit nicht ein Luxus oder kulinarisches Bildungsgut, sondern eine existenzielle Notwendigkeit, ein Ansporn zu Veränderung und Widerstand gegen träge Gewohnheit, Massengeschmack und easy entertainment.


Die Arbeit an diesem Stück brachte mich dazu, die Funktion von Energie im musikalischen Diskurs neu zu überdenken und zu definieren. Durch die Befreiung schon lange kochender, aber gefangengehaltener Energieströme und musikalischer Zustände, die sich ihren eigenen Raum suchen, durch das Losreißen aufeinander zuschießender, kontradiktorischer Gravitationskräfte, die nach unmittelbarem Ausdruck drängen und mit perspektivischem Richtungswillen aufgeladen sind, sollte ihr expressives Potential nicht nur hörbar, sondern auch physisch spürbar werden. Die dadurch freigesetzten Energien weisen uns den Weg. Wir brauchen nur ihren Kraftlinien zu folgen. Der nach vorne gerichtete Fluß bewirkt eine Öffnung des Zeitkontinuums, er ermöglicht ein Sich-mitreißen-lassen in den Sog neuer ästhetischer Erfahrungen. In der Kunst, ob in der Malerei, in der Literatur oder in der Musik, geht es meiner Meinung nach nicht darum, Objekte zu konstruieren, sondern Kraftfelder aufzubauen, die ihre Energie in die Zukunft hineinprojizieren.

Bei diesem Werk handelt es sich um einen Kompositionsauftrag der Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Basel-Landschaft.

René Wohlhauser

Marakra Code X


Werkkommentar zu Marakra Code X

Marakra Code 0 für Bariton solo, auf ein eigenes lautpoetisches Gedicht, 2011 komponiert, Ergon 44/IV, Musikwerknummer 1606

Marakra Code 1 für Sopran, Bariton und Klavier, mit Perkussion, auf ein eigenes Mischgedicht zwischen Lautpoesie und Halbsemantik, 2011 komponiert, Ergon 44/I, Musikwerknummer 1603

Marakra Code 2 für Sopran, Bariton, Flöte, Klarinette, Violoncello und Klavier, mit Perkussion, auf ein eigenes Mischgedicht zwischen Lautpoesie und Halbsemantik, 2011 komponiert, Ergon 44/II, Musikwerknummer 1604

Marakra Code 3 für Sopran, Bariton und Violoncello, auf ein eigenes Mischgedicht zwischen Lautpoesie und Halbsemantik, 2011 komponiert, Ergon 44/III, Musikwerknummer 1605

Marakra Code 02 für Sopran und Bariton, auf ein eigenes lautpoetisches Gedicht, 2011 komponiert, Ergon 44/V, Musikwerknummer 1618

Marakra Code 02.2 für Sopran und Bariton, auf ein eigenes Mischgedicht zwischen Lautpoesie und Halbsemantik, 2011 komponiert, Ergon 44/VI, Musikwerknummer 1619



Ein Code ist u.a. ein Schlüssel zum Übertragen von chiffrierten Texten in Klartext und umgekehrt. So gilt beispielsweise im Morsecode ein Punkt als Funktion oder Abbildung des Buchstabens "e". Oder in der Technik gilt die Geschwindigkeit als Funktion des Weges und der Zeit.

In der Mathematik ist eine Funktion oder Abbildung eine Beziehung zwischen zwei Mengen (A und B), die Elementen der einen Menge (Funktionsargument, unabhängige Variable, x-Wert) Elemente der anderen Menge (Funktionswert, abhängige Variable, y-Wert) zuordnet. So gibt es u.a injektive Funktionen (jedem Element von A entspricht nur ein Element in B (dies ergibt die sog. Bildmenge), wobei in B noch zusätzliche, undefinierte Elemente vorkommen können), surjektive Funktionen (mehrere Elemente von A können in B dem gleichen Element zugeordnet werden) oder bijektive Funktionen (genaue Paarbildungen zwischen den Elementen von A und B ohne zusätzliche Elemente).

Gibt es einen Code, der unvertraute Lautfolgen verständlich werden läßt? Diese Frage kann sich sowohl auf Sprache wie auch auf Musik beziehen. Es gibt z.B. die bekannte Frage, ob es einen Code zum Hören bzw. Verstehen von zeitgenössischer Musik gibt. Interessanter wäre für mich die Frage, ob es einen Code gibt, mit dem wir Tore zu noch unentdeckten musikalischen Welten aufstoßen könnten.

Manchmal erleben wir eine Eingebung, wie wenn uns ein Code zufallen und uns durch eine plötzliche Einsicht etwas schlagartig klar machen würde, was wir vorher nicht verstanden haben. In den "Marakra-Code"-Versionen 1-3 gibt es einen plötzlichen, markanten Umschlagpunkt. Danach erscheinen die lautpoetischen Silbenfolgen des Anfangs in halbsemantische Textfragmente verwandelt, eingebettet in ein atmosphärisch und strukturell verändertes musikalisches Umfeld.

René Wohlhauser

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Der doppelte Wendepunkt in "Marakra Code 2":
Nach dem Wendepunkt in Takt 110 (überraschender Einsatz des Vibraslap) erscheinen die lautpoetischen Silbenfolgen des Anfangs in halbsemantische Textfragmente verwandelt, während umgekehrt die Spielweise der Instrumentalisten sich von der quasi traditionellen Spieltechnik abwendet, sich verwandelt und alles nur noch fragmentiert und geräuschhaft erklingt: das Klavier wird (in den Takten 115-188 und 146-149) vorwiegend nur noch als Nachklang wahrgenommen, während die anderen Instrumente und der Sopran (in den Takten 122-141) auf Alternativinstrumenten spielen: Gedämpfter Triangel mit Triangelschlägel statt Sopran, gedämpfte, rauhe Keramik statt Flöte, gedämpftes Korkbrett mit Holzstab statt Klarinette und gedämpfte Steine gegeneinander geschlagen und gerieben statt Cello. In zusätzlich gestauchten und gespreizten Rhythmen ist dies nur noch das Rhythmus-Skelett dessen, was sie in den Takten 61-96 gespielt haben. Das Sopran-Bariton-Duo singt (in den Takten 150-159) mit halb geschlossenem Mund traumhaft-irreal schwebende Klänge und kippt nach den Sprachklängen der Takte 160-161 mit mehrstimmigem Pfeifton- und Obertongesang (in den Takten 162-170) vollends in eine andere Ausdrucksweise. Diese andere Ausdrucksweise geht ab Takt 172 auch auf die Instrumente über: whistle tones, Luftklänge, Flageolett-Glissandi, Zahnton und kaum mehr hörbare Reibe-Tremoli auf den Alternativinstrumenten beschließen das Stück.

René Wohlhauser

Kurzbeschrieb von "Marakra Code 0": In quasi theatralischem Gestus der Figuren und Ausdrucksmomente formt die Solostimme lautpoetische Sprachreste zu einem bewegten Diskurs und suggeriert damit einen mehrdeutigen Subtext.

Kurzbeschrieb von "Marakra Code 1": Zwei Stimmen, die ihren Vortrag durch dezenten Perkussionseinsatz nuancieren, im Dialog mit sparsam ausbrechenden Klavierfragmenten, wandeln durch die unterschiedlichsten Ausdrucksbereiche.

Kurzbeschrieb von "Marakra Code 2": Nach einem doppelten Wendepunkt (in Takt 110) erscheinen die lautpoetischen Silbenfolgen des Anfangs in halbsemantische Textfragmente verwandelt, während umgekehrt die Spielweise der Instrumentalisten sich von der quasi traditionellen Spieltechnik abwendet und alles nur noch fragmentiert und geräuschhaft erklingt.

Kurzbeschrieb von "Marakra Code 3": In den Dialog der zwei Stimmen, die ihren Vortrag durch dezenten Perkussionseinsatz nuancieren und sich mit sparsam ausbrechenden Klavierfragmenten auseinandersetzen, mischt sich eine Cellostimme, die sich mal auf die eine, mal auf die andere Seite schlägt und manchmal ihren eigenen Weg geht.

René Wohlhauser

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Comment on the works

Marakra Code 0 for baritone solo, to a sound poem by the composer (2011)
Ergon 44/IV, Musical work number 1606

Marakra Code 1 for soprano, baritone and piano, with
percussion, to a mixed poem by the composer between sound poetry and semi-semantics (2011), Ergon 44/I, Musical work number 1603

Marakra Code 2 for soprano, baritone, flute, clarinet, violoncello and piano, with
percussion, to a mixed poem by the composer between sound poetry and semi-semantics (2011), Ergon 44/II, Musical work number 1604

Marakra Code 3 for soprano, baritone and violoncello, to a mixed poem by the composer between sound poetry and semi-semantics (2011), Ergon 44/III, Musical work number 1605

Marakra Code 02 for soprano and baritone, to a sound poem by the composer (2011), Ergon 44/V, Musical work number 1618

Marakra Code 02.2 for soprano and baritone, to a mixed poem by the composer between sound poetry and semi-semantics (2011), Ergon 44/VI, Musical work number 1619

A Code is, among other things, a key for translating encrypted texts into plain text and vice-versa. So for example in Morse code, a dot represents a function or image of the letter "e". Or in physics, velocity is a function of distance and time.

In mathematics, a function or image is a relationship between two sets (A and B), which relates elements of one set (the argument, independent variable, x-value) to elements of the other set (value, dependent variable, y-values). There are i.a. injective functions (every element of A is related to at most one element in B (this yields the so-called image set), whereas in B, further undefined elements may exist), surjective functions (several elements of A can be related to the same element in B) or bijective functions (every element of A is related to exactly one element of B without any additional elements).

Is there a code which could make unfamiliar sound sequences comprehensible? This is a question which could apply equally to language as well as to music. We have e.g. the familiar question of whether there is a code for hearing, or rather understanding, contemporary music. A much more interesting question for me would be whether there is a code with which we could throw open the gates to yet undiscovered musical worlds.

Sometimes we experience a kind of inspiration, as if a code were revealed to us, and by sudden insight, something which we hadn’t understood before becomes immediately clear. In this piece there is a sudden distinctive tipping point. Afterwards, the sequences of onomatopoetic syllables from the beginning appear as semi-semantic text fragments, embedded in an atmospherically and structurally modified musical context.

René Wohlhauser
Translation: Gail Makar

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Commentaire sur les œuvres

Marakra Code 0 pour baryton solo, sur un poème phonétique du compositeur (2011)
Ergon 44/IV, Musikwerknummer 1606

Marakra Code 1 pour soprano, baryton et piano, avec percussion, sur un poème mixte du compositeur, intermédiaire entre poésie phonétique et semi-sémantique (2011), Ergon 44/I, Musikwerknummer 1603

Marakra Code 2 pour soprano, baryton, flûte, clarinette, violoncelle et piano, avec percussion, sur un poème mixte du compositeur, intermédiaire entre poésie phonétique
et semi-sémantique (2011), Ergon 44/II, Musikwerknummer 1604

Marakra Code 3 pour soprano, baryton et violoncelle, avec percussion, sur un poème mixte du compositeur, intermédiaire entre poésie phonétique et semi-sémantique (2011), Ergon 44/III, Musikwerknummer 1605

Marakra Code 02 pour soprano et baryton, sur un poème phonétique du compositeur, (2011), Ergon 44/V, Musikwerknummer 1618

Marakra Code 02.2 pour soprano et baryton, sur un poème mixte du compositeur, intermédiaire entre poésie phonétique et semi-sémantique, (2011), Ergon 44/VI, Musikwerknummer 1619

Un « code » est, entre autres, une clé pour la transcription de textes chiffrés en textes clairs et inversement. Ainsi, dans le code morse, un point vaut comme « fonction » ou « image » de la lettre e. Ou encore, dans la technique, la vitesse est censée être une « fonction » de la trajectoire et du temps.

En mathématiques, une « fonction » ou « application » est la relation entre deux ensembles (A et B) qui ordonne aux éléments de l’ensemble de départ (également appelé argument de la fonction, variable indépendante, valeur x) des éléments de l’ensemble d’arrivée (valeur de la fonction, variable dépendante, valeur y). Il y a ainsi des fonctions injectives (à chaque élément de A correspond un et un seul élément de B (d’où résulte ce qu’on appelle l’ensemble-image), alors même que dans B peuvent se trouver encore d’autres éléments, non définis), des fonctions surjectives (plusieurs éléments de A peuvent être ordonnés au même élément de B), ou encore des fonctions bijectives (aboutissant à des appariements exacts entre les éléments de A et de B, sans éléments supplémentaires).

Y a-t-il un code qui rende compréhensibles des successions phonétiques insolites ? Cette question peut s’appliquer tant au langage qu’à la musique. Ici s’inscrit la fameuse question de savoir s’il y a un code pour écouter, c’est-à-dire comprendre, la musique contemporaine. Plus intéressante à mes yeux est la question de savoir s’il y a un code qui nous permette d’ouvrir des portes vers des mondes musicaux qui n’ont pas encore été découverts.

Parfois nous avons une inspiration subite, comme si un code nous tombait du ciel et nous rendait clair, par une brusque intellection, quelque chose que nous n’avions pas compris auparavant. Dans ce morceau, il y a un point de renversement aussi soudain que marqué. Après lui, les successions syllabiques du début, relevant de la poésie phonétique, apparaissent métamorphosées en fragments de texte semi-sémantiques, enchâssés dans un environnement musical lui-même transformé des points de vue atmosphérique et structurel.

René Wohlhauser
Traduction : Patrick Lang

Der Marakra-Zyklus


Der Zyklus für Sopran, Bariton, Flöte, Klarinette, Violoncello und Klavier durchschreitet ganz verschiedene Zeit- und Klangräume der Wahrnehmung. Mehrere ineinander verflochtene Strukturen verbinden die einzelnen Kompositionen des Zyklus, was ein dichtes Netz von Bezügen herstellt. Neuartig daran ist die besondere Behandlung und Verbindung von Sprache und Musik.

In diesem Zyklus geht es darum, eine engere Beziehung zwischen Musik und Sprache herzustellen, indem nicht in traditioneller Weise vorhandene Texte vertont werden, sondern indem aus der komponierten Musik neue Formen von Kunstsprachen hergeleitet werden, und dies durch die Umsetzung der musikalischen Klang-Formanten und Spektralklänge in Sprachklänge. Diese Herleitung ist ein komplexer Vorgang, der in dieser neuen Form von Kunstsprachen-Generierung differenzierte Schattierungen spezifischer Sprachfärbungen ermöglicht. Jede dieser Kunstsprachen hat so etwas wie eine grammatikalische Struktur, eine jeweils in sich geschlossene Sprachfärbung und einen eigenen Sprachrhythmus. Daraus entsteht eine genuin neue Verbindung von Sprache und Musik.

Die Singstimmen werden dabei zu eigenständigen, gleichwertigen Instrumenten innerhalb eines größeren Klangkörpers und können in dieser Funktion neue vokale Ausdrucksformen erforschen. Neues Klangmaterial, neue Abstufungen zwischen Vokalem und Instrumentalem, zwischen Fragilität und Mehrdeutigkeit können ausgelotet werden. Es geht um die Suche nach klanglichen und zeitlichen Zwischenräumen und nach einer anderen Kategorie von Material.

Gleichzeitig verliert der semantische Text seine übliche Funktion als Übermittler einer klaren Botschaft. Dies schafft erst den Freiraum dafür, daß alle Musizierenden der Musik ihren eigenen, ganz persönlichen Subtext unterlegen und somit eine ganz eigene, persönliche, ja intime Interpretation einbringen können.

Losgelöst von einer klaren, allgemeingültigen Textbotschaft werden bei den Zuhörenden dadurch immer andere, von deren Persönlichkeit, Lebenserfahrung und kulturellen Identität geprägte, ganz eigene innere Bilder und Gefühle evoziert.

Es ist die Vision, so etwas wie eine absolute Sprache zu kreieren, die alle Grenzen der Verständigung semantisch festgelegter Sprachen durchbricht. Es geht um eine Art absolute Vokalmusik, die sich selbst verwirklicht und über sich hinausweist. Ein Essay zum Konzept der "Absoluten Vokalmusik" des Komponisten findet sich unter www.renewohlhauser.com / Vokaltexte.


René Wohlhauser

Masona


Werkkommentar zu Masona
für 16-stimmig gemischten Chor a cappella,
auf eigene lautpoetische Texte,
2009 / 2010 komponiert, Ergon 41, ca. 17 Min.

Lautpoesie ist der Aufschrei der Unterdrückten. Sie gibt den Sprachlosen eine Stimme. Sie erhebt Einspruch gegen die Ungerechtigkeiten auf dieser Welt.

In der Lautpoesie kann alles gesagt, alles ausgedrückt werden, wofür es keine semantischen Worte gibt. Die Bedeutungs-Zwischenräume und das Unsagbare finden hier gleichermaßen ein adäquates Ausdrucksmittel. Voraussetzung dafür aber ist, daß Lautpoesie nicht als beliebige Ansammlung von Silben, sondern wie eine grammatikalisch strukturierte Sprache behandelt wird. In "Masona" werden verschiedene lautpoetische Sprachen gesprochen, jede mit einer ihr eigenen Sprachfärbung, einem eigenen Sprachrhythmus und Sprachcharakter.

Das Konzept des Stückes besteht in einer Vergegenwärtigung und Überlagerung verschiedener Klangräume als Klangorte der verschiedenen lautpoetischen Sprachen.

Der Chor steht als Metapher für die Gesellschaft, in der manchmal Einzelne aufstehen, einen unkonventionellen Weg gehen, Selbstverständliches durch den Zweifel aufbrechen, Gruppen bilden, durch Gegengruppen in Frage gestellt werden und als Überlagerungen verschiedener Schichten musikalische Spannungen erzeugen. Manchmal können sogar Massenbewegungen entstehen, die wieder auseinanderfallen, um anderswo neu zu beginnen.

In diesem Stück entstehen in jedem Teil neue Ansätze, die sich entwickeln und oftmals gegen Ende des Teils zu einer Extremsituation im Tutti auflaufen, das heißt: bis zu einer Ausdrucksgrenze vorstoßen und diese Grenze zu dehnen versuchen. In einer Massenbewegung droht aber das Individuum unterzugehen. Deshalb braucht es eine ordnende Struktur, die auch die Schwachen und Mittellosen schützt. Musikalisch wird versucht, diese Balance durch die abschließenden, mehrfachen Kanonstrukturen herzustellen.

Mit Ausnahme eines Streichorchesters ist der Chorklang einer der homogensten Klangkörper. Deshalb ist ein Chor eine ideale Besetzung, um diese Verschmelzungs- und Individualisierungsprozesse musikalisch darzustellen.

"Masona" steht als Phantasiename für einen utopischen Ort, an dem die Unterdrückten und Notleidenden dieser Erde Zuflucht finden. Das Wort ist wahrscheinlich eine unbewußte Kombination des französischen "maison" (Haus) mit dem lateinischen "mansio" (Aufenthalt, Herberge).

René Wohlhauser



Kurzbeschreibung:
Musikalisch-verbale Kommunikationsformen jenseits der semantischen Sprache als Aufschrei der Unterdrückten und Sprachlosen dieser Erde.


Mera gor nit

Werkkommentar zu Mera gor nit
für Sopran und Bariton
auf eigene lautpoetische Texte,
2013 komponiert, Ergon 48, Musikwerknummer 1657,
ca. 8 Min.



Wenn jeder Text zu profan wirkt, um in Musik gesetzt zu werden, bleibt nur noch die völlige Absenz des Textes. (Literarische Texte von hoher Qualität können profan und deshalb ungeeignet werden, wenn sie schon zu oft benutzt worden sind und dadurch abgenutzt und verbraucht wirken. Dieser Substanzverlust tritt ein, wenn die Essenz ihre Kraft verbraucht hat. Wenn Abgenutztes wiederverwendet wird, wirkt es trivial und oberflächlich.) Die völlige Absenz von Text führt zu einer reinen Vokalmusik.
Das Stück beginnt auf einem einzigen Vokal. Erst allmählich, nachdem die reine Vokalmusik sich etabliert hat, wird der Ausgangsvokal verändert, wodurch sich die Musik verfärbt. Und erst am Ende des Stückes, nachdem die Musik der Tonhöhen bereits verklungen ist, findet Text in Form von assoziativer (unverbrauchter) Lautpoesie noch kurz Eingang ins Stück.

Langsame Bewegungen, wie unter dem Mikroskop, sind kennzeichnend für dieses Stück. Dadurch ergibt sich eine starke Sogkraft der großen Ruhe. Eine meditative Versenkung in der Musik. Das Sich-einlassen in die musikalische Ausdruckskraft.

Analog zur Absenz der Textsemantik fehlt in der musikalischen Struktur jegliche prägnante Melodik und Rhythmik. Dadurch wird die Aufmerksamkeit ganz auf die Wahrnehmung der intervallischen Progression gelenkt, die grammatikalisch streng gestaltet ist und durch Mikrotöne und Glissandi differenziert und verfeinert wird. Diese Klangprogression bildet einen wesentlichen Grundgehalt der Klanggeschichte dieses Stückes.

René Wohlhauser


Kurzbeschrieb: Wenn jeder Text zu profan wirkt, um in Musik gesetzt zu werden, bleibt nur noch die völlige Absenz des Textes. Die völlige Absenz eines semantischen Textes führt zu einer reinen Vokalmusik.

René Wohlhauser

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Commentaire sur l'œuvre Mera gor nit pour soprano et baryton, sur des textes phonétiques du compositeur (2013), Ergon 48, œuvre n° 1657

Lorsque des textes paraissent inappropriés à la mise en musique, une solution est ne pas utiliser de texte du tout ! (Des textes littéraires de haute qualité semblent devenir inadaptés lorsqu’ils se dénaturent par l’effet d’un usage trop fréquent. Cette perte de substance se produit lorsque le contenu a perdu son pouvoir. Si du matériel dénaturé est réutilisé, il semble alors devenir trivial et superficiel.) L'absence totale de texte conduit à une musique vocale pure. La pièce commence sur une seule voyelle. Ce n'est que progressivement, après que la musique vocale pure se soit établie que cette voyelle initiale est modifiée, ce qui entraîne un changement de couleur de la musique. Ce n’est seulement qu’à la fin de la pièce, lorsque la musique des hauteurs sonores a déjà disparu, qu’un texte, sous la forme de poésie sonore associative (et inutilisé), fait brièvement son entrée dans le morceau.

Des mouvements lents, comme vus sous un microscope, caractérisent cette pièce. Il en résulte une grande force d'attraction dans un grand calme : une immersion méditative dans l'expression musicale.

De manière analogue à l'absence de texte, la structure musicale supprime toute forme de mélodie distinctive et de rythme. Ainsi, l'attention est attirée sur la perception même de la progression des intervalles qui est strictement conçue, différenciée et affinée par des micro-intervalles et des glissandos. Cette progression du son est un aspect essentiel de la structure sonore de cette pièce.

René Wohlhauser

mikka resna


Werkkommentar zu mikka resna für Tenor und Gitarre (2006), Ergon 34, 4 Min.

Kontrastierende Stimmungsbilder, verschiedene Interaktionen von gegen- über neben- bis miteinander, zwischen ernst und verschmitzt, widerspiegeln die aktuelle gesellschaftliche Befindlichkeit, von problembeladen über orientierungslos bis unterhaltungssüchtig, und das Bedürfnis, den auseinanderfallenden Teilen perspektivlos angewandter, technischer Verfügbarkeit des Materials geistigen Sinn und Zusammenhalt zu verleihen.

René Wohlhauser

Mikosch


Werkkommentar zu Mikosch … lost in the Ultra Deep Field
für Klavier (2013), Ergon 46, Musikwerknummer 1646,
für Ortwin Stürmer geschrieben

Das Hubble Ultra Deep Field (HUDF) ist ein Bild einer kleinen Himmelsregion, aufgenommen vom Hubble-Weltraumteleskop über einen Zeitraum vom 3. September 2003 bis 16. Januar 2004. Es war bis zur Veröffentlichung des Hubble Extreme Deep Field im September 2012 das tiefste Bild des Universums, das jemals im Bereich des sichtbaren Lichts aufgenommen wurde. Dabei wurde eine Himmelsregion ausgewählt, die kaum störende helle Sterne im Vordergrund enthält. Man entschied sich für ein Zielgebiet im Sternbild Chemischer Ofen südwestlich des Orion. Der Durchmesser des gewählten Himmelsausschnitts entspricht aus Sicht von der Erde etwa einem Zehntel des Monddurchmessers. Dies entspricht einer 1 mm mal 1 mm großen Fläche auf einen Abstand von einem Meter und stellt ungefähr ein Dreizehnmillionstel des gesamten sichtbaren Himmels dar. Das HUDF enthält rund 10.000 Galaxien und große kosmische Objekte. Es besteht aus zwei separaten Aufnahmen durch Hubbles "Advanced Camera for Surveys" (ACS) und dem "Near Infrared Camera and Multi-Object Spectrometer" (NICMOS). Das Bild entstand aus 800 Einzelbelichtungen, die während 400 Erdumkreisungen Hubbles durchgeführt wurden. Um den gesamten Himmel in dieser Auflösung zu beobachten, würde das Hubble Weltraumteleskop eine Million Jahre benötigen. (Wikipedia, 19.3.2013.)
Die Musik versucht dem Verhältnis des menschlichen Bewußtseins zum Universum nachzuspüren. Sie versucht, einen sehr tiefen Blick ins Universum zu werfen mit seiner nach physikalischen Gesetzmäßigkeiten organisierten Materie und Energie. Befinden wir uns im Auge des Universums? Sind wir verloren im Weltall? Und was befindet sich jenseits des Universums? Diese Frage beschäftigt den Menschen schon seit geraumer Zeit, wie der bekannte Holzstich "L’Atmosphère" von Camille Flammarion aus dem Jahre 1888 zeigt.

René Wohlhauser




Kurzbeschreibung: Die Musik versucht dem Verhältnis des menschlichen Bewußtseins zum Universum nachzuspüren. Sie versucht, einen sehr tiefen Blick ins Universum zu werfen mit seiner nach physikalischen Gesetzmäßigkeiten organisierten Materie und Energie.


Commentary on the work Mikosch … lost in the Ultra Deep Field
for piano (2013), Ergon 46, music work number 1646,
written for Ortwin Stürmer

The Hubble Ultra-Deep Field (HUDF) is an image of a small region of space in the constellation Fornax, composited from Hubble Space Telescope data accumulated over a period from September 24, 2003, through to January 16, 2004. Looking back approximately 13 billion years (between 400 and 800 million years after the Big Bang) it will be used to search for galaxies that existed at that time. The HUDF image was taken in a section of the sky with a low density of bright stars in the near-field, allowing much better viewing of dimmer, more distant objects. The image contains an estimated 10,000 galaxies. In August and September 2009, the Hubble's Deep Field was expanded using the infrared channel of the recently attached Wide Field Camera 3 (WFC3). When combined with existing HUDF data, astronomers were able to identify a new list of potentially very distant galaxies.
Located southwest of Orion in the southern-hemisphere constellation Fornax, the image is a bit over 3 arcminutes across. This is just one-tenth of the diameter of the full Moon as viewed from Earth, smaller than a 1 mm by 1 mm square of paper held at 1 meter away, and equal to roughly one thirteen-millionth of the total area of the sky. The image is oriented so that the upper left corner points toward north (−46.4°) on the celestial sphere. (Wikipedia, 2013, march 19.)
The music attempts to trace the relationship of human consciousness to the universe. It tries to take a very deep look into the universe with its matter and energy organized according to physical laws. Do we find ourselves in the eye of the universe? Are we lost in space? And what will be beyond the universe? This is a question to people for quite some time, like the famous wood engraving "L'Atmosphère" by Camille Flammarion from 1888 shows.

René Wohlhauser




Short description: The music attempts to trace the relationship of human consciousness to the universe. It tries to take a very deep look into the universe with its matter and energy organized according to physical laws.

mira schinak


Werkkommentar zu mira schinak für Sopran, Flöte und Klavier, auf ein eigenes lautpoetisches Gedicht, 2006 komponiert, Ergon 33, Musikwerknummer 1307, 13 Min.
Kompositionsauftrag des Fachausschusses Musik Basel-Stadt und Basel-Land und von Stadt Zürich Kultur.

Momentformen, kontrastreiche Strukturen und Charaktere zwischen Komplexität und Einfachheit, kombiniert mit einer besonderen Art von Lyrismus leiten das Stück ein und trachten danach, produktive Verbindungen einzugehen. Den daraus entstehenden Kraftlinien und den Auswirkungen ihrer formalen Dramaturgie auf die Veränderung des Wahrnehmungstempos galt dabei ein spezielles Augenmerk. Besonders deutlich kann diese Veränderung des Wahrnehmungstempos in der kontextuellen Einbettung des Antisolos des Klaviers erfahren werden. Im Hinblick auf eine frei diskursive musikalische Logik legte ich parallel zur Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen der Wahrnehmung das Gewicht auf die Entwicklung einer Grammatik der konstruktiven Folgerichtigkeit, bei der zwar stets mehrere Wege offen stehen, bei der aber der einmal eingeschlagene Weg als stimmig wahrgenommen werden kann. Damit soll eine Schlüssigkeit erreicht werden, die der Beliebigkeit eine Verbindlichkeit entgegensetzt.

Der lautpoetische Text trachtet auf seiner Ebene danach, eine stringente Verbindung freier Elemente herzustellen und spiegelt einerseits damit das kompositorische Verfahren und andererseits steht er auf diese Weise im Dienst der fortwährenden Suche nach neuen Ausdrucksbereichen und Ausdrucksmöglichkeiten.

René Wohlhauser


Kurzbeschrieb: Untersuchungen zum Verhältnis von formaler Dramaturgie und Veränderung des Wahrnehmungstempos. Kontrastreiche Momentstrukturen zwischen Komplexität und Einfachheit, kombiniert mit einer besonderen Art von Lyrismus.

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Comment on the work mira schinak for soprano, flute and piano,
to a sound poem by the composer (2006), Ergon 33, Musical work number 1307

The piece is introduced by moment forms, structures and characters rich in contrasts, between complexity and simplicity combined with a special kind of lyricism; they strive to enter into productive connections. Particular attention was paid to the lines of energy resulting therefrom and the effects of their formal dramaturgy on the alteration of the rate of perception. This alteration of the rate of perception can be experienced especially
clearly in the contextual embedding of the piano’s anti-solo. With regard to a freely
discursive musical logic, I placed emphasis on the development of a grammar of constructive consistency, simultaneously to the confrontation with different forms of perception, in which several paths always remain open, but the path once taken can be perceived as consistent. With this, a conclusiveness should be attained, which confronts arbitrariness with commitment.

On its level, the text of the sound poem aims to create a compelling connection of free elements, thus reflecting, on the one hand, the compositional procedure and, on the other hand, remaining in this way at the service of the continuous search for new areas and possibilities of expression.

René Wohlhauser
Translation: David Babcock

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Commentaire sur l'œuvre mira schinak pour soprano, flûte et piano,
sur un poème phonétique du compositeur (2006), Ergon 33, Musikwerknummer 1307

Des formes momentanées, des structures et des caractères oscillant dans le contraste entre complexité et simplicité, combinés avec une sorte particulière de lyrisme, introduisent le morceau en cherchant à entrer dans des liaisons fécondes. Une attention spéciale a été accordée aux lignes de force qui en résultent, ainsi qu’aux effets de leur dramaturgie formelle sur le changement du tempo de perception. Cette variation du tempo de perception peut être expérimentée avec une netteté particulière à l’occasion de l’insertion contextuelle de l’anti-solo du piano. Dans la perspective d’une logique musicale librement discursive, j’ai mis l’accent – parallèlement à la prise en compte de différentes formes de perception – sur le développement d’une grammaire de la logique constructive, selon laquelle, même si plusieurs chemins restent ouverts en permanence, le chemin emprunté de fait peut être perçu comme cohérent. On vise ainsi à une cohérence concluante qui,
au lieu de laisser place au quelconque, astreint à s’engager.

À son niveau, le texte de poésie phonétique aspire à réaliser une liaison nécessaire d’éléments libres ; d’une part, il reflète ainsi le procédé compositionnel ; d’autre part, il est au service de la recherche constante de nouveaux domaines et moyens d’expression.

René Wohlhauser
Traduction : Patrick Lang

Modulaltica


Werkkommentar zu Modulaltica (1978)

Live-elektronische Klangverfremdungen von Altblockflöte und Altstimme durch den Synthesizer "Synthi E.M.S."

Ergon 5, Dauer: 15 Min.


Das Stück besteht aus folgenden Sätzen:

I.) Vorspiel – Andante elettrico

Unverfremdete Exposition des melodischen Materials durch die Altblockflöte.

II.) Provozierte Reaktionen

Das sfz-secco-Flötenmotiv löst sich aufbauende und entwickelnde elektronische Klänge aus.

III.) Duo – Trio (2 für 3)

Unter Einbezug des Pitch-to-voltage-converters und des Ringmodulators wird aus zwei Klangquellen eine dritte (und am Schluß sogar noch eine vierte) kontrapunktische Stimme gewonnen.

IV.) Konkrete, elektronische und konele-kretektronische Klänge

Ein Responsorium und eine Überlagerung bzw. Verschmelzung von realen und elektronischen Klängen.

V.) Evolvierende Stagnation

Das durch den Sequenzer wiederaufgenommene und melodisch unverändert wiederholte Motiv aus dem Vorspiel wird klanglich entwickelt, verarbeitet und variiert.

VI.) Rückgekoppelte Rückführung

Invention über einen Klang.

VII.) Nachspiel


Durchgeführtes Vorspiel. Nicht (hörbar) in Erscheinung tretende Frequenzen beeinflussen die klangliche Entwicklung. Melodisch wird das Vorspiel zu einem metamorphosischen Puzzle.


René Wohlhauser

Morphología – Polyphonía


Werkkommentar zu Morphología – Polyphonía
für Klavier solo, 2011 komponiert, Ergon 43, ca. 12 Min., Musikwerknummer 1589, See Siang Wong gewidmet

Im ersten Teil des Stückes entstehen Ausbildungen verschiedener Gestalten, Figuren und Schichten. Dabei wird von einer ungleichmäßigen Bewegung als Grundgestus ausgegangen. Disparate Gestalten und Figuren, die sich zu eigendynamischen Phrasen zusammenfügen. Es ist sozusagen die Erfindung einer eigenen, intuitiven pianistischen Morphologie.
Im zweiten Teil erfolgt die Polyphonisierung dieser morphologischen Elemente durch die temporale Verschiebung und durch Neukombinationen musikalischer Zeitquanten und Zeitschichten in gegensätzlichen Zeitrichtungen, die jeweils zur Mitte eines Tempofeldes hinstreben.
Im dritten Teil wird das Prinzip beibehalten, aber in sich gewendet, so daß die noch fehlenden musikalischen Zeitquanten in umgekehrter Zeitrichtung von der Mitte des jeweiligen Tempofeldes ausgehend an seine Ränder auseinanderlaufen.
Dadurch vollzieht sich eine Fragmentarisierung der Gestalten und Phrasen als Versuch, sie vom intuitiven und womöglich historisch aufgeladenen Ballast zu befreien und daraus eine neue Struktursemantik zu gewinnen. Dabei stellt sich die Frage, ob die Gestaltfragmente in diesem Prozeß ihre Kraft behalten oder ob sie durch neue Kombinationen und das Aufeinanderprallen mit fremden Strukturen ihre Energie sogar noch potenzieren.

René Wohlhauser


Gekürzte Fassung:

Morphología – Polyphonía für Klavier (2011), Ergon 43, Musikwerknummer 1589,
See Siang Wong gewidmet

Im ersten Teil des Stückes wird durch verschiedene Gestalten, Figuren und Schichten sozusagen eine eigene pianistische Morphologie entwickelt. Im zweiten Teil erfolgt die Polyphonisierung dieser morphologischen Elemente durch die temporale Verschiebung und Neukombination musikalischer Zeitquanten und Zeitschichten in gegensätzlichen Zeitrichtungen, die jeweils zur Mitte eines Tempofeldes hinstreben. Im dritten Teil wird das Prinzip beibehalten, aber in sich gewendet, so daß die noch fehlenden musikalischen Zeitquanten in umgekehrter Zeitrichtung von der Mitte des jeweiligen Tempofeldes ausgehend an seine Ränder auseinanderlaufen.
Dadurch vollzieht sich eine Fragmentarisierung der Gestalten und Phrasen als Versuch, eine neue Struktursemantik zu gewinnen.

René Wohlhauser

Musica assoluta e determinata


Werkkommentar zu Musica assoluta e determinata für Stimme und Kammerensemble (Stimme mit 4 Tempelblocks, Trompete in C mit Claves, Elektrische Gitarre mit Röhrenholztrommel, Schlagzeug (große Schlitztrommel und große Kuhglocke), Pianoforte mit Woodblock) (1981), Ergon 8, Nr. I, 3 Min.

In der vorliegenden Komposition intendierte ich den Klang der einzelnen Instrumente nicht durch neue Spielweisen, sondern durch Zuordnungen additiv eingesetzter Perkussionsinstrumente zu erweitern. Darum sollen die zusätzlichen Perkussionsinstrumente nicht durch zusätzliche Spieler, sondern durch den jeweiligen Instrumentalisten, dem sie zugeordnet sind, wie ein erweiterter Teil seines eigenen Instrumentes gespielt werden. Dies gilt auch für die Stimme, die ich in diesem Stück wie ein (ebenfalls erweitertes) Instrument behandelt habe.

Die Tonpunkte am Anfang des Stückes sind nicht im Leibniz’schen Sinne monadisch *) gedacht (wie dies auch John Cage in seinem westlich-adaptierten Verständnis des Zen-Buddhismus’ für das Hören seiner Musik fordert), sondern sie sollen, in Vorbereitung der nachfolgenden Verdichtung, zueinander in Verbindung treten und den Raum beziehungsmäßig füllen. (Diese kompositorische Absicht des Zusammenhang-Hörens wird sich beim Zuhörer auch ohne sein willentliches Zutun von selbst einstellen.)

Spannungsmomente entstehen auch durch das Aufeinanderprallen kontradiktorischer Musizieranweisungen, die von den Spielern individuelle Lösungen erfordern (die auch tatsächlich gefunden werden können, da es sich nicht um antinomische Widersprüche handelt).

Diesen kompositorischen Gedanken, Spannungssteigerung durch das Setzen von Widersprüchen zu erreichen, habe ich noch etwas weitergetrieben, indem ich auch für die Kurztoninstrumente lange Töne komponiert habe. Hier steht der Interpret vor der (mich faszinierenden) Aufgabe, ohne Veränderung der texturellen Struktur, dem Zuhörer die illusorische Vorstellung eines langen Tones zu suggerieren. (Eine musikalische Problemstellung, die dem Interpreten bereits aus mehreren Stellen in der Musik J. S. Bachs bekannt ist, bei denen das Cembalo zwar lange Töne zu spielen hat, aber sehr schnell verklingt.)

René Wohlhauser

*) d. h. jeder Tonpunkt als kleinste beseelte Substanz in sich abgeschlossen, für sich allein dastehend, beziehungs- und zusammenhangslos gegenüber seinem Kontext.

Musik für Flöte


Werkkommentar (1) zu Musik für Flöte (2002), Ergon 29, 6 Min.
Kompositionsauftrag des "Ensembles ö"

"Musik für Flöte" ist ein sehr allgemeiner Titel. Dies deutet darauf hin, daß in diesem Stück allgemeine Lebenserfahrungen in höchst abstrahierter Form kompositorisch chiffriert und codiert werden. Eine strenge algorithmische Organisation der intervallischen Strukturen, der Bewegungsverläufe und der Register sorgt einerseits für eine einheitliche Grammatik, für stilistische Stringenz sowie für konzeptionelle Logik. Andererseits bewirkt die starke Regulierung der "musikalischen Lebensbereiche", daß die expressiven Energien mit aller Kraft danach trachten, aus dem vorgegebenen Raum auszubrechen. Sozusagen durch ein Zurückgehen in der Zeit in die negative Zeitrichtung versuchen sie, die Regeln zu unterlaufen und damit die Beziehung zwischen Zeit und Raum, und an der Grenze zwischen musikalischem und außermusikalischem Raum, das Überschlagen der stückimmanenten Klangraumorganisation in die Metaphysik wahrnehmbar und erfahrbar zu machen.

Die philosophische Erfahrung der Begrenzung wird in diesem Stück dadurch akzentuiert, daß alle melodischen Linien dazu tendieren, über den oberen oder unteren Umfang des Instrumentes hinauszustreben. Überschreiten sie jedoch die vorgegebenen Grenzen, werden sie algorithmisch, d.h. sozusagen technokratisch in den Mittelbereich zurückgesetzt. Das Sich-auflehnen gegen das normativen Zurechtstauchen ist überlebenswichtig. Durch die ständigen Ausbruchversuche über den Schlagbaum der Eingrenzung hinweg wird die Hoffnung wachgehalten und es entsteht vielleicht der Eindruck einer Ausweitung des Grenzbereichs.

Da eine extreme Beschränkung der Mittel die Erfindung entfacht, setzen ein sehr beschränkter Intervall- und Tondauern-Vorrat von jeweils nur vier Elementen einen Transformationsprozeß der allmählichen Verwandlung in Gang, der das Stück am Schluß in ein irisierendes Feld von bewegten Tremoli und somit aus den anfänglich festen Strukturen in die Auflösung führt.

René Wohlhauser
20.5.2009

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Werkkommentar (2) zu Musik für Flöte (2002), Ergon 29, 6 Min.

Für Riccarda Caflisch geschrieben

In diesem Stück stellte ich mir die Aufgabe, ein auf wenige Elemente reduziertes Material allmählich dergestalt zu entwickeln, daß ein großer einheitlicher Spannungsbogen geschaffen wird. Es ist die alte Herausforderung, sich mit einfachen Mitteln zu begnügen, diese aber phantasie- und kunstvoll zu entfalten und zu einem dichten Klangband zu verweben.

Melodisch ist das Stück vorallem durch eine stetige virtuose Bewegung geprägt, die eine starke Sogwirkung aufbaut, deren Farbe durch die Intervallik bestimmt ist und deren Phrasen unterschiedlich lang sein können. Der Intervallvorrat besteht lediglich aus Tritonus, Quarte, kleiner und großer Sekunde. Alle andern Intervalle werden ausgespart, um eine strenge stilistische Homogenität zu erreichen. Jeder Melodiebogen strebt tendenziell nach und nach in den oberen oder den unteren Grenzbereich des Instrumentes. Wenn die Melodie diese Grenze zu überschreiten droht, also außerhalb des Instrumentenumfangs gerät, wird sie wieder in den Mittelbereich zurückgesetzt. (Dies ist die einzige Situation, in der auch andere Intervalle entstehen können, die eben diesen Grenzkonflikt verdeutlichen.) Gleichzeitig ergibt sich daraus auch die Phrasierung, indem jede Legatophrase im Grenzbereich endet. Gegen Schluß des Stückes werden die fließenden Melodiebögen allmählich durchlöchert und geben so Raum frei für die Infiltration von längeren Pausen, die im bisherigen Verlauf des Stückes ausgespart worden sind, so daß diese durch Luftzufuhr erzeugte Musik mit Zirkuläratmung gespielt werden muß. (Diese Auslassungen in den schnellen Passagen der Endphase sind mit gestrichelten Legatobögen gekennzeichnet.) Die so vollzogene Struktur-Änderung läuft analog zur Entwicklung der gehaltenen Töne, die ebenfalls zunehmend parzelliert werden.

Von den Notenwerten kommen nebst den Zweiundreißigstel-Läufen nur punktierte Viertel, Halbe und Ganze vor. Es wird also bewußt auf die in zeitgenössischer Musik übliche Anhäufung irrationaler Dauernverhältnisse verzichtet. (Entwicklung der Ganzen: zuerst Triller, dann zunehmend schnellere Tremoli mit den nachfolgenden Tönen. Entwicklung der Halben: repetierte Töne mit Akzenten in verschiedenen direktionellen Mustern der Beschleunigung und Verzögerung. Entwicklung der punktierten Viertel: stets Marcato mit Pausen, freie Rhythmisierung, im Gegensatz zu den Halben aber nicht-direktionell. Dadurch werden der durchgehenden Zweiunddreißigstel-Bewegung andere Subtempi entgegengesetzt.)

Die Wahl des Metrums hat in diesem Stück keine Bedeutung, da sich die Phrasenlängen gleichsam außerhalb des Metrums bewegen. Sehr wichtig ist aber das Timing der Umschlagpunkte, damit die Spannung durch Unterschiedlichkeit der Farbe, Länge und Weiterführung der verschiedenen Einzeltöne, gleichsam einer nach und nach zerstückelten Melodie, ausdifferenziert durch Verzierungen wie Triller und Tremoli und der Rhythmisierung des Einzeltones aufrechterhalten wird.

Die daraus resultierende Entwicklung aus den gehaltenen Tönen äußert sich in einer allmählichen Steigerung, die am Ende in einer schlußbildenden Tremolo-Verdichtung ihren Höhepunkt findet. Das vermeintlich Konventionelle der – äußerlich gesehen – traditionellen Schreibweise wird durch obsessive Besessenheit derart radikalisiert, daß sie in ihr Gegenteil – in den kompromißlosen Ausdruck – umschlägt.

René Wohlhauser

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Comment on the work Musik für Flöte (Music for flute) (2002)

‘Music for flute’ is a very general title. This refers to the fact that this piece codifies and encodes general life experiences in a highly abstract compositional form. A strict algorithmic organization of intervallic structures, paths of motion and tessitura on the one hand creates a unified grammar, stylistic rigour and conceptual logic. On the other hand, the extreme regulation of ‘musical living areas’ has as a result that the expressive energies aim with all their strength to break out of the space apportioned to them. It is, so to speak, a temporal return to a negative chronology, in which they attempt to undermine the rules and thus also the relationship between time and space, and they attempt to make perceptible and tangible the way that the piece’s internal sonicspatial organization tumbles into metaphysics on the boundary between the musical and the extra-musical space.

The philosophical experience of limitation is furthermore accentuated in this piece in that all the melodic lines tend towards breaking out from the upper or lower range of the instrument. But if they indeed extend beyond the given boundaries, then they are returned to the middle regions algorithmically, i.e. in a manner that is ‘technocratic’, so to speak. The revolt against the normative urge to adjust back to the mean is a matter of survival. The constant attempts to break out through the barrier of containment keeps hope alive, and the impression is perhaps created of an expansion of boundaries.

René Wohlhauser
Translation: Chris Walton

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Commentaire sur l’œuvre: Musik für Flöte (2002)

«Musique pour flûte» est un titre très général. Il indique que l’ouvrage est un rébus compositionnel qui encode de façon très abstraite des expériences communes de vie. Une organisation algorithmique stricte des structures intervalliques, des enchaînements de mouvements et des registres donne d’une part son uniformité à la grammaire, sa rigueur au style et sa logique à la conception. D’autre part, la régulation sévère des «domaines de vie musicaux» a pour effet que les énergies expressives cherchent de toutes leurs forces à s’évader de l’espace donné. En remontant pour ainsi dire le temps en sens contraire, elles veulent abolir les règles et rendre ainsi perceptibles la relation espace-temps et le basculement, à la limite entre espace musical et extra-musical, de l’organisation immanente de l’espace sonore dans la métaphysique.

L’expérience philosophique de la limitation est encore accentuée par le fait que toutes les lignes mélodiques tendent à dépasser la tessiture supérieure ou inférieure de l’instrument. Si elles dépassent les limites assignées, elles sont cependant rappelées dans le segment médian par un algorithme, autrement dit d’une façon technocratique. Se rebeller contre le lit de Procuste des normes est vital. La flamme de l’espoir est entretenue par les tentatives constantes de franchir les barrières qui vous restreignent; il en résultera peut-être l’impression que la zone frontalière s‘élargit.

René Wohlhauser
Traduction: Jacques Lasserre

Naschra

Werkkommentar zu Naschra
Originalversion für das 1/16tel-Ton-Klavier (2013): Ergon 47/1, Musikwerknummer 1652,
Version für den 1/3tel-Ton-Flügel (2013): Ergon 47/2, Musikwerknummer 1720
Version für den normalen Halbton-Flügel (2013): Ergon 47/3, Musikwerknummer 1721
Ca. 10 Min., für Moritz Ernst geschrieben.

Das Sechzehnteltonklavier (gebaut von der Firma Sauter in Spaichingen) hat den Umfang einer Oktave (c1 - c2) und 97 Tasten. Die Klaviatur sieht aus wie bei einem normalen Klavier mit dem Umfang C2 - c5, bei dem aber ein Halbton-Tastenabstand als Sechzehntelton klingt.

Die starke Beschränkung des Umfangs auf eine Oktave, die extreme Ausdifferenzierung der Intervalle innerhalb dieser Oktave bis zu dem Punkt, an dem die Tonschritte nicht mehr als Schritte, sondern nur noch als Klangfarbenänderungen wahrnehmbar sind. Das sind einige charakteristische Punkte einer Komposition für ein Sechzehnteltonklavier. Es geht beim Komponieren also darum, den feinziselierten Klangraum auszuloten. Für das 1/16-Ton-Klavier muß man deshalb ganz anders komponieren, als für das Halbtonklavier. Man muß ausloten, was funktioniert und dementsprechend sozusagen das Klavierspiel neu erfinden. Diese Neuerfindung des Klavierspiels war der Ausgangspunkt dieser Komposition, die bis an die Grenzen der Spielbarkeit vordringt.

Das Resultat ist eine Art Hypertrophie der mikrotonalen Klangwelt. Die Hypertrophie als Notwendigkeit, um das Mediokre zu überwinden.

Die Arbeit mit einer derart ins Extrem getriebenen Mikrotonalität stellt eine besondere Form der Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung dar. Es geht um das Erspüren von Grenzen der Wahrnehmung, um den Versuch, in die Substanz der Intervallik einzudringen. Wie weit läßt sich die Wahrnehmung ausdifferenzieren?

Wenn die Übertragung eines Satzes für normales Klavier auf ein 1/16tel-Ton-Klavier nicht funktioniert, weil mit der Stauchung ein Substanzverlust einhergeht, so ist umgekehrt die Übertragung eines funktionierenden 1/16tel-Ton-Satzes auf einen 1/3-tel-Ton- und auf einen normalen Halbton-Flügel nicht nur möglich, sondern produktiv, da mit der Spreizung eine Expansion einhergeht, die zu einer Ausdruckserweiterung führt.

René Wohlhauser


Kurzbeschrieb:
Die Beschränkung des Umfangs auf eine Oktave und die extreme Ausdifferenzierung der Intervalle innerhalb dieser Oktave sind charakteristisch für diese Komposition, geschrieben für ein Sechzehnteltonklavier, und führen zu einer anderen musikalischen Wahrnehmung.


Nesut


Werkkommentar zu Nesut für Klavier (1977), Ergon 2, 8 Min.

Der Titel des Stückes stammt aus einer Zeit, als ich mit dem Studium der mittelägyptischen Sprache begonnen hatte. Er bezieht sich auf eine Hieroglyphe, die mit den Konsonanten "NSWT" transliteriert wird, was in der Vokalisierung "Nesut" ergibt. Es ist das Symbol für "König von Ober- und Unterägypten". Dies hat für mich als Zeichen für Macht und Unterdrückung etwas mit den Heerscharen der Sklaven zu tun, die unter anderem die Pyramiden erbaut haben. Ihnen ist stellvertretend für alle namenlosen Unterdrückten dieser Erde dieses Stück gewidmet.

Zupackende, markige Rhythmen prägen den über weite Strecken aggressiven Charakter dieses Stückes. Das Werk basiert ganz auf den Gestaltkräften des Rhythmischen. Das Ausgangsmaterial wird – unter Aussparung jeglicher traditioneller Melodik – rhythmisch variiert, umgebildet, umgestellt, verschiedenartig kombiniert, abgespaltet, erweitert, verkürzt und verlängert. Die insistierenden motivischen Wiederholungen haben etwas Suggestives und erinnern an urtümliche Rituale. Prägnante Motiv-Kombinationen werden beharrlich wiederholt, erweitert, gesteigert und erreichen dadurch eine pochende Eindringlichkeit und erregende Leidenschaftlichkeit, um gleich darauf in staubähnliche Felder aus Einzelpartikeln zu zerfallen. Die angewandten Kompositionsmethoden bestehen aus rhythmischen Reihungen und Kombinationen, aus Steigerungen durch Addition sowie aus motivischen Montageprinzipien, die dem Formwillen obsessive musikalische Ausdruckskraft verleihen.

René Wohlhauser

Orgelstück


Werkkommentar zum Orgelstück (1986); Ergon 13, 8 Min.

In rhapsodischem Kreisen um ein frei gewähltes Ausgangsmaterial versuchte ich, dieses von verschiedenen Positionen aus zu beleuchten, durch immer wieder andere Lesarten neue Aspekte und teleologische Thelemata (Eigenwillen bewegungsmäßig zielgerichteter Kräfte) des Materials aufzuspüren und aufzuzeigen.

Bei dieser Behandlung unterschied ich nicht-direktionelle (d.h. nicht-zielgerichtet sich verändernde) Teile (stets im "Forte") von direktionellen Abschnitten (in anderen dynamischen Abstufungen).

Wichtig schien mir einerseits ein Nicht-akademisch-stur-systematisch-einfach- nachzuvollziehendes Abwickeln der Verarbeitungsprozesse, andererseits die Gewinnung bindender Kräfte durch einheitliche Materialbehandlung als Ausdruck einheitlichen Denkens.

Analog dieser dialektischen Haltung lassen sich im Stück sowohl streng angewandte Prozeduren (wie eine streckenweise angewandte Isorhythmik, aus deren Eigenart bewegtere und ruhigere Teile bis hin zu Tempoänderungen abgeleitet wurden; Tempoänderungen nota bene, die — zusammen mit einer oktavlagenmäßigen Umstellung der Initialharmonik — zu einem möglichen logischen Schluß des Stückes durch Erstarrung führen), als auch eine im Laufe des Schreibprozesses entwickelte sogenannte "kompositorische Tonpoetik" ausmachen.

Dieses Stück erhielt den Sonderpreis am internationalen Orgelkompositionswettbewerb des Domkapitels Salzburg 1987 und ist nach der Uraufführung im Dom zu Speyer von der Widmungsträgerin Odile Pierre u.a. auch in der Nôtre-Dame-de-Paris gespielt worden.

René Wohlhauser

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Programme note: Orgelstück (1986), Ergon 13, 8 min.

In rhapsodic circling around a freely chosen initial material I attempted an illumination of this material from different positions, through ever different readings, a tracking down and setting down of new aspects and teleological Thelemata (the self-will of goal-oriented forces of movement).

In this I distinguished non-directional (that is, altered, non-goal-oriented) sections (always in "forte") from directional sections (in other dynamic levels).

Important to me were, I felt, on the one hand, a non-academic-obdurate-systematic- simple-comprehensible unwinding of the working process; on the other hand, the acquisition of binding forces joined through the unified treatment of material as an expression of unified thought.

Analogous to this dialectical position, identifiable in the work are (1.) strictly applied procedures (such as, in certain sections, an applied isorhythm producing idiosyncratic turbulent and peaceful sections leading to tempo changes (N.B. tempo changes which — together with a registeral transposition of the initial harmony — lead to a possible logical conclusion of the piece through its own paralysis)); (2.) an, as it were, "compositional tone-setting-poetic" developed during the course of the writing process.

This piece received a prize at the cathedral city of Salzburg organ composition competition 1987. It has been performed by Odile Pierre, to whom it is dedicated, in, amongst other places, the cathedral at Speyer (world première) and Nôtre-Dame de Paris.

René Wohlhauser
English translation: James Clarke

parlando sulla cordiera

Werkommentar zu parlando sulla cordiera, Fassung für Kontrabaß und Sprecher(in), auch als virtuelles Duett für eine(n) sprechende(n) Kontrabaßspieler(in) allein (2005/2009), Ergon 31, Nr. 6c

«parlando sulla cordiera" ist die Kontrabaß-Fassung von «sulla tastiera», dem sechsten Stück des siebenteiligen Zyklus’ "Sulawedische Lieder, Gesänge und Vokalstücke auf eigene lautpoetische Texte für Sopran, Bariton, 1-2 Musiksprechstimmen und erweitertes Klavier (2-5 Spieler)".

Jedes Stück des Zyklus' behandelt einen anderen Aspekt: Durchsichtigkeit, Akkordik, Punktualität, am Rande des Singens, Musiksprechen, Tastenoberflächenspiel, Obskurität. Die Reihenfolge der Stücke lautet:

1. "gelsüraga" für Sopran und Klavier (2005), ca. 2:45
2. "hang gomeka" für Sopran und Klavier (2005), ca. 2:40
3. "suragimanä" für Sopran und Klavier (2006), Fassung b, ca. 4:43
4. "Duett" für Sopran und Bariton a cappella in der 3. Fassung (2008), oder in der Fassung für Bariton solo, ca. 3:00
5. "flutching music", ein Musiksprechstück für zwei Personen oder für zwei Personen in der Fassung für eine Person allein, ca. 2:30 bzw. 5:00
6. "sulla tastiera" für Musiksprechstimme und Klaviaturspieler, auch als virtuelles Duett für einen sprechenden Klaviaturspieler allein (2005), oder in der Double-Fassung "parlando sulla tastiera", oder als eigenständige Nebenfassung "parlando sulla cordiera" ca. 4 Min.
7. "Ausklang für tiefes Klavier" (2006), ca. 1:20

Die Stimme durchläuft im Zyklus einen Prozeß der Verwandlung vom Normalgesang über Techniken des sog. Neuen Singes bis zum Musiksprechen in verschiedenen Kombinationen, während das Klavier vom Normalklang über Pausen zum Tastenoberflächenspiel gelangt.

Jeder lautpoetische Text des Zyklus' hat eine jeweils in sich geschlossene Sprachfärbung und einen Sprachrhythmus, und auch so etwas wie eine grammatikalische Struktur einer Kunstsprache. Semantisch aufgeladen werden sie aber erst durch die Gestik der Musik. Dadurch klingen sie wie eine Sprache, die man manchmal vermeint zu verstehen, dann aber doch nicht ganz versteht. Dieses Sich-bewegen an der Grenze der Verständlichkeit und somit auch an der Grenze der Kontrollierbarkeit zwischen Bewußtem und Unbewußtem, wo man vielleicht die Vision einer anderen Klangwelt erahnen kann, das ist etwas, was mich sehr interessiert.

René Wohlhauser

Quala Mirs


Werkkommentar zu Quala Mirs
Fassung für Sopran, Bariton, Baßflöte, Baßklarinette und Violoncello
auf ein Gedicht zwischen Lautpoesie und Musiklatein des Komponisten,
3. Teil der großen Vokaltrilogie "Drei Gesänge",
2016 komponiert, Ergon 58, Nr. 5, Musikwerknummer 1779,
ca. 11 Min.
Kompositionsauftrag des Fachausschusses Musik Basel-Stadt und Baselland

So wie in unserer Gesellschaft Gegensätze aufeinander prallen, die sich mit der Zeit entweder als integrierbar oder als konfliktreich, aber trotzdem einigermaßen handhabbar oder als unvereinbar herausstellen, so lasse ich oft auch in meiner Kompositionsarbeit Gegensätzliches aufeinander prallen und schaue dann, was sich daraus entwickelt. In diesem Sinne gewinnt meine Musik gesellschaftliche Relevanz, indem gesellschaftliche Konflikte mit künstlerischen Mitteln gespiegelt und bearbeitet werden.
Beim vorliegenden Stück sollte dies in mehrfacher Hinsicht geschehen. Einerseits im Verhältnis von Text und Musik und andererseits innerhalb der Musik selbst. Und dies mit zwei zusätzlichen Vorgaben. Einerseits sollte mein Gedicht "Fragmente, Bruchstücke und Auslassungen", in dem ein Text allmählich dekomponiert wird, mit eigenständig entwickelter Musik zusammengebracht werden. Andererseits wollte ich in der Musik das wegen seiner starken Grundtonbildung in zeitgenössischer Musik weitgehend vermiedene Intervall der Quinte beleuchten.
Da die Musik nicht einfach den Text illustrieren oder verdoppeln, sondern sich eigenständig als starker Gegenpol entwickeln sollte, begann ich zu komponieren, ohne auf den Text zu achten. Da auch innerhalb der Musik gegensätzliches Material aufeinanderprallen sollte, wurde den eingangs in den Singstimmen erklingenden, mittelalterlichen reinen Quintenklang-Verschiebungen gleich äußerst Geräuschhaft-Clusterhaftes in den Instrumenten entgegengesetzt, das im Gegensatz zu den Quinten jegliches Grundtongefühl radikal neutralisiert. Daraus ergab sich als Herausforderung die Frage, was mit einer äußerst fragmentarisierten Reduktion des Materials musikalisch noch gestaltet werden kann, wenn, zusätzlich zur Reduktion, antagonistisches Material aufeinanderprallt. Wie ein Schriftsteller, der in die Eigendynamik, die die Figuren in seinem Roman entwickeln, nicht eingreifen darf, sondern ihnen einfach folgen muß, so brauchte ich nur zuzuschauen, was die in die Welt gesetzten Elemente der Notre Dame-Quinten und der dissonanten Klangschwärme miteinander machten, bis hin zum Schlußklang, der die beiden kontrastierenden Ausgangselemente der reinen Quinte und des Geräuschclusters in einem Cluster mit (durch die Instrumentation erzeugter) starker Quint-Haltigkeit zusammenbringt.
Durch die konsequente kompositorische Arbeit mit den reinen Quinten entwickelte das Stück in den Singstimmen allmählich eine so hohe musikalische Reinheit, daß mir jeder Anklang von Semantik wie eine Verunreinigung erschien. Aus diesem Grunde scheiterte das Vorhaben, das bereits existierende Gedicht mit dieser Musik zusammenzubringen. Nachdem diese Idee verworfen war, war der Weg frei, um aus der Musik heraus einen ihr adäquaten Text zu erfinden. So entwickelte sich allmählich eine Art "Musiklateinische Sprache".
Gleichzeitig ist die Lautpoesie, als Metapher für das Nicht-verstehen-können und Trotzdem-verstehen-müssen des Anderen, ein deutlicher Bezug zur aktuellen Flüchtlingskrise.

René Wohlhauser


Kurzfassung:
Dieses Stück könnte dadurch gesellschaftliche Relevanz erlangen, daß gesellschaftliche Konflikte mit künstlerischen Mitteln gespiegelt und bearbeitet werden, indem antagonistisches Material aufeinanderprallt und eine Entwicklung in Gang setzt.


2. Fassung:
Dieses Stück spannt den Bogen über tausend Jahre Musikgeschichte, von den reinen Organum-Quintklängen der Notre Dame-Epoche bis zum geräuschhaften Cluster unserer Tage. Beides prallt bereits in den ersten Takten aufeinander. Aus diesem Zusammenprall entsteht die Energie, die die Entwicklung des Stückes vorantreibt, so wie in unserer Gesellschaft Gegensätze aufeinander prallen, die die gesellschaftliche Entwicklung weiter treiben. Und wir haben, wie in anderen Werken von mir, wieder die Lautpoesie, dieses Mal als Metapher für das Nicht-verstehen-können und Trotz-dem-verstehen-müssen des uns Fremden, ein deutlicher Bezug zur aktuellen Flüchtlingskrise.


Werkkommentar zu Quala Mirs
Fassung für Sopran, Bariton und Maracas
auf ein Gedicht zwischen Lautpoesie und Musiklatein des Komponisten,
3. Teil der kleinen Vokaltrilogie "Drei Gesänge",
Fassung a cappella,
2016 komponiert, Ergon 58, Nr. 6, Musikwerknummer 1781,
ca. 8 Min.
Kompositionsauftrag des Fachausschusses Musik Basel-Stadt und Baselland

So wie in unserer Gesellschaft Gegensätze aufeinander prallen, die sich mit der Zeit entweder als integrierbar oder als konfliktreich, aber trotzdem einigermaßen handhabbar oder als unvereinbar herausstellen, so lasse ich oft auch in meiner Kompositionsarbeit Gegensätzliches aufeinander prallen und schaue dann, was sich daraus entwickelt. In diesem Sinne gewinnt meine Musik gesellschaftliche Relevanz, indem gesellschaftliche Konflikte mit künstlerischen Mitteln gespiegelt und bearbeitet werden.
Beim vorliegenden Stück sollte dies in mehrfacher Hinsicht geschehen. Einerseits im Verhältnis von Text und Musik und andererseits innerhalb der Musik selbst. Und dies mit zwei zusätzlichen Vorgaben. Einerseits sollte mein Gedicht "Fragmente, Bruchstücke und Auslassungen", in dem ein Text allmählich dekomponiert wird, mit eigenständig entwickelter Musik zusammengebracht werden. Andererseits wollte ich in der Musik das wegen seiner starken Grundtonbildung in zeitgenössischer Musik weitgehend vermiedene Intervall der Quinte beleuchten.
Da die Musik nicht einfach den Text illustrieren oder verdoppeln, sondern sich eigenständig als starker Gegenpol entwickeln sollte, begann ich zu komponieren, ohne auf den Text zu achten. Da auch innerhalb der Musik gegensätzliches Material aufeinanderprallen sollte, wurde den eingangs in den Singstimmen erklingenden, mittelalterlichen reinen Quintenklang-Verschiebungen gleich äußerst Geräuschhaft-Clusterhaftes in den Instrumenten entgegengesetzt (in der Duofassung durch die Maracas symbolisiert), das im Gegensatz zu den Quinten jegliches Grundtongefühl radikal neutralisiert. Daraus ergab sich als Herausforderung die Frage, was mit einer äußerst fragmentarisierten Reduktion des Materials musikalisch noch gestaltet werden kann, wenn, zusätzlich zur Reduktion, antagonistisches Material aufeinanderprallt. Wie ein Schriftsteller, der in die Eigendynamik, die die Figuren in seinem Roman entwickeln, nicht eingreifen darf, sondern ihnen einfach folgen muß, so brauchte ich nur zuzuschauen, was die in die Welt gesetzten Elemente der Notre Dame-Quinten und der dissonanten Klangschwärme miteinander machten, bis hin zum Schlußklang, der die beiden kontrastierenden Ausgangselemente der reinen Quinte und des Geräuschhaften zusammenbringt.
Durch die konsequente kompositorische Arbeit mit den reinen Quinten entwickelte das Stück in den Singstimmen allmählich eine so hohe musikalische Reinheit, daß mir jeder Anklang von Semantik wie eine Verunreinigung erschien. Aus diesem Grunde scheiterte das Vorhaben, das bereits existierende Gedicht mit dieser Musik zusammenzubringen. Nachdem diese Idee verworfen war, war der Weg frei, um aus der Musik heraus einen ihr adäquaten Text zu erfinden. So entwickelte sich allmählich eine Art "Musiklateinische Sprache".
Gleichzeitig ist die Lautpoesie, als Metapher für das Nicht-verstehen-können und Trotzdem-verstehen-müssen des Anderen, ein deutlicher Bezug zur aktuellen Flüchtlingskrise.

René Wohlhauser


Kurzfassung:
Dieses Stück könnte dadurch gesellschaftliche Relevanz erlangen, daß gesellschaftliche Konflikte mit künstlerischen Mitteln gespiegelt und bearbeitet werden, indem antagonistisches Material aufeinanderprallt und eine Entwicklung in Gang setzt.


Quamakútsch

Werkkommentar zu Quamakútsch
für Flöte, Kontrabaß und Klavier
2016-2017 komponiert, Ergon 59, Musikwerknummer 1785
ca. 11 ½ Min.
Kompositionsauftrag des "Art Ensembles Berlin", mit finanzieller Unterstützung der SUISA-Stiftung für Musik.

Auf einen wilden, chaotischen Anfang aller Instrumente (ein Sinnbild für das Suchen) folgt ein verinnerlichtes Duo von Flöte und Kontrabaß mit einer subtilen Aushorchung von Mikrotönen. Mikrotöne werden bei Instrumenten mit sog. weicher oder flexibler Intonation (Bläser und Streicher im Gegensatz zu den Tasteninstrumenten mit unflexibler Intonation) oft eher als Klangfärbungen, denn als klare tonhöhenmäßige Abstufungen wahrgenommen. Deshalb versuchte ich in diesem Stück für die Flöte und den Kontrabaß die Mikrotöne mit Hilfe von Mikroglissandi bewußt als Klangfärbungen bzw. als Klanggesten zu gestalten, indem gemäß einer Grammatik der Mikrotöne je nach Kontext zwischen den etwas größeren und organischeren Dritteltönen (bei Wechselnoten) und den etwas kleineren und weniger organischen Vierteltönen (zur Zwischenstufung bei Halbtonübergängen) unterschieden wird. (Und wenn in einer Stimme eine mikrotonale Bewegung stattfindet, bleibt die andere Stimme auf einem Halteton liegen, damit sich die mikrotonale Bewegung deutlich davon abhebt und gut wahrnehmbar wird.) Damit erreiche ich eine flexible Handhabung der Mikrotonalität in kontextueller Durchmischung der verschiedenen Systeme, und nicht, was sonst meistens praktiziert wird: den bloßen Sprung von einer schematischen Anwendung des Halbtonsystems zu einer ebenso schematischen Anwendung des Vierteltonsystems.
Was dann folgt, ist nichts weniger als ein Suchen nach Tiefe und Substanz und nach strukturellem Reichtum durch das Erfinden und Entwickeln von Gestalten und Figuren, die miteinander in enger Beziehung stehen, und dies in Analogie zur Gestaltung von formalen Abschnitten und Formteilen, die ebenfalls miteinander in enger Beziehung stehen. Durch diese substanzielle kompositorische Arbeit, durch das Horchen in die Tiefe und das Ringen um Relevanz soll der Oberflächlichkeit gehaltvolle Musik entgegengesetzt werden.
In mehreren Ansätzen werden die Materialtypen verarbeitet und auf ihren Gehalt hin abgeklopft, doch erst mit dem Verlassen des Bisherigen, mit dem risikoreichen Sich-einlassen auf etwas Neues, was im Stück durch einen Tempowechsel markiert ist, kann ein neues Kapitel aufgeschlagen werden, das durch die Entwicklung ungebundener struktureller Vielfalt und Verdichtung die Möglichkeit eröffnet, in die Tiefe der musikalischen Substanz vorzudringen.

René Wohlhauser

Kurzfassung:
Mikrotonalität, strukturelle Vielfalt und Verdichtung als Möglichkeit, in die Tiefe der musikalischen Substanz vorzudringen.

Quantenströmung


Werkkommentar zu Quantenströmung
Fassung für Flöte, Viola und Harfe (1996), Ergon 23, 13 Min.
Für das Sabeth-Trio geschrieben.

Fassung für Flöte, Violoncello und Klavier (1996/1997), Ergon 23b, 13 Min.

"Quantenströmung" bezeichnet nach Gilles Deleuze den Übergang von einem Energiezustand in einen andern. Wobei mich von den verschiedenen Energieformen in diesem Stück vorallem die potentielle und die kinetische Energie interessierten: Aus welcher Lagebeschaffenheit und Lagebefindlichkeit bzw. Energiedichte und Energietransformationsfähigkeit lädt sich ein Energiepotential auf, das einen Prozeß in Gang zu setzen vermag? Die Gravitation dieser Energiefelder wird in diesem Stück durch eine formal zyklische Anlage suggeriert, realisiert durch eine Grammatik der Entsprechungen.

Energeia und Dynamis umschreiben das Wirkumsquantum der Potenz als Prinzip der Bewegung und Veränderung. Nach Aristoteles ist Energeia "die wirkliche Tätigkeit des Möglichen", Dynamis dagegen das dem "Vermögen nach Seiende": die Wirklichkeit als zielgerichtete Kraft der Verwandlung.

Im Stück selber finden sich gegenläufige Bewegungstendenzen, die eine dialektische Spannung aufbauen sollen: Beispielsweise schnellere Tempi bei ruhigen Passagen und bei bewegteren Abschnitten eine Verlangsamung. Biomorphe Strukturen, amöbenhafte, aber präzise Figurationen im Wechselspiel strengerer und freierer Teile gestalten den Mikrobereich, während die Technik der unabhängigen Ebenen und die Technik der verschmelzenden Ebenen sich im Großen kontrastieren. Verschiedene Dichtegrade wie Komplexität und Durchsichtigkeit ergeben gegensätzliche Ausdruckswerte, die durch bewußte Gestaltung des stilistischen Umfeldes dennoch dem Prinzip einer in sich kongruenten Ästhetik folgen.

Die Beobachtung und Gestaltung von fragilen Übergangszuständen betrifft in der Musik aber nicht nur physikalische, philosophische und kompositionstechnische, sondern auch spirituelle Energiequanten. Die Energie der Gedankenströme zwischen Verwirrung und Befreiung. Die Verschmelzung des offenen Bewußtseins in die Auflösung des Lichts, das in uns hinunterströmt. Die Ausbreitung des lichten Klangs in seiner durchsichtigen Form im Raum. Die Transzendenz in grenzenloses Licht.

Bei diesem Werk handelt es sich um eine Auftragskomposition des Sabeth Trio Basel, dem das Stück auch gewidmet ist. Es wurde mit finanzieller Unterstützung der Erziehungs- und Kulturdirektion Basel-Landschaft, der Alfred Richterich-Stiftung, der SUISA-Stiftung für Musik, der Fondation Nicati-de Luze und der Fondation Nestlé pour l’Art realisiert.

René Wohlhauser

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Comment on the work Quantenströmung (‘Quanta stream’) for flute, viola and harp (1996)
Written for the Sabeth Trio.

According to Gilles Deleuze, ‘quanta stream’ describes the transition from one energy state into another. Of the different energy forms in this work, it is above all the potential and the kinetic energies that interested me. What does the state of consistency and state of affectivity have to be (or what is the energy density or the ability to transform energy) in order for sufficient potential energy to build up and set a process in motion? The gravitation of these energy fields is suggested in this piece by a cyclical form, and is realized by a grammar of analogies. ‘Energeia’ and ‘dynamis’ describe the constant of potential as a principle of motion and change. According to Aristoteles, ‘energeia’ is ‘the real activity of the possible’, while ‘dynamis’ is ‘the ability of being’: reality thus is here a purposeful power for change.

This work was commissioned by the Sabeth Trio of Basle, to whom it is also dedicated. It was realized with financial support from the Education and Cultural Department of the Canton of Basel-Landschaft, the Alfred Richterich Foundation, the SUISA Music Foundation, the Nicati-de Luze Foundation and the Nestlé pour l’Art Foundation.

René Wohlhauser
Translation: Chris Walton

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Commentaire sur l’œuvre: Quantenströmung (La gravitation quantique) pour flûte, alto et harpe (1996)
Ecrit pour le Trio Sabeth

Chez Deleuze, la gravitation quantique désigne le passage d’un niveau d’énergie à un autre. Parmi les différentes formes d’énergie, celles qui m’intéressent ici sont la potentielle et la cinétique: à partir de quelle consistance et humeur – ou densité et transformabilité énergétique – un potentiel d’énergie se charge qui soit capable de déclencher un processus? La gravitation de ces champs énergétiques est suggérée par une disposition cyclique, réalisée par une grammaire de correspondances.

Energeia et dynamis circonscrivent l’effet de la puissance en tant que principe du mouvement et du changement. Selon Aristote, energeia est «la vraie activité du possible», dynamis «le pouvoir d’être» – la réalité en tant que force ciblée du changement.

L’oeuvre est une commande de composition du Trio Sabeth (Bâle), à qui elle est dédiée. Elle a été réalisée avec le soutien financier de la Direction de l’instruction et de la culture de Bâle- Campagne et des fondations Alfred-Richterich, SUISA pour la musique, Nicati-de Luze et Nestlé pour l’Art.

René Wohlhauser
Traduction: Jacques Lasserre

Rachearie


Werkkommentar zur Rachearie aus der Oper "Gantenbein" (2004), nach dem Roman "Mein Name sei Gantenbein" von Max Frisch, eingerichtet für Sopran und Klavier, Ergon 30/II, 2 Min.

Meine Oper "Gantenbein", die im November 2004 am Luzerner Theater von vier Gesangssolisten und dem Luzerner Sinfonieorchester uraufgeführt worden ist, handelt von der Beziehung zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann. (In einer Oper muß es ja um die Liebe gehen …)

Das Libretto habe ich aus ihren beiden Romanen zusammengestellt, in denen sie diese Beziehung literarisch verarbeitet haben: "Mein Name sei Gantenbein" von Max Frisch und "Malina" von Ingeborg Bachmann. Und zwar ging es nicht darum, im Sinne eines konventionellen Konversationsdramas einfach die Geschichte nachzuerzählen, sondern zu versuchen, gegenüber der Vorlage eine Perspektive einzunehmen und bewußt jene Stellen auszuwählen, in denen die Verästelungen des individuellen Erlebens der Beziehung ins Zentrum gerückt und aus verschiedenen Sichtweisen heraus beleuchtet wurden (ein Psychodrama der Seelenspiegelungen).

Max Frisch war nach eigenen Aussagen sehr eifersüchtig. Ingeborg Bachmann hingegen setzt sich in dieser Rachearie gegen die Anschuldigungen und Verdächtigungen zur Wehr und wird dabei fast zu einer rasenden Furie wie Mozarts Königin der Nacht.

René Wohlhauser

Kurzbeschreibung: Max Frisch war nach eigenen Aussagen sehr eifersüchtig. Ingeborg Bachmann hingegen setzt sich in dieser Rachearie gegen die Anschuldigungen und Verdächtigungen zur Wehr und wird dabei fast zu einer rasenden Furie wie Mozarts Königin der Nacht.

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Comment on the work Rachearie (‘Revenge aria’) from the opera Gantenbein (2004), after the novel Mein Name sei Gantenbein by Max Frisch, arranged for soprano and piano.

My opera Gantenbein, which was given its world première in November 2004 at the Lucerne Theatre by four vocal soloists and the Lucerne Symphony Orchestra, is about the relationship between Max Frisch and Ingeborg Bachmann (an opera has to be about love…).

According to his own admission, Max Frisch was a very jealous man. In this revenge aria, however, Ingeborg Bachmann defends herself against accusations and suspicions, and in the process becomes almost a raging Fury like Mozart’s Queen of the Night.

René Wohlhauser
Translation: Chris Walton

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Commentaire sur l’œuvre: Rachearie (Air de la vengeance) de l’opéra «Gantenbein» (2004) d’après le roman de Max Frisch «Mein Name sei Gantenbein», arrangement pour soprano et piano.

Créé en novembre 2004 au Théâtre de Lucerne par quatre chanteurs et l’Orchestre symphonique de Lucerne, mon opéra «Gantenbein» traite des relations entre Max Frisch et Ingeborg Bachmann. (Tout opéra doit parler d’amour . . .)

De son propre aveu, Max Frisch était très jaloux. Dans cet air de la vengeance, Ingeborg Bachmann s’élève contre ses accusations et ses soupçons, et se transforme ainsi presque en mégère, comme la Reine de la Nuit chez Mozart.

René Wohlhauser
Traduction: Jacques Lasserre

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Commentaire sur l’œuvre: Rachearie pour soprano et piano, extrait de l’opéra «Gantenbein» (2004), d’après un livre de Max Frisch (1911-1991), Ergon 30/II

Mon opéra "Gantenbein», qui a été créé en Novembre 2004 au Théâtre de Lucerne par quatre solistes vocaux et l'orchestre symphonique de Lucerne, porte sur les relations entre Max Frisch et Ingeborg Bachmann. (Dans un opéra, il est toujours question d'amour ...)

J’ai composé le livret à partir des deux romans, dans lesquels ces relations ont été traitées littérairement: « Mon nom soi Gantenbein » de Max Frisch et « Malina » d’Ingeborg Bachmann. Il ne s’agissait pas de raconter simplement l’histoire dans le sens d’un drame de conversation classique, mais plutôt de mettre en perspective les textes originaux et de sélectionner consciemment les passages qui amènent au centre les ramifications de l'expérience individuelle de la relation, qui l’examinent à partir de différents points de vue. (Un drame psychologique de la réflexion des âmes.)

Max Frisch était très jaloux d’après ces propres mots. Dans cet air de vengeance, Ingeborg Bachmann, en revanche, se défend contre les accusations et les suspicions. Elle devient presque une mégère en fureur comme la Reine de la Nuit dans « La flûte enchantée» de Mozart.

René Wohlhauser (Traduction: Bruno Siberchicot)

Rand

Werkkommentar zu Rand
für Bariton Klavier
auf ein Gedicht des Komponisten,
2017 komponiert, Ergon 62, Nr. 1, Musikwerknummer 1805
ca. 3 Min.


Wildheit, ungebändigter Ausdruckswillen, Richtungskraft, die sich ihren Weg bahnt und die ihre Grenzen zu überschreiten versucht, dies sind zentrale, vorwärtstreibende Elemente dieses Stückes, das mit neuen Ausdrucksformen unmittelbarer Spontaneität und musikalischer Körperlichkeit experimentiert. Im ersten Teil kommt dies durch eine ausgetüftelte Grammatik dichter Akkordstrukturen zum Ausdruck, die teilweise clusterhaft wirken, die aber nie zum reinen Cluster werden, sondern die immer differenziert strukturiert sind, während im zweiten Teil eine Art neue, entfesselte Virtuosität zum Ausbruch kommt. Durch seine Kürze und seine Dichte wirkt das Stück wie ein eruptiver Ausbruch, wie eine Explosion instantan implodierender Ausdruckszustände.

René Wohlhauser


Kurzfassung:
Wildheit, ungebändigter Ausdruckswillen, eine ausgetüftelte Grammatik dichter Akkordstrukturen und eine Art neue, entfesselte Virtuosität prägen dieses Stück.

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Commentaire sur Rand pour baryton et piano sauvage, sur un poème du compositeur, composé en 2017, Ergon 62, no. 1, Numéro d’œuvre musicale 1805

Férocité, expression débridée, la force de direction qui fait son chemin et essaie de dépasser leurs limites, ce sont des éléments centraux de cette pièce, qui expérimente de nouvelles formes d'expression de spontanéité immédiate et de physicalité musicale. Dans la première partie, cela s’exprime par une structure d'accords denses de grammaire élaborée, qui ne devient jamais des clusters purs, mais qui sont structurés toujours différenciés, alors que dans la deuxième partie une sorte de nouvelles viruosité déchaînée éclate. En raison de sa brièveté et sa densité, la pièce agit comme une éruption, comme une explosion instantanée d'expression implosante.

ReBruAla

Werkkommentar zu ReBruAla
für Sopran, Bariton, geschlagenes Klavier und Zuspiel-Klänge oder Live-Ensemble (sechsstimmiger (Zuspiel-)Chor, (Zuspiel-)Klavier, (Zuspiel-)Geräuschspur sowie ein Field recording),
auf ein Gedicht des Komponisten,
2017 komponiert, Ergon 62, Nr. 2, Musikwerknummer 1808
ca. 4 ½ Min.

In "ReBruAla" wird die traditionelle Rollenverteilung in Frage gestellt, die im vorhergehenden Stück "Rand" noch formal beibehalten wurde: Zwar wird in "Rand" die getrennte Rollenverteilung Sänger-Begleitpianist aufgehoben, indem beide zur gleichen ausführenden Person verschmelzen. Aber die Grenze der Spielbarkeit im pianistischen Bereich markiert die Grenze der Ausdrucksmöglichkeit des Komponisten.
Das extrem dichte Klavier, das sich in "Rand" im Grenzbereich des Spielbaren bewegt und nur mit Mühe realisiert werden kann, wird in "ReBruAla" aus dem traditionellen Rollenverteilungs-Prozeß Komponieren-Einüben-Aufführen herausgehoben und einfach als Zuspiel-Klang dazu gesetzt und überschreitet damit die Grenze der Spielbarkeit und damit auch die Grenze der Ausdrucksmöglichkeit des Komponisten. In ähnlicher Weise hebt der Zuspiel-Chor die Beschränkung auf nur zwei Singstimmen auf. Die Musik befreit sich sozusagen von ihren äußeren Fesseln. Wie von einer Metaebene her mischt sich noch eine zweigeteilte Geräusch-Zuspielspur in das Ganze und bricht den puristischen Werkbegriff auf. Das Konzept des Stückes besteht nun darin, daß sich das Duo Sopran-Bariton mit Hilfe des geschlagenen Klaviers einen Weg durch die verschiedenen, filmschnittartig wechselnden Strukturschichten (sechsstimmiger Chor, wildes Klavier, digitale und analoge Geräusche) suchen muß.

Jede Schicht wurde sozusagen für sich komponiert bzw. in anderer Weise hergestellt: Der Chorsatz wurde in traditioneller Weise komponiert und notiert. Der Klaviersatz wurde in das Notationsprogramm hinein improvisiert und konnte durch dieses nur approximativ quantisiert in Notenschrift umgesetzt werden. Die Geräuschsschicht ist aufgeteilt in eine synthetisch erzeugte Spur (General midi) und in eine Live-Aufnahme (field recording). Während die digitale Geräuschschicht noch rhythmisch notiert werden konnte, bricht die analoge Live-Aufnahme aus dem Prozeß der Fixierung von Klängen in Notenschrift aus und wird in der Partitur nur angedeutet. Gleichzeitig ist sie der "rote Faden", der die konträren Texturen zusammenhält. Die Live-Schicht Sopran-Bariton sucht nach sinnvollen musikalischen Reaktionen auf dieses verwirrende Geschehen, das geprägt ist durch ein Aufeinanderprallen der kontradiktorischen Bezugspaar-Bereiche Improvisation-Komposition, Klang-Notation, Klangvorstellung-Realisation.

Die Kommunikation zwischen den verschiedenen Schichten setzt erst durch ihre Überlagerungen in der Komposition ein, wobei das geschlagene Klavier zwischen den kontrastierenden Struktur-Schichten zu vermitteln versucht. Dieses Verfahren ist eine Allegorie auf unsere heutige Lebenssituation, in der wir uns gleichzeitig in verschiedenen komplizierten Situationen und Sachgebieten bewegen müssen, die wir im Einzelnen nicht alle bis ins Letzte verstehen können. Wir arbeiten mit dem Computer, ohne seine Maschinensprache zu verstehen. Wir benutzen Mobiltelefone, ohne ihre Übertragungstechniken bis ins Letzte zu verstehen. Wir benutzen Klaviere und Autos, ohne diese selber bauen zu können.

René Wohlhauser


Kurzfassung:
Das Duo Sopran-Bariton sucht sich mit Hilfe des geschlagenen Klaviers einen Weg durch verschiedene, filmschnittartig wechselnde Strukturschichten, die digitial oder live zugespielt werden.

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Commentaire sur ReBruAla pour soprano, baryton, piano percuté et sons numériques et analogiques ou ensemble live (chœur à six voix, piano, piste de bruits numériques et field recording), sur un poème du compositeur, composé en 2017, Ergon 62, no. 2, numéro d’œuvre musicale 1808

Dans « ReBruAla » la distribution des rôles traditionnels qui était encore en vigueur formellement dans la pièce prédédente « Rand », est remise en cause: en effet dans « Rand » la distribution des rôles entre chanteur et accompagnateur, qui normalement sont des rôles séparés, est remplacée par la fusion des deux rôles dans la même personne effectuante. Mais la limite de ce qui est jouable dans la zone pianistique, marque la limite des moyens d'expression du compositeur.
Le piano extrêmement dense, qui se trouve dans « Rand » à la limite de ce qui est jouable et réalisable avec difficulté, est relevé dans « ReBruAla » du processus de distribution des rôles traditionels entre composer-étudier-exécuter, en ce que le piano enregistré est simplement ajouté et dépasse ainsi la limite de la jouabilité, et donc la limite des moyens d'expression du compositeur. De même, le chœur dépasse la restriction des deux voix.
La musique se libére pour ainsi dire de ses chaînes extérieures. Comme d’une "meta plaine" encore une piste double de bruits s’intègre encore dans l'ensemble et brise ansi la conception puriste de « l’œuvre ». Le concept de la pièce réside dans le fait que le duo soprano et baryton doit trouver, à l'aide du piano frappé, un chemin à travers les différentes couches de structures qui changent de manière très dure comme dans un film (chœur à six parties, piano sauvage, des sons numériques et analogiques).
Chaque couche a été composée pour ainsi dire pour elle-même, plus précisément produite de manière différente: la structure du chœur a été composée et notée de façon traditionnelle. Le piano a été improvisé dans le programme de notation et a été transformé en notation musicale qu'approximativement quantifiée. La couche de bruit est divisée en une piste produite synthétiquement (General MIDI) et un enregistrement en direct (field recording : enregistrement sur le terrain). Alors que la couche de bruit numérique pouvait encore être notée rythmiquement, l'enregistrement en direct analogique s’évade du processus de la fixation de sons en notation musicale, et est seulement insinué dans la partition. La couche live de soprano et baryton cherche à trouver des réactions musicales significatives à ces événements troublants qui sont caracterisés par le choc des oppositions par les domaines improvisation - composition, sons - notation, vision sonore - réalisation sonore.
La communication entre les différentes couches commence seulement par leurs superpositions dans la composition, le piano frappé tente de servir de médiateur entre les couches structurelles contrastées. Ce processus est une allégorie de notre situation de vie actuelle dans laquelle nous devons nous débrouiller en même temps dans diverses situations compliquées, que nous n’arrivons pas à comprendre en détail. Nous travaillons avec des ordinateurs, sans comprendre leur langage de machine. Nous utilisons les téléphones mobiles, sans comprendre leurs technologies de transmission en détail. Nous utilisons des pianos et des voitures sans pouvoir les construire nous-même.

René Wohlhauser

Sarktirko


Werkkommentar zu Sarktirko (2008), Ergon 10 b
Version für Schlagzeug solo von "Schlagzeugtrio" (1984/1985), Ergon 10

Es werden fünf, stets in zyklischen Komplexen erscheinende Materialtypen verwendet, die sich laufend verändern und in ständig neuen Konstellationen auftreten, deren Ausgangsstrukturen aber in diesem Stück gar nie erklingen, sondern als Figurentypen meiner Komposition "Klavierquartett" entnommen sind. Die polyphone Anordnung dieser Materialzyklen, von denen jeder ein eigenes Tempo hat, dessen Puls aber durch die Anwendung quantitierender Dauern-Proportionen kaum wahrnehmbar ist, führt durch unterschiedliche Kombinationen von Überlagerungen zu einer Art "Materialpolyphonie".

Es existiert noch eine improvisatorische Fassung des Stückes in Kombination mit dem lautpoetischen Text "Sarktirko".

Sarktirko
Mirokat mering solat
marbot lickmo silargot

Nurekling sarang perting
wikral sermo kinitral


René Wohlhauser

Saró

Werkkommentar zu Saró (2008), Ergon 26 b
Version für Saxophon solo von "Die Auflösung der Zeit in Raum" (2000-01), Ergon 26

Die Aufgabe, für ein einstimmiges Instrument zu komponieren, provozierte bei mir die Herausforderung, die Illusion einer Mehrstimmigkeit zu vermitteln, einen Dialog in Gang zu setzen, wie er beim musikalischen Gespräch mehrerer Instrumente stattfindet, sozusagen ein Selbstgespräch zu entfachen. Als gegebene Rede verwendete ich die Saxophonstimme aus dem Trio "Die Auflösung der Zeit in Raum" für Saxophon, Schlagzeug und Klavier. Dieser Stimme wurde nun durch Infiltration von Gegenmaterialien und Schattenfigurationen eine Gegenrede entgegengesetzt, um eine dialektische Bewegung in Gang zu setzen. Zudem hat das Saxophon über weite Strecken die Aufgabe, alle drei Instrumente des ursprünglichen Trios gleichzeitig zum Ausdruck zu bringen.

René Wohlhauser

Schlagzeugtrio


Werkkommentar zum Schlagzeugtrio (1984/85), Ergon 10, 9 Min.

Im "Schlagzeugtrio" ging es mir primär darum, neue rhythmische Ideen zu entwickeln und eine Form zu finden, die das Bestreben nach struktureller Verzahnung zu einem übergeordneten "Super-Rhythmus" zum Ausdruck bringt. Um die Aufmerksamkeit ganz auf das komplexe rhythmische Geschehen zu lenken, verzichtete ich auf (den Parameter der) Tonhöhen.

Was sich im "Klavierquartett" bereits angekündigt hatte, habe ich im "Schlagzeugtrio" wiederaufgenommen und versucht weiterzuführen: die Verselbständigung komplexer und in sich höchst differenzierter struktureller Schichten, die sich — im Gegensatz zu ihrer akribisch genauen Ausarbeitung — in einer fast Puffer-ähnlichen Art von Zeitverschiebung zu einer "transitiven Schichtenüberlagerung" fügen, deren strukturelle Summe durch die Kombination von strenger Fixierung und flexibler Schichtung in einem Maße reichhaltig und komplex wird, daß sie in Folge strengen linearen kontrapunktischen Denkens als Partitur kaum mehr notierbar ist. (Deshalb existieren von diesem Stück nur Einzelstimmen.)

Im "Schlagzeugtrio" werden fünf, stets in zyklischen Komplexen erscheinende Materialtypen verwendet, die sich laufend verändern und in ständig neuen Konstellationen auftreten, deren Ausgangsstrukturen aber in diesem Stück gar nie erklingen, sondern als Figurentypen der vorangegangenen Komposition "Klavierquartett" entnommen sind. Die polyphone Anordnung dieser Materialzyklen, von denen jeder ein eigenes Tempo hat, dessen Puls aber durch die Anwendung quantitierender Dauern-Proportionen kaum wahrnehmbar ist, führt durch unterschiedliche Kombinationen von Überlagerungen zu einer Art "Materialpolyphonie".

Um dieses komplexe Gefüge für den Hörer faßbar zu machen, habe ich eine verdeutlichende strukturell-analytische Instrumentation angewandt: Jeder Zyklus erhielt einen Grund-Klangtypus zugeordnet. Daraus leitete ich Analogie-Bildungen für die Entwicklungs-Richtungen des jeweiligen Zyklus und Übersetzungen dieser Analogie-Bildungen für die je nach Spieler variierten Formulierungen der jeweiligen Entwicklungs-Richtung ab.

Bei dieser Komposition handelt es sich um ein Auftragswerk von Paul Sacher.

Das Stück ist ihm und dem "Basler Schlagzeugtrio" gewidmet.

René Wohlhauser

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Programme note: Schlagzeugtrio for three percussion players (1984/85), Ergon 10, 9 min.

In "Schlagzeugtrio" I was primarily concerned with the development of new rhythmic ideas and with endeavouring to use a structural interlocking to create a form of "super-rhythm" organised at a higher level. In order to concentrate the attention on the complex rhythmic occurrences I renounced the pitch parameter.

I have taken up again in "Schlagzeugtrio" what was already apparent in my earlier "Klavierquartett", and attempted to pursue this further: the process by which complex and in themselves highly differentiated structural layers become independent. The structural layers — contrary to the way in which they are in themselves meticulously organised — lead, in an almost buffer-like (in the sense of buffer state) manner of time-displacement, to a "transitive overlayering of strata", the structural totality of which, through the combination of rigorous linear definition and flexible layering, becomes so extensive and complex that (as a result of this strictly linear contrapuntal thought) it is almost unnotatable in the form of a score. (For this reason this piece exists only as a set of individual parts.)

In "Schlagzeugtrio" I have employed five types of material, which always occur in cyclic complexes. These continuously transform and continually appear in new constellations, although their original forms, structural figures taken from my earlier "Klavierquartett", are never actually played in this piece. The polyphonic ordering of these cycles of material — each of which has its own tempo, although the application of durational proportions make any individual basic pulse hardly perceptible — leads by use of the most highly varied combinations of overlayering to a kind of "polyphony of material".

In order to make this complex framework comprehensible to the listener I have employed an elucidating structural-analytical instrumentation: each cycle is associated with a fundamental sound-type. From this I derived formal analogies for the developmental directions of the respective cycles, and transpositions of these formal analogies for each player’s varied formulations of the respective developmental directions.

This composition was commissioned by Paul Sacher and is dedicated to him and to the Basler Schlagzeugtrio.

René Wohlhauser
English translation: James Clarke

Sokrak


Werkkommentar zu Sokrak für Sopran, Flöte, Klarinette, Violoncello und Klavier, auf ein eigenes lautpoetisches Gedicht, 2008 komponiert, Ergon 39, Musikwerknummer 1494, ca. 10 Min.
Kompositionsauftrag von Kultur Basel-Stadt und Baselland, von Stadt Zürich Kultur und vom Kanton Bern.

Wie läßt sich Klanglichkeit strukturell so komponieren, daß sie über sich hinausweist und Ausdruckstiefe erreicht?
Wie gelingt es, durch das Erforschen der Tiefendimension des Klanges den Punkt zu finden, an dem alle differenzierten Strukturen in Klangerlebnis umschlagen bzw. nicht mehr als Einzelstrukturen, sondern in ihrer Summe nur noch als "Klangausdruck" wahrgenommen werden?
Wie müssen Klangverwandlungen, Klangkontrast oder Klangmodulationen aufeinander folgen, um in eine hörend nachvollziehbare, sinnfällige "Klangform" zu münden?
Wann schlagen objektive Klanggestalten in subjektive Klangergriffenheit um?
Welches ist in diesem Zusammenhang die Funktion der Zeit, in deren Verlauf die klangliche Dimension ihre Intensität entfaltet?

Dies sind einige der Fragen, die mich während der Arbeit an dieser Komposition beschäftigten.

Es ging also darum, die Wirkung der Klangwahrnehmung, die Wirkungsweise der klangstrukturierten Zeit, der Zeitlichkeit des Klangflusses, der klanglich fließenden Zeit, der klanglichen Strukturierung der Zeit als Empfindungsqualität auf die Wahrnehmung zu untersuchen.

Durch welche Perspektivenwechsel gelingt es flüchtigen Klangspuren, aus der schattenhaften Klanglichkeit herauszutreten und in klangliche Verkörperung des Ausdrucks, in reale Präsenz umzuschlagen und im Filter der Wahrnehmung hängenzubleiben? Letztlich ein Konzept der Sensibilisierung der Klangwahrnehmung.

Dies erfolgt in diesem Stück mit einem klaren formalen Konzept: Im ersten Teil erwächst die Musik aus der vortonlichen Geräuschwelt. Im zweiten Teil ist der Ton gefunden und die Musik entwickelt sich aus diesem einen Ton heraus. Im dritten Teil explodiert der bisher zurückgehaltene Tonvorrat in einer Überfülle, die dadurch in eine globale Klanglichkeit umschlägt, grundiert von einer Geräuschschicht. Im vierten Teil kehren die Strukturen des ersten Teiles in veränderter Gestalt wieder, indem die Spieler ihre Strukturen nicht mehr instrumental, sondern mittels Mundgeräuschen zum Klingen bringen. So sind alle Teile miteinander strukturell verbunden.

Zudem geht es um die Erkundungen verschiedener Misch- und Verschmelzungs-Möglichkeiten von Sprachklang und Musik:
1. Teil: im Geräuschhaften
2. Teil: im stehenden Klang
3. Teil: in der virtuosen Linie
4. Teil: in der vokalen Entsprechung

René Wohlhauser


Kurzbeschreibung: Klangstrukturierung und Klangwahrnehmung als Tiefendimension der Zeiterfahrung. Klangverwandlungen von instrumental Geräuschhaftem zu Tonreibungen über virtuos Schwir-rendes zu vokal Geräuschhaftem.

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Comment on the work Sokrak for soprano, flute, clarinet, violoncello and piano,
to a sound poem by the composer (2008), Ergon 39, Musical work number 1494

How can sonority be composed structurally so that it transcends itself and attains expressive depth?
How can one succeed, through the exploration of the depth dimension of sound, in finding the point at which all differentiated structures suddenly change in sonic experience and are no longer perceived as individual structures, but only in their sum as "sonic expression”?
How must sonic transformations, sonic contrast or sonic modulation follow each other,
so as to lead into an audibly comprehensible, meaningful "sonic form”?
When do objective sonic forms suddenly change into subjective sonic emotion?
What is the function of time in this connection, during the course of which the sonic dimension unfolds its intensity?

These are some of the questions that occupied me during the work on this composition.

The point was, therefore, to investigate the impact of sonic perception, the workings of sonically constructed time, of the temporality of the flow of sound, of sonically flowing time and of the sonic structuring of time as a quality of sensation on perception.

Through which change of perspective do fleeting traces of sound succeed in emerging out of shadowy sonority, suddenly changing into the sonic embodiment of expression and into real presence, and remaining caught in the filter of perception? This is ultimately a concept of the sensitisation of sonic perception.

This takes place in this piece with a clear formal concept: in the first part, the music grows out of the pre-tonal world of noises. In the second part, the tone has been found and the music develops out of this single tone. In the third part, the so far restricted repertoire of tones explodes into a profusion which suddenly changes into a global sonority, grounded by a layer of noise. In the fourth part, the structures of the first part return in an altered form in which the players no longer sound their structures by means of instruments,
but with mouth noises. All the parts are thus structurally connected to each other.

Moreover, the idea is to investigate different possibilities of mixing and fusing spoken sound and music:
1st part: in noises
2nd part: in stationary sound
3rd part: in the virtuoso line
4th part: in the vocal correspondence

René Wohlhauser
Translation: David Babcock

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Commentaire sur l'œuvre Sokrak pour soprano, flûte, clarinette, violoncelle et piano,
sur un poème phonétique du compositeur (2008), Ergon 39, Musikwerknummer 1494

Comment le caractère sonore se laisse-t-il composer structurellement de sorte à faire signe au-delà de lui-même et à atteindre à une profondeur expressive ?
Comment réussit-on, par l’exploration des dimensions de profondeur de la sonorité, à trouver le point où toutes les structures différenciées se transmutent en vécu de sonorité, c’est-à-dire ne sont plus perçues comme structures isolées, mais seulement, par leur addition, comme « expression sonore » ?
Comment des transformations sonores, des contrastes ou des modulations sonores, doivent-ils se succéder pour déboucher sur une « forme sonore » qui soit saisissable à l’écoute et tombe sous le sens ?
Quand des configurations sonores objectives se renversent-elles en saisissement subjectif par la sonorité ?
Quelle est, dans ce contexte, la fonction du temps, au cours duquel la dimension sonore déploie son intensité ?

Telles sont certaines des questions qui m’ont préoccupé pendant que je travaillais à cette composition.

Il s’agissait donc d’examiner l’effet de la perception sonore, c’est-à-dire les modalités
selon lesquelles le temps structuré par des sonorités, la temporalité du flux sonore,
le temps s’écoulant en sonorité, la structuration sonore du temps, agissent, en tant que qualité de sensation, sur la perception.

Par quels changements de perspective des traces sonores fugaces réussissent-elles à
s’extraire de la sonorité indistincte, à se renverser en incarnation sonore de l’expression, en présence réelle, de telle sorte que le filtre de la perception les retienne ? En dernière analyse, on a affaire à une démarche propre à sensibiliser la perception sonore.

Dans ce morceau, c’est une claire conception formelle qui y pourvoit : dans la première partie, la musique émerge du monde des bruits antérieurs au son. Dans la seconde partie, le son est trouvé et la musique se déploie à partir de ce son unique. Dans la troisième partie, la provision de sons jusque là retenue explose en une surabondance qui, de ce fait, se renverse en caractère sonore global, sur fond de strate bruitée. Dans la quatrième partie, les structures de la première reviennent sous une figure nouvelle, puisque les musiciens font sonner leurs structures non plus instrumentalement, mais au moyen de bruits buccaux. Ainsi, toutes les parties sont structurellement reliées entre elles.

En outre, il s’agit d’explorer diverses possibilités de mélanger et de fusionner des sonorités de parole avec de la musique :
1e partie : dans le bruit
2e partie : dans la sonorité statique
3e partie : dans la ligne virtuose
4e partie : dans la correspondance vocale

René Wohlhauser
Traduction : Patrick Lang

Souvenirs de l'Occitanie


Werkkommentar zu Souvenirs de l’Occitanie für A-Klarinette solo (1977/78), Ergon 4,
9 Min.

Diese Komposition habe ich während meiner Studienzeit am Basler Konservatorium geschrieben. Bereits in diesem Stück wird man gleich zu Beginn ein Abtasten der Grenzen feststellen können, wenn die Klarinette zuerst in der höchsten und gleich darauf in der tiefsten Lage spielt. In diesem konkreten Falle also ein Ausloten der registermäßigen Möglichkeiten, vergleichbar etwa den Rekognoszierungs-Versuchen eines imaginären Raumes, der wie bei Jorge Luis Borges bei jedem erneuten Betreten erscheint, als hätte man ihn noch nie zuvor gesehen.

Dieser Versuch des Vorstoßens an die Grenzen, in die Randbereiche, ad marginem, um mit einem Bild von Paul Klee zu sprechen, ist, denke ich, ein Grundtopos in meiner Arbeit, den man trotz der Verschiedenartigkeit der Stücke stets wieder feststellen kann: ein Nicht-Akzeptieren der traditionell vorgegebenen Beschränkungen, der Versuch der Erweiterung oder gar des Überschreitens von Grenzen durch konsequentes Radikalisieren konzeptioneller Ideen, ein Hinterfragen, manchmal auch ein ironisches In-Frage-stellen, Karikieren, Bespiegeln; sowie die Auffassung, daß man im künstlerischen Bereich Risiken eingehen muß, um zu neuen, spannenden und interessanten Ausdrucksformen gelangen zu können.

Der Titel des Stückes verweist auf den Ort der ersten Inspiration zu dieser Musik, die in Südfrankreich — eben in der Occitanie — ihren Anfang nahm.

In einer schlaflosen Nacht auf einem unruhigen Zeltplatz verdichteten sich die klanglichen Einflüsse von Kofferradios, Bahnsignalen und Grillenzirpen mit der Atmosphäre der Nacht und der nahen See zu einer eigenen, unwirklichen Welt, belebt durch die unermüdlich um die Lichtquellen tanzenden Insekten.

"Souvenirs" — Erinnerungen — steht aber auch im Zusammenhang mit zwei Fragen, die mich zur Zeit der Entstehung dieses Stückes interessierten:

1.) Inwiefern ist es mit musikalischen Mitteln möglich, eine Art surrealistische Klangwelt zu gestalten?
2.) Gibt es auch innerhalb der sog. ernsten neuen Musik Möglichkeiten, den Humor, die Karikatur und die (Selbst-)Ironie einzubringen?

Der Surrealismus definiert sich erst im Vergleich zum Realismus, indem erinnerte (musikalische) Gesten, Typen und Genres aus ihrem konventionell definierten Umfeld herausgelöst werden und eine kontextuelle Neueinbettung erfahren. Die Karikatur entsteht durch Überzeichnung und Überspitzung dieser "verpflanzten Souvenirs".

Ich denke dabei an Salvador Dali: seine verbogenen Objekte, die verbogene, flüssig gewordene Zeit. (Die zerrinnende Zeit in seinem berühmten Gemälde mit den weichen Uhren von 1931: "La persistance de la mémoire" - "Die Beständigkeit der Erinnerung".)

Diese Partitur ist 1978 im Kompositionswettbewerb "Valentino Bucchi" in Rom mit einem "Diploma" ausgezeichnet worden.

Das Stück ist Ernesto Molinari gewidmet.

René Wohlhauser

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Programme note: Souvenirs de l'Occitanie for solo clarinet (1978), Ergon 4, 9 min.

This composition was written while I was a student at the Basle Conservatory. A sense of the reaching out towards boundaries can already be felt in this piece, in particular here the boundaries of registral possibilities, somehow comparable to trying to recognise the limits of an imaginary space which, as in Jorge Luis Borges, appears every time one enters it as if one had never seen it before.

Advancing to the limits, into the periphery, ad marginem (to refer to a work by Paul Klee), is, I think, a fundamental theme of my work, always identifiable despite the different nature of the individual pieces: a non-acceptance of traditionally prescribed limitations, the attempt at broadening, even transgressing the limits through a logically consistent radicalisation of conceptual ideas, a profound questioning, sometimes an ironic putting into question, caricaturing, mirroring. And it is my belief that in the arts one must take risks, if one is to find new, exciting, engaging forms of expression.

The title of the work refers to the place where this music was first inspired, the Occitane, in southern France.

During a sleepless night in an anything but peaceful camp site, the acoustical phenomena of transistor radios, cicadas, the sounds of the railway, intensified with the atmosphere of the night, the nearby sea, into a single unreal world, enlivened by the relentless dancing of insects in patches of light.

"Souvenirs" — memories — is also concerned with two questions however, which were preoccupying me at the time:

1.) To what extent is it possible, using musical means, to create a kind of surrealistic sound world?
2.) Is it possible to involve in what we call serious new music humour, caricature and (self-)irony?

Surrealism is defined first in comparison with realism, in that remembered (musical) gestures, types and genres are removed from their conventionally defined context and embedded in a new one. Caricature is the result of an over-exaggerated redrawing of these "transplanted souvenirs".

This piece was awarded a "diploma" at the "Valentino Bucchi" Composition Competition in Rome in 1978 and is dedicated to Ernesto Molinari.

René Wohlhauser
English translation: James Clarke

'Srang


Werkkommentar zu 'Srang für Sopran, Flöte, Klarinette und Violoncello, auf ein eigenes lautpoetisches Gedicht, 2007 komponiert, Ergon 36, Musikwerknummer 1359, ca. 10 Min.
Kompositionsauftrag von Stadt Zürich Kultur.

Das Stück folgt einer Konzeption, in der sich Bruchstücke immer wieder selbständig machen, sich aus dem bisherigen Zusammenhang herauslösen, sich neu zusammenfügen und somit eine neue Ausgangslage konstituieren, aus der sich dann kompositorisch eine neue Richtung entwickelt.

Wenn man Bruchstücke nicht als beliebige Aneinanderreihung ihrer selbst auffaßt, sondern als kleinste Einheiten sich permanent wandelnder Konstellationen, die in ihrem jeweiligen Zusammentreffen von Verhältnissen und Umständen als Startpunkte jeweils neuer Prozesse ihre Verbindlichkeit erhalten, dann offenbart diese Auffassung sehr bald etwas Metaphysisch-Philosophisches. Gleicht nicht der Startpunkt eines jeden Lebens einem jeweils neuen Hinwerfen der Würfel? Und jedes Lebewesen muß aus dieser zufälligen Anfangskonstellation seinen eigenen Lebensweg finden.

Und auch auf dem weiteren Lebensweg ist das Lebewesen mit der bruchstückhaften Auffassung der Welt konfrontiert. Bruchstücke als Metapher für (die jedem Lebewesen eigene) selektive Wahrnehmung, die trotzdem zu einer einheitlichen, sinnvollen Beurteilung zu kommen versucht. (Im Gegensatz zur Vorstellung einer absoluten (göttlichen?) Wahrnehmung, die alle denkbaren Aspekte gleichzeitig aufzunehmen und zu deuten in der Lage ist.) Bruchstücke als Bild für die bruchstückhaften Alltagserfahrungen. Das Leben, das aus disparatesten Eindrücken zusammengefügt wird und dennoch von vielen im Rückblick als Einheit dargestellt wird. Bruchstücke, die in ihrer jeweiligen Konstellation eine Eigendynamik entwickeln und (im Sinne der Chaostheorie) ungewohnte, neue Situationen schaffen.

Niemand kann alles wissen. Unser Wissen in seiner bruchstückhaften Konstellation prägt unsere Lebensauffassung und unsere Sichtweisen, die sich oft konträr zu den Sichtweisen anderer Menschen mit einer anderen bruchstückhaften Lebenserfahrung verhalten. Menschliches Verhalten als Folge von Bruchstücken des herabgefallenen Wissens.

Was bedeutet dies nun kompositorisch? Komplexe Mikrostrukturen gestalten, mit Bruchstücken aus einer bruchstückhaften Welt arbeiten, die sich zu neuen Klang-Konglomeraten zusammenfügen, die dem Publikum vielleicht neue Erfahrungen und Sichtweisen eröffnen.

René Wohlhauser


Kurzbeschrieb:
Die Entwicklung einer Ästhetik der Bruchstücke als Metapher für bruchstückhafte Wahrnehmung.

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Comment on the work ’Srang for soprano, flute, clarinet and violoncello,
to a sound poem by the composer (2007), Ergon 36, Musical work number 1359

This piece follows a conception in which fragments continuously become independent, dissolving out of the former context, joining together anew and thus constituting a new starting position out of which a new compositional direction develops.

If one does not comprehend fragments as an arbitrary stringing together of themselves, but as the smallest units of constellations in permanent transformation, achieving their logic as starting points for new processes of their correlation in their corresponding
encounter of relationships and conditions, then this comprehension very soon reveals something metaphysical-philosophical. Does not the starting point of each life resemble a correspondingly new throwing of the dice? And each living being must find its own journey through life out of this accidental initial constellation.

And this living being is also confronted with the fragmentary perception of the world on its continued journey through life. Fragments as a metaphor for (each living being’s own) selective perception, which nonetheless attempts to arrive at a unified, meaningful
appraisal. (As opposed to the concept of an absolute (divine?) perception that is capable of taking in and interpreting all conceivable aspects at once.). Fragments as a symbol for the fragmentary experiences of everyday life. Life, composed of the most widely disparate impressions and nevertheless portrayed by many, in retrospect, as a unity. Fragments that develop their own dynamics in their given constellation and (in the sense of chaos theory) create unusual, new situations.

No one can know everything. Our knowledge in its fragmentary constellation characterises our attitude to life and our points of view, which often behave contrarily to the points of view of other people with a different fragmentary experience of life. Human behaviour as a consequence of fragments of fallen knowledge.

What does this mean, then, in terms of composition? Creating complex microstructures, working with fragments from a fragmentary world that coalesce to form new sonic conglomerates that perhaps open up new experiences and points of view to the public.

René Wohlhauser
Translation: David Babcock

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Commentaire sur l'œuvre ’Srang pour soprano, flûte, clarinette et violoncelle,
sur un poème phonétique du compositeur (2007), Ergon 36, Musikwerknummer 1359

Le morceau obéit à une conception selon laquelle des fragments ne cessent de se rendre indépendants, se désolidarisant du contexte jusque là établi, se combinant de façon
nouvelle et constituant ainsi une nouvelle situation de départ, d’où se déploie alors, au niveau compositionnel, une nouvelle direction.

Dès lors que l’on appréhende des fragments, non pas comme une juxtaposition quelconque d’eux-mêmes, mais comme les unités minimales de constellations perpétuellement changeantes, qui reçoivent leur caractère d’obligation en tant que points de départs de processus à chaque fois nouveaux, dans la rencontre respective de rapports et de circonstances, une telle appréhension ne tarde pas à manifester un aspect métaphysique et philosophique. Le point de départ de chaque vie ne s’apparente-t-il pas à un lancer de dés à chaque fois réitéré ? Et c’est à partir de cette constellation initiale contingente que chaque être vivant doit trouver son propre itinéraire de vie.

Même sur la suite de cet itinéraire, l’être vivant continue d’être confronté à l’appréhension fragmentée du monde. Les fragments sont ici la métaphore de la perception sélective (propre à chaque être vivant), qui tente néanmoins de parvenir à une appréciation unifiée et dotée de sens. (Ceci contraste avec l’idée d’une perception absolue (divine ?), qui est en mesure de recueillir et d’interpréter simultanément tous les aspects pensables.) Les fragments symbolisent les expériences quotidiennes fragmentées. C’est la vie même, composée des impressions les plus disparates, et que pourtant bien des gens présentent, rétrospectivement, comme unité. Dans leurs constellations changeantes, ces fragments déploient une dynamique propre et produisent des situations inhabituelles et neuves (au sens que décrit la théorie du chaos).

Personne ne peut tout savoir. Dans sa constellation fragmentée, notre savoir marque notre appréhension de la vie et nos manières de voir, qui se comportent souvent de façon contraire à celles d’autres personnes, disposant d’une autre expérience de vie fragmentée. Les comportements humains sont ainsi la conséquence des fragments du savoir qui se sont détachés.

À présent, que signifie tout cela du point de vue compositionnel ? Configurer des micro-structures complexes, travailler avec des fragments provenant d’un monde fragmenté, qui s’agencent en conglomérats sonores nouveaux, lesquels, peut-être, ouvrent au public l’accès à de nouvelles expériences et manières de voir.

René Wohlhauser
Traduction: Patrick Lang

Streichtrio


Werkkommentar zum Streichtrio (2007), Ergon 37, ca. 10 Min.
Kompositionsauftrag des Festivals L'art pour l'Aar

Durch das Aufeinanderprallen gegensätzlicher, bruchstückhafter Einzelmomente werden Energien ausgelöst, die aus der fast statischen Anordnung der Elemente allmählich einen Prozeß in Gang setzen, der immer mehr Verwandtschaften von anfänglich als kontrastierend wahrgenommenen Materialien offenbart. So entwickelt sich eine Klanggeschichte, die zwar sehr konträre Ausdrucksfelder aufsucht und die wechselseitigen Wirkungsweisen dieser scheinbar einander ausschließenden musikalischen Texturen erprobt, die aber auf einer höheren Ebene der Wahrnehmung doch zu einer eigenen stilistischen Einheit findet. Überraschende Wendungen und Fortgänge vermögen somit nicht als Fremdkörper den Zusammenhalt zu sprengen, sondern zeigen lediglich neue Aspekte und Verlaufsmöglichkeiten des bisher Gehörten auf.


Kurzbeschrieb: Eine dialektische Auseinandersetzung zwischen angedeuteten formalen Prozessen und einer Ästhetik der Kontraste und Gegensätze, und der Versuch, aus dieser Konfrontation eine neue Grammatik der musikalischen Gestaltung zu entwickeln.


René Wohlhauser

Studie über Zustände und Zeitprozesse


Werkkommentar zur Studie über Zustände und Zeitprozesse für Flöte und Klavier (2007), Ergon 35, Musikwerknummer 1351, ca. 11 Min.
Kompositionsauftrag des Lotteriefonds Basel-Stadt

Gemessene Zeit, empfundene Zeit, gefrorene Zeit. Von der Bewegung zum zeitlichen Stillstand. In mehreren Stadien bzw. Zuständen wird dieser Weg zurückgelegt, wobei ein besonderes Augenmerk dem formalen Timing, d.h. dem Verhältnis von Materialbeschaffenheit und seiner Dauer gilt.

Dieses Material erkundet Randbereiche des Klanglichen beider Instrumente, ohne aber auf die in der aktuellen zeitgenössischen Musik modischen Geräuschklänge zu rekurrieren, sondern es wird versucht, die klanglichen Randbereiche innerhalb der normalen Tonerzeugung aufzuspüren. (Beispielsweise bei der Flöte extrem kurze Tondauern, so daß der Eindruck eines ersterbenden Klanges entsteht, der gar nie richtig zum Klingen kommen kann. Oder beim Klavier eine Bevorzugung des tiefsten Registers, in dem das Klangliche über die distinkte Tonhöhe dominiert.)

Im ersten Teil: Präzise definierte Anzahl Töne bei Tonfolgen, prädeterminierte Pausendauern und Abschnittsdauern, melodische Direktionalität. Die mittels strenger algorithmischer Verfahren erzeugten Tonhöhen sind in ihren Bewegungen stark eingeschränkt, damit die Aufmerksamkeit des Hörers sich auf die anderen Prozesse richtet (Verdichtung-Verdünnung, Registerfilter usw.). Die sachliche, direktionslose Radikalität, nüchtern und kompromißlos, sowie harte Filmschnitte verhindern jegliches Schwelgen. Die Struktur wird auf das substanziell Notwendige reduziert. Jedoch: je strenger die Struktur definiert wird, desto mehr tendiert sie zur Ambivalenz, zum Kippen ins Strukturlose. Dadurch wird das streng definierte strukturelle Korsett allmählich ad absurdum geführt.
Im zweiten Teil: Offene Zeitlosigkeit. Meditative Klanggestaltung. Frei assoziativ und doch mit dichten strukturellen Bezügen.
Im dritten Teil: Das Einfrieren des Klanges.

Es ist ein Spiel mit der menschlichen Wahrnehmung in Bezug zum Ablauf der Zeit, indem die menschliche Wahrnehmung gerne Zusammenhänge schafft, wo fast keine vorhanden sind. Wie werden welche Felder von wem zu welchen Sinneinheiten zusammengenommen? So trennt die längste Pause des Stückes (über 13 Sekunden von Takt 136-140) identisches Material in separate Abschnitte, während umgekehrt kontrastierende Materialien in gemeinsame Abschnitte zusammengezwungen werden. Eben eine Studie über Zustände und Zeitprozesse und ihre Wahrnehmung.

René Wohlhauser


Kurzbeschrieb:
Äußerste Radikalität in der Arbeit mit genau abgemessenen Zeitstrukturen im Verhältnis zu reduziertem, aber obsessiv durchgearbeitetem Material.

Sulawedische Lieder, Gesänge und Vokalstücke


Werkommentar zu Sulawedische Lieder, Gesänge und Vokalstücke auf eigene lautpoetische Texte für Sopran, Bariton, 1-2 Musiksprechstimme(n) und klanglich erweitertes Klavier (2-5 Spieler) (2005 / 2006 / 2008), Ergon 31, Nrn. 1-7, Gesamtdauer: ca. 20 Minuten

Der siebenteilige Zyklus ist so angelegt, daß jedes Stück einen anderen Aspekt behandelt: Durchsichtigkeit, Akkordik, Auflösung/Punktualität, am Rande des Singes, Musiksprechen, Tastenoberflächenspiel, Obskurität. Diese Abfolge zeigt gleichzeitig die Entwicklungsrichtung an. Die Reihenfolge der Stücke lautet:

1. "gelsüraga" für Sopran und Klavier (2005), ca. 2:45
2. "hang gomeka" für Sopran und Klavier (2005), ca. 2:40
3. "suragimanä" ("Zerdehnte Zeit") für Sopran und Klavier (2006), Fassung b, ca. 4:43
4. "Duett" ("Am Rande des Singens") für Sopran und Bariton a cappella in der 3. Fassung
(2008) oder in der Fassung für Bariton solo, ca. 3:00
5. "flutching music", ein Musiksprechstück für zwei Personen oder für zwei Personen in der Fassung für eine Person allein, ca. 2:30 bzw. 5:00
6. "sulla tastiera" für Musiksprechstimme und Tastenoberflächenspieler/in, auch als virtuelles Duett für einen sprechenden Klaviaturspieler allein (2005), ca. 4 Min.
7. "Ausklang für tiefes Klavier" (2006), ca. 1:20

Die Stimme durchläuft einen Prozeß der Verwandlung vom Normalgesang über Techniken des sog. Neuen Singens bis zum Musiksprechen in verschiedenen Kombinationen, während das Klavier vom Normalklang über Pausen zum nur noch geräuschhaften Tastenoberflächenspiel gelangt. Durch die mit diesem Verwandlungsprozeß einhergehenden zunehmenden Besetzungswechsel bzw. Besetzungsvarianten (Vokalduo oder -solo, Musiksprechduo oder -solo, Geräuschklangduo, Dunkelklavier solo; daher die Differenzierungen im Titel) wird das anfänglich noch traditionelle Klavierlied bzw. Liedduo ästhetisch aufgebrochen, zumal sich auch die lautpoetischen Texte allmählich auflösen und im letzten Stück völlig verstummen.

Jeder lautpoetische Text des Zyklus’ hat eine jeweils in sich geschlossene Sprachfärbung und einen Sprachrhythmus und auch so etwas wie eine grammatikalische Struktur einer Kunstsprache. Semantisch aufgeladen werden sie aber erst durch die Gestik der Musik. Dadurch klingen sie wie eine Sprache, die man manchmal vermeint zu verstehen, dann aber doch nicht ganz versteht. (Bereits im Titel bemerkt man, daß es nicht "sulawesisch", sondern "sulawedisch" heißt.) Dieses Sich-bewegen an der Grenze der Verständlichkeit und somit auch an der Grenze der Kontrollierbarkeit zwischen Bewußtem und Unbewußtem, wo man vielleicht die Vision einer anderen Klangwelt erahnen kann, ist etwas, was mich sehr interessiert.

René Wohlhauser


Kurzbeschrieb: Der Zyklus, der einen Bogen vom Klavierlied über Techniken des sog. neuen Singens bis zum Musiksprechen in verschiedenen Kombinationen schlägt und somit die unterschiedlichsten Facetten des kreativen, ungewohnten Umgangs mit Stimme in einem Prozeß der Verwandlung beleuchtet, dauert ein halbes Programm.

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Comments on Sulawedische Lieder, Gesänge und Vokalstücke (Sulawedish Lieder and Vocal Pieces) on onomatopoetic texts by the composer for soprano, baritone, 1-2 musical speaking voices and tonally extended piano (2-5 players) (2005 / 2006 / 2008), Ergon 31, Nrs. 1-7, overall length: ca. 20 minutes

The seven-part cycle is designed in such a way that each piece features a different aspect: transparency, chord structure, resolution/punctuality, on the fringes of singing, musical speaking, playing on the surface of the keys, obscurity. At the same time, the progression of the pieces shows the direction the development is taking. The order of the pieces is as follows:

1. "gelsüraga" for soprano and piano (2005)
2. "hang gomeka" for soprano and piano (2005)
3. "suragimanä" for soprano and piano (2006), version b
4. "Duett" for soprano und baritone a cappella in the 3rd version (2008) or in the version for baritone solo
5. "flutching music", a spoken musical piece for 2 persons or for 2 persons in the version for one person alone
6. "sulla tastiera" for musical speaking voice and claviature player, alternatively as a virtual duet for a speaking claviature player alone (2005)
7. "Ausklang für tiefes Klavier" ("Finale for Deep Piano") (2006)

The voice undergoes a process of transformation from normal singing via so-called new singing techniques, to different combinations of musical speech, whereas the piano begins with normal tones, arriving after pauses at sounds/noises produced on the key surfaces. Through the metamorphosis which goes hand in hand with the changing, i.e. varying instrumental/vocal combinations (vocal duo or solo, musical speaking duo or solo, sound duo, dark-piano solo; thus the differenciations in the title), the initially still traditional piano-accompanied song, resp. Lied duo, aesthetically dissolves - in particular the onomatopoetic texts, which gradually disintregrate, falling totally silent in the last piece.

Each onomatopoetic text in the cycle has its own respective self-contained colouring and rhythm of speech, as well as something similar to the grammatical structure of an artificial language. They become semantically charged, primarily through the musical gesture. They thus sound like a language that one sometimes believes to understand, but then doesn't quite totally comprehend. (One notices already upon reading the title that it's not called "sulawesisch"(sulawese), but "sulawedisch" (sulawedish).) This manoevering on the edge of comprehensibility and thus also on the borders of controllability between the concious and the unconcious, where one can perhaps imagine the vision of another world of sounds, is something that really intrigues me.

René Wohlhauser (Translation by Gail Makar)

sulla tastiera und parlando sulla tastiera


Werkommentar zu sulla tastiera und parlando sulla tastiera für Musiksprechstimme und Klaviaturspieler, auch als virtuelles Duett für einen sprechenden Klaviaturspieler allein (2005), Ergon 31, Nr. 6, 4:00

sulla tastiera bzw. parlando sulla tastiera ist das sechste Stück des siebenteiligen Zyklus’ "Sulawedische Lieder, Gesänge und Vokalstücke auf eigene lautpoetische Texte für Sopran, Bariton, 1-2 Musiksprechstimmen und erweitertes Klavier (2-5 Spieler)".

Jedes Stück des Zyklus' behandelt einen anderen Aspekt: Durchsichtigkeit, Akkordik, Punktualität, am Rande des Singens, Musiksprechen, Tastenoberflächenspiel, Obskurität. Die Reihenfolge der Stücke lautet:

1. "gelsüraga" für Sopran und Klavier (2005), ca. 2:45
2. "hang gomeka" für Sopran und Klavier (2005), ca. 2:40
3. "suragimanä" für Sopran und Klavier (2006), Fassung b, ca. 4:43
4. "Duett" für Sopran und Bariton a cappella in der 3. Fassung (2008), oder in der Fassung für Bariton solo, ca. 3:00
5. "flutching music", ein Musiksprechstück für zwei Personen oder für zwei Personen in der Fassung für eine Person allein, ca. 2:30 bzw. 5:00
6. "sulla tastiera" für Musiksprechstimme und Klaviaturspieler, auch als virtuelles Duett für einen sprechenden Klaviaturspieler allein (2005), oder in der Double-Fassung "parlando sulla tastiera", oder als eigenständige Nebenfassung "parlando sulla cordiera", ca. 4 Min.
7. "Ausklang für tiefes Klavier" (2006), ca. 1:20

Die Stimme durchläuft im Zyklus einen Prozeß der Verwandlung vom Normalgesang über Techniken des sog. Neuen Singes bis zum Musiksprechen in verschiedenen Kombinationen, während das Klavier vom Normalklang über Pausen zum Tastenoberflächenspiel gelangt.

Jeder lautpoetische Text des Zyklus' hat eine jeweils in sich geschlossene Sprachfärbung und einen Sprachrhythmus, und auch so etwas wie eine grammatikalische Struktur einer Kunstsprache. Semantisch aufgeladen werden sie aber erst durch die Gestik der Musik. Dadurch klingen sie wie eine Sprache, die man manchmal vermeint zu verstehen, dann aber doch nicht ganz versteht. Dieses Sich-bewegen an der Grenze der Verständlichkeit und somit auch an der Grenze der Kontrollierbarkeit zwischen Bewußtem und Unbewußtem, wo man vielleicht die Vision einer anderen Klangwelt erahnen kann, das ist etwas, was mich sehr interessiert.

René Wohlhauser

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sulla tastiera et parlando sulla tastiera
pour voix parlée musicale et claviériste, également comme duo virtuel pour un claviériste parlant solo (2005), Ergon 31, Nr. 6

sulla tastiera resp. parlando sulla tastiera est la sixième pièce du cycle en sept parties "Sulawedische Lieder, chants et pièces vocales sur des propres textes de poésie sonore pour soprano, baryton, 1-2 voix parlée(s) musicale(s) et clavier élargi (2-5 interprètes)".

Chaque pièce du cycle traite d’un aspect différent: transparence, écriture accordale, ponctualité, aux frontières du chant, parlé musical, jeu sur les touches du clavier, obscurité.

La voix passe par un processus de transformation, du chant normal à la voix parlée musicale dans différentes combinaisons, en passant par les techniques contemporaines de chant. Pendant ce temps, le piano passe du son normal au jeu sur les touches du clavier, en passant par le silence.

Chaque texte de poésie sonore du cycle possède en soi sa propre couleur vocale et son rythme parlé, ainsi qu’une sorte de structure grammaticale d’un langage artificiel. Sa sémantique ne prend sens que par le geste musical. Par celui-ci, il sonne comme une langue que souvent on croit à tort comprendre, mais qu’on ne réussit toutefois pas tout à fait à saisir. Ce Se-mouvoir à la frontière du compréhensible, et ainsi également à la frontière du contrôlable entre le conscient et l’inconscient, où peut-être on peut deviner la vision d’un autre monde sonore, voilà ce qui m’intéresse beaucoup.

René Wohlhauser

Tramadór Kuriánno

Werkkommentar zu Tramadór Kuriánno
für Klavier
2017 komponiert, Ergon 61, Musikwerknummer 1797
ca. 3 ½ Min.

Die Herausforderung, von ganz wenigen Elementen auszugehen und diese allmählich zu entwickeln, war für mich auch in diesem Stück (wie schon im vorhergehenden "Trio") wiederum eine faszinierende Arbeit. In diesem Stück ist es eine rhythmisch-akkordische Keimzelle, die verarbeitet und weiterentwickelt wird, wobei die Verarbeitungen im wesentlichen aus variierten und ineinander verschachtelten Wiederholungen, Abspaltungen, Verkürzungen, Erweiterungen, Stauchungen, Dehnungen, Steigerungen und Spannungspausen bestehen. Dies vollzieht sich in sog. Entwicklungsgruppen, die manchmal durch Taktartenwechsel voneinander abgegrenzt sind. Aber auch dort, wo keine Taktwechsel stattfinden, soll gehörsmäßig eine klare formale Gliederung nachvollziehbar sein.
Das Material selber (das heißt: die Akkordstruktur) ist nicht neu, die Art der Gestaltung hingegen schon.
Das Stück entzieht sich einer klaren stilistischen Kategorisierung und bezieht seinen Reiz gerade aus der Gratwanderung zwischen verschiedenen Stilen und Satztechniken, die es in neuartiger Weise miteinander verbindet. Es ist ein Stück zwischen Atonalität, Chromatik, Rhythmik, Jazzeinfluß und Neuer Musik.

René Wohlhauser

Kurzfassung:
Eine rhythmisch-akkordische Keimzelle, die verarbeitet und weiterentwickelt wird.

Trio Nr. 1 für Flöte, Klarinette und Violoncello


Werkkommentar zum Trio Nr. 1
für Flöte, Klarinette und Violoncello
2016 komponiert, Ergon 57, Musikwerknummer 1772
ca. 13 Min.

Der Reiz und die Herausforderung des Komponierens bestand bei diesem Stück darin, von einem extrem beschränkten Tonmaterial auszugehen, nämlich nur vom Halbtonschritt, und dieses Material durch eine möglichst phantasievolle Handhabung verschiedenster Verarbeitungstechniken zu ganz unterschiedlichen, weit ausholenden Prozeßverläufen zu führen.

Analog zur Begrenzung des Tonmaterials sollte auch das rhythmische Ausgangsmaterial eng begrenzt sein, nämlich auf eine Folge von durchlaufenden Sechzehnteln.

Diese stringente Setzung der Ausgangsdisposition führt in dialektischem Sinne zu ihrem Gegenteil. Der limitierte Keim führt zu unlimitiertem Überfließen. Die Konzentration im Anfang führt zur Expansion in der Folge. Denn je enger der Rahmen der Ausgangsparameter abgesteckt ist, umso größer wird die Freiheit der Phantasie in der Ausgestaltung, umso überraschender können die Entwicklungswege verlaufen, umso unbeschwerter darf man sich der intuitiven Spontaneität hingeben, dem kreativen Fließenlassen.

Durch diese starke Homogenität des Ton- und des Rhythmus-Materials treten diese Ebenen zurück, und die Wahrnehmung des Hörers richtet sich auf ganz andere, ebenso wichtige musikalische Parameter, auf lineare Verläufe, auf Spannungsverläufe, auf den Reichtum der linearen Gestalten und vor allem auf den prozessualen Fluß.

Daraus entwickelt sich eine ganz eigene Prozeßästhetik, ein organisches Fließen, das durch seine Unvorhersehbarkeit spannend bleibt. Es entsteht das Erlebnis eines immanent organischen Zeitverlaufs (das im Gegensatz steht zu beispielsweise einer eher abstrakten Zeitgestaltung im Serialismus).

René Wohlhauser

Kurzfassung:
Was kann entstehen, wenn man mit praktisch nichts startet und man versucht, die-ses Nichts durch eine möglichst phantasievolle Handhabung verschiedenster Verar-beitungstechniken zu ganz unterschiedlichen, weit ausholenden Prozeßverläufen zu entwickeln?

Trio Nr. 2 für Flöte, Klarinette und Violoncello


Werkkommentar zum Trio Nr. 2
für Flöte, Klarinette und Violoncello
2017 komponiert, Ergon 63, Musikwerknummer 1809
ca. 11 1/2 Min.

Die drei Instrumente wurden in diesem Werk wie ein einziges Instrument behandelt, sozusagen wie ein "Super-Instrument". Es beginnt mit einer einstimmigen Melodie, die durch die verschiedenen Instrumente wandert oder eben wie ein einziges Instrument, das eine melodische Folge durch verschiedene Klangfarben laufen läßt oder sich in verschiedenen klingenden Farben auszudrücken vermag, weil es seine Klangfarbe ändern kann wie ein Chamäleon, das je nach Situation seine Hautfarbe ändert (T. 1-4). Dann verdickt sich die Einstimmigkeit, indem sich dieses einstimmige Instrument etwas verbreitert und zu rhythmisch unregelmäßig repetierten dreistimmigen Akkordstrukturen spreizt wie eine tanzende Hydra, die als Einzelwesen wohl mehrstimmig singen konnte (T. 5ff). Die nächste Phase besteht darin, daß dieses Multi-Instrument auch seine repetierende Parallelität aufbricht, sozusagen seine bewegte Eingliedrigkeit auffächert und in Mehrgliedrigkeit überführt, indem sich Unisono-Bewegungen allmählich über Seitenbewegungen (in T. 11-13) in selbständig geführte Stimmen aufspalten und zu Gegenbewegungen gelangen (T. 18ff), so wie sich die parallelen Notre Dame-Organa über Seitenbewegungen zur Mehrstimmigkeit entwickelten. Dann erleben wir das Glitzern des gespreizten imaginären Instruments, indem eine auf wenige Töne begrenzte Akkordstruktur ihre Töne virtuos durch weite Sprünge in verschiedene Oktavregister wirbelt und aufblitzen läßt (T. 20-23). Damit ist eine Grundanordnung gesetzt, die sich im weiteren Verlauf des Stückes entwickelt und zu verschiedenen Ausformungen und Varianten mutiert. Auch dort, wo die drei Instrumente kontrapunktisch spielen, sind sie wie ein in sich geschlossener Klangkorpus, also wie ein einziges Instrument geführt, das nur mit seinen internen Struktur- und Kombinationsmöglichkeiten spielt und diese auslotet.

René Wohlhauser


Kurzfassung:
Die drei Instrumente wurden in diesem Werk wie ein einziges Instrument behandelt, sozusagen wie ein "Super-Instrument".

Une Nuit toute passionnée


Werkkommentar zu « Une Nuit toute passionnée » für Sopran und Flöte (2015), auf Texte von Simone de Beauvoir, Ergon 53, Nr. 11, Musikwerknummer 1749, ca. 11 Min.

Beim Text handelt es sich um Ausschnitte aus einem Brief von Simone de Beauvoir an Jean-Paul Sartre vom 18.2.1940. Darin schildert sie ihm ausführlich ihre nächtlichen Erlebnisse mit einem Liebhaber.

Das Stück kann als selbständiges Stück aufgeführt werden. Es ist aber auch der Prolog der Kammeroper bzw. des Kammeropernoratoriums « L'amour est une duperie – l’amour n’est pas une symbiose ».

Im Frühjahr 2014 habe ich mich eingehend mit dem Briefwechsel zwischen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir befaßt und habe ausgewählte Stellen zu einem Libretto zusammengestellt. Die meisten Stellen entstammen den Briefen vom Februar 1940, als Sartre zum Militärdienst eingezogen wurde. Diese Ausnahmesituation hatte Auswirkungen sowohl auf Sartres Lebenshaltung wie auch auf die Beziehung zu Simone de Beauvoir.
Geplant waren Szenen mit Texten von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir aus deren Briefen im Kontrast zu Ausschnitten aus dem philosophischen Werk "L’être et le néant" von Jean-Paul Sartre, also sozusagen eine Gegenüberstellung von philosophischen Thesen einerseits und deren Alltagsrealisation durch ihren Urheber andererseits, gestaltet als fiktiver Dialog.
Die Rechteinhaber der Texte von Jean-Paul Sartre sind aber prinzipiell und kategorisch gegen jegliche Art der Vertonung der Texte von Sartre. Da ich das Projekt dennoch realisieren wollte, habe ich die Sartre- und de Beauvoir-Texte zuerst in Musik gesetzt, um den originalen Ton zu erhalten. Dann habe ich die Sartre-Texte aus der Musik wieder entfernt und durch eigene Lautpoesie ersetzt. Damit wird die rechtliche Situation respektiert, denn es werden keine Sartre-Texte gesungen. Die Texte von Simone de Beauvoir wurden freigegeben.
Das Stück, das als Hommage an Sartre und de Beauvoir konzipiert war, wird nun zu einem Proteststück gegen die Zensur der Kunst. Daß das Copyright die Produktion eines Autors zu seinen Lebzeiten schützt, ist in Ordnung. Daß das Copyright aber nach dem Tod des Autors dazu führen kann, die Verbreitung seines Werks zu verhindern, ist nicht in Ordnung und sicher nicht im Sinne des Urhebers. Deshalb kämpfe ich mit künstlerischen Mitteln für Sartre und für sein Recht auf die Verbreitung seiner Werke.
Lautpoesie wird zu einem Symbol künstlerischer (und somit auch politischer) Freiheit, da niemand die Lautpoesie und ihre subtextuelle Deutungsfreiheit verbieten kann.
Die Rechteinhaber können das Hommage-Werk nicht verhindern, nur die Verwendung der Sartre-Texte. Dies führt zur skurrilen Situation, daß im fiktiven Dialog des Hommage-Werks Sartre nicht mit seiner eigenen Stimme sprechen darf.

René Wohlhauser



Uom Raswékje


Werkkommentar zu Uom Raswékje
für Sopran und Bariton,
auf formantengenerierte Phoneme des Komponisten,
2012 komponiert, Ergon 45/I, ca. 8 Min., Musikwerknummer 1637

Es gibt die Möglichkeit, einen Text (oder mehrere Texte) in traditioneller Weise zu vertonen, indem die Musik die Stimmung des Textes nachzeichnet. Es ist auch möglich, daß die Musik den Text ironisch hinterfragt oder konterkariert. Des weiteren ist es möglich, daß die Musik bewußt gegen den Text komponiert wird. Als weitere Variante kann die Musik so konzipiert werden, daß sie nicht auf den Text eingeht und ihren eigenen Weg verfolgt.
Dann gibt es die umgekehrte Möglichkeit, die darin besteht, zuerst die Musik zu komponieren und dann dazu passende Texte zu suchen.
In den letzten Jahren habe ich an einer weiteren Möglichkeit gearbeitet. Ich habe Musik komponiert und danach in die Formantenstruktur dieser Musik hineingehört, um in einem Transformationsprozeß aus den instrumentalen Klängen die Vokalformanten herauszuhören. Daraus ergaben sich verschiedene, aus der jeweiligen Musik gewonnene (lautpoetische) Kunstsprachen. Auf diese Weise erreichte ich eine engere Verbindung zwischen Musik und Sprachklang, als wenn die Texte von außen kommen würden.
Der Schwerpunkt meiner Forschungsarbeit im vorliegenden Stück lag darin, daß ich von obertönigen Resonanzklängen und gesprochenen Zischlauten als Ausgangsmaterial ausging und eine möglichst strenge Weiterentwicklung komponierte, um dann daraus das formantengenerierte phonetische Sprachmaterial zu gewinnen. Auf diese Weise versuchte ich, durch möglichst dichtes Ineinanderverweben des Vokalen und Instrumentalen zu einer möglichst engen Verbindung von Musik und Sprachklang zu gelangen.

René Wohlhauser

Kurzfassung:
Obertönige Resonanzklänge und gesprochene Zischlaute bildeten das Ausgangsmaterial für eine strenge Fortentwicklung und dem daraus abgeleiteten, formantengenerierten Sprachmaterial.

René Wohlhauser


Uom Raswékié Nadak

Werkkommentar zu Uom Raswékje Nadak
für Sopran, Bariton, Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Klavier, Violine und Violoncello,
auf formantengenerierte Phoneme des Komponisten
2012 komponiert, Ergon 45/II, Musikwerknummer 1638,
Kompositionsauftrag des Fachausschusses Musik Basel-Stadt und Baselland



Es gibt die Möglichkeit, einen Text (oder mehrere Texte) in traditioneller Weise zu vertonen, indem die Musik die Stimmung des Textes nachzeichnet. Es ist auch möglich, daß die Musik den Text ironisch hinterfragt oder konterkariert. Des weiteren ist es möglich, daß die Musik bewußt gegen den Text komponiert wird. Als weitere Variante kann die Musik so konzipiert werden, daß sie nicht auf den Text eingeht und ihren eigenen Weg verfolgt.
Dann gibt es die umgekehrte Möglichkeit, die darin besteht, zuerst die Musik zu komponieren und dann dazu passende Texte zu suchen.
In den letzten Jahren habe ich an einer weiteren Möglichkeit gearbeitet. Ich habe Musik komponiert und danach in die Formantenstruktur dieser Musik hineingehört, um in einem Transformationsprozeß aus den instrumentalen Klängen die Vokalformanten herauszuhören. Daraus ergaben sich verschiedene, aus der jeweiligen Musik gewonnene (lautpoetische) Kunstsprachen. Auf diese Weise erreichte ich eine engere Verbindung zwischen Musik und Sprachklang, als wenn die Texte von außen kommen würden.
Der Schwerpunkt meiner Forschungsarbeit im vorliegenden Stück lag darin, daß ich von obertönigen Resonanzklängen und gesprochenen Zischlauten als Ausgangsmaterial ausging und eine möglichst strenge Weiterentwicklung komponierte, um dann daraus das formantengenerierte phonetische Sprachmaterial zu gewinnen. Auf diese Weise versuchte ich, durch möglichst dichtes Ineinanderverweben des Vokalen und Instrumentalen zu einer möglichst engen Verbindung von Musik und Sprachklang zu gelangen.
Damit wird es auch möglich, daß die Instrumente das Vokale weiterführen können, wenn Sopran und Bariton pausieren, und umgekehrt beinhaltet das Vokalduo auch noch virtuell das Instrumentale, nachdem dieses geendet hat.

René Wohlhauser


Kurzfassung:
Obertönige Resonanzklänge und gesprochene Zischlaute bildeten das Ausgangsmaterial für eine strenge Fortentwicklung und dem daraus abgeleiteten, formantengenerierten Sprachmaterial.
René Wohlhauser


Verlorene Zukunft


Werkkommentar zu Verlorene Zukunft
Fassung für Sopran und Violoncello,
auf ein Gedicht des Komponisten,
1. Teil der großen Vokaltrilogie "Drei Gesänge",
2016 komponiert, Ergon 58, Nr. 3, Musikwerknummer 1777,
ca. 11 Min.
Kompositionsauftrag des Fachausschusses Musik Basel-Stadt und Baselland

"Verlorene Zukunft" ist ein teilsemantisches Gedicht des Komponisten, das als Ausgangspunkt für diese Komposition genommen wurde. Im Vordergrund der Musik sollte die lineare Ausgestaltung der Singstimme stehen, die durch das Cello in eigenständiger Weise kontrapunktiert wird. Deshalb komponierte ich zuerst eine Fassung für Sopran allein.
Ich ging von Christines Wunsch aus, etwas Sphärisches zu komponieren. In dieser Atmosphäre beginnt das Stück im nach wie vor solo gehaltenen ersten Teil. Es brauchte mehrere Fassungen, bis die notwendige Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche gefunden wurde, die nicht zu schnell zu verschiedenen Tonhöhen ausschweift, sondern die sich auf einen einzigen zentralen Ton und sein Innenleben einläßt und diesen mit kleinen Intervallen umspielt, durch die Setzung anderer Zentraltöne in Frage stellt, verändert, umfärbt, bald nach oben und bald nach unten stößt, bis er sich am Schluß dieses Teils wieder in sich selbst findet. Und dies alles geschah nach genauen, den Verlauf und die Tongravitation minuziös austarierenden und strukturierenden Regeln.
Dieser Ausgangsstimmung mußte im weiteren Verlauf des Stückes antithetisches Material entgegengesetzt werden, um einen Dialog und ein dialektisches Gegen- und Zueinander der Ausdruckssphären in Gang zu setzen.
Über weite Strecken empfand ich es als störend, über einen oder zu einem vorgegebenen Text komponieren zu müssen. Auch bei Vokalmusik tauche ich normalerweise zuerst ganz in die Musik ein und komponiere die Gesangslinien ohne Text aus der Musik heraus, um dann anschließend nach Textstrukturen zu suchen, die den Ausdruck der Musik adäquat verstärken. Deshalb komponierte ich auch in diesem Stück weite Passagen zuerst ohne Text quasi instrumental, textierte sie zwischenzeitlich mit Lautpoesie, um dann schließlich eine geeignete kompositorische Interaktion zum vorgegebenen Text zu suchen. Es handelt sich deshalb bei diesem Stück nicht um eine Textvertonung im traditionellen Sinne, sondern um die spannende Frage, was geschieht, wenn bereits komponierte Musik auf einen bereits existierenden Text trifft.

René Wohlhauser


Kurzfassung:
Bei diesem Stück handelt es sich nicht um eine Textvertonung im traditionellen Sinne, sondern um die spannende Frage, was geschieht, wenn bereits komponierte Musik auf einen bereits existierenden Text trifft.


Werkkommentar zu Verlorene Zukunft
Fassung für Sopran solo,
auf ein Gedicht des Komponisten,
1. Teil der kleinen Vokaltrilogie "Drei Gesänge",
Fassung a cappella,
2016 komponiert, Ergon 58, Nr. 2, Musikwerknummer 1775,
ca. 7 ½ Min.
Kompositionsauftrag des Fachausschusses Musik Basel-Stadt und Baselland

"Verlorene Zukunft" ist ein teilsemantisches Gedicht des Komponisten, das als Ausgangspunkt für diese Komposition genommen wurde. Im Vordergrund der Musik sollte die lineare Ausgestaltung der Singstimme stehen, die durch das Cello in eigenständiger Weise kontrapunktiert wird. Deshalb komponierte ich zuerst eine Fassung für Sopran allein.
Ich ging von Christines Wunsch aus, etwas Sphärisches zu komponieren. In dieser Atmosphäre beginnt das Stück im ersten Teil. Es brauchte mehrere Fassungen, bis die notwendige Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche gefunden wurde, die nicht zu schnell zu verschiedenen Tonhöhen ausschweift, sondern die sich auf einen einzigen zentralen Ton und sein Innenleben einläßt und diesen mit kleinen Intervallen umspielt, durch die Setzung anderer Zentraltöne in Frage stellt, verändert, umfärbt, bald nach oben und bald nach unten stößt, bis er sich am Schluß dieses Teils wieder in sich selbst findet. Und dies alles geschah nach genauen, den Verlauf und die Tongravitation minuziös austarierenden und strukturierenden Regeln.
Dieser Ausgangsstimmung mußte im weiteren Verlauf des Stückes antithetisches Material entgegengesetzt werden, um einen Dialog und ein dialektisches Gegen- und Zueinander der Ausdruckssphären in Gang zu setzen.
Über weite Strecken empfand ich es als störend, über einen oder zu einem vorgegebenen Text komponieren zu müssen. Auch bei Vokalmusik tauche ich normalerweise zuerst ganz in die Musik ein und komponiere die Gesangslinien ohne Text aus der Musik heraus, um dann anschließend nach Textstrukturen zu suchen, die den Ausdruck der Musik adäquat verstärken. Deshalb komponierte ich auch in diesem Stück weite Passagen zuerst ohne Text quasi instrumental, textierte sie zwischenzeitlich mit Lautpoesie, um dann schließlich eine geeignete kompositorische Interaktion zum vorgegebenen Text zu suchen. Es handelt sich deshalb bei diesem Stück nicht um eine Textvertonung im traditionellen Sinne, sondern um die spannende Frage, was geschieht, wenn bereits komponierte Musik auf einen bereits existierenden Text trifft.

René Wohlhauser


Kurzfassung:
Bei diesem Stück handelt es sich nicht um eine Textvertonung im traditionellen Sinne, sondern um die spannende Frage, was geschieht, wenn bereits komponierte Musik auf einen bereits existierenden Text trifft.


vocis imago


Werkkommentar (1) zu vocis imago für Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Klavier, Violine und Violoncello
bzw. für eine der anderen 62 Variantversionen (z.B. für Violine solo) (1993-95), Ergon 20, 2-19 Min.
Auftragswerk der Musikkreditkommission Basel, zudem mit finanzieller Unterstützung der SUISA-Stiftung für Musik

Der Titel "vocis imago" referiert eine Stelle aus Ovids "Metamorphosen" (3.385) und eine aus seinen "Amores" (2.6.37).

"vocis imago", wortwörtlich übersetzt als "das Bild der Stimme", erhält bei Ovid poetische Bedeutungen im Sinne von "Widerhall" oder "Echo", aber auch von "eingebildeter Stimme". "deceptus imagine vocis", getäuscht vom Bild der Stimme bzw. vom widerhallenden Echo, weiß der Mensch nicht mehr, welches seine wirkliche Realität ist: die emotional gefärbte Wahrnehmung der äußeren Vorgänge oder die durch die äußeren Vorgänge evozierten inneren Bilder? Entspricht unsere Vorstellung von der Wirklichkeit tatsächlich der Realität? Im Zeitalter der medialen Vermittlung von Realität ist es schwierig, sich ständig ins Bewußtsein zurückzurufen, daß wir immer nur einen bestimmten Ausschnitt der Vorgänge vermittelt bekommen, eine bestimmte Sichtweise, unterlegt mit einem die Ereignisse in eine bestimmte Richtung hin interpretierenden Kommentar, der auf unseren kulturell-historischen Hintergrund abgestimmt ist. Somit bekommen wir eigentlich nur ein Zerrbild der Realität vermittelt. Reduziert auf einen Zweiminutenbeitrag im Infotainmentgeschäft. Die gleichen Ereignisse werden in einem anderen Kulturkreis völlig anders vermittelt und dementsprechend auch konträr aufgefaßt. Wir sind umgeben von Schattenbildern der Realität, die wir für die Realität selbst halten.

Welches ist die Stimme selbst und welches ist nur das Bild der Stimme?

Das Stück besteht insgesamt aus sechs ineinander übergehenden Bildern und aus dreiundneunzig asynchron sich überlappenden Bildaspekten mit Bezeichnungen wie "amphibolisch, äquivok, delphisch, odiös, polysemantisch, pythisch, sibyllinisch …" in 63 Besetzungsvarianten vom Solo bis zum Sextett.

René Wohlhauser


Werkkommentar (2) zu vocis imago für Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Klavier, Violine und Violoncello (1993-95), Ergon 20, 19 Min.
Auftragswerk der Musikkreditkommission Basel, zudem mit finanzieller Unterstützung der SUISA-Stiftung für Musik

Längere Beschäftigungen mit rhapsodischen Erzählformen in der Literatur brachten mich zur Konzeption eines dialektischen Spannungsverhältnisses zwischen inhaltlich narrativen und formal architektonisch gebauten Teilen, zusammengehalten von einer strengen Grammatik, bestehend aus Symmetriebildungen zwischen Kleinabschnitt-Dauern und Besetzungsanordnungen.

Großformal soll in prozessualer Ungebundenheit ein Weg allmählicher Transformation beschritten werden, eingebunden in ein System von Tempo-Modulationen, die den äußeren, tragfähigen Rahmen bilden sollen für eine essentiell fließende Musik, die ihrerseits im Mikrobereich als polyphone Disposition verschiedener Spielarten gestaltet ist, eingebettet in formal deutlich strukturierende Wesensunterschiede der strukturellen Klanglichkeit im Makrobereich.

Der Titel "vocis imago" referiert eine Stelle aus Ovids "Metamorphosen" (3.385) und eine aus seinen "Amores" (2.6.37, metrisch der 5. und 6. Fuß eines Hexameter-Schlusses).

"vocis imago", wortwörtlich übersetzt als "das Bild der Stimme", erhält bei Ovid eine viel poetischere Bedeutung, deren Sinn etwa mit "Widerhall" oder "Echo" übertragen werden könnte. Einerseits wäre dies ein sehr allgemeiner Titel, insofern als wohl all unser kompositorisches Tun einen «Widerhall» im Sinne von «Ausdruck» darstellt; andererseits ist die lateinische Wurzel von "imago" aber viel reicher als das deutsche Wort "Bild", wodurch wir wieder in die für dieses Stück spezifische Nähe der vielgestaltigen literarischen Bilder kommen:

Bildnis, Schattenbild, Traumbild, Echo, Schein, Erscheinung, Gleichnis, Vorstellung, Idee, Gedanken der Stimme.

Beifügen ließe sich sicher auch "widerhallende Innenbilder" oder "imaginierte Stimmen": die polyphonen Stimmen als Sinnbildträger.

Das Stück besteht insgesamt aus sechs ineinander übergehenden Bildern und aus dreiundneunzig asynchron sich überlappenden Bildaspekten mit Bezeichnungen wie "amphibolisch, äquivok, delphisch, odiös, polysemantisch, pythisch, sibyllinisch …"

René Wohlhauser

P.S.:
amphibolisch: mehrdeutig, doppelsinnig, amphibol (<grch. amphibolos "zweideutig, zweifelhaft", zu amphi "zweifach" + ballein "werfen")
äquivok: doppelsinnig, zwei-, mehrdeutig (zu lat. aequus "gleich" +vox "Stimme")
delphisch: <fig.> doppelsinnig, rätselhaft
odiös: gehässig, widerwärtig, unausstehlich, verhaßt (zu lat. odiosus)
pythisch: orakelhaft, dunkel, rätselhaft (zu Pythia: grch. Priesterin Pythia in Pytho, heute Delphi)

vocis imago-Variantversionen (Werkkommentar 3)
Das Stück "vocis imago" für Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Klavier, Violine und Violoncello ist in der Sextett-Originalversion so konzipiert, daß es keine Füllstimmen gibt. Jede Stimme ist durchgehend individuell so gestaltet, daß sie als selbständige Solostimme allein oder mit einer oder mehreren anderen Stimmen des Stückes als eigenständiges Werk existieren kann.

Bei "vocis imago" handelt es sich somit um eine flexible Komposition, die entweder integral als Sextett aufgeführt werden kann, von der aber auch die unterschiedlichsten Besetzungskombinationen gespielt werden können. (Z.B. die Soloversion für Violine solo oder die Duoversion für Violine und Klavier.) Auch in der Dauer ist das Stück variabel. Es kann entweder in der vollen Länge von 18 Minuten gespielt werden, oder es können einzelne Bilder oder Bildfolgen aufgeführt werden. Einzig die Abfolgerichtung ist festgelegt. Werden beispielsweise die Bilder 1-3 oder 2-4 gespielt, so darf die Abfolge nicht umgestellt werden.

Konkret heißt das für die Version für Violine solo: Genau wie in der Originalpartitur. Bei Pausentakten jeweils eine freie Pause von ca. 4 sec. machen. (Außer bei nur einem einzigen Pausentakt: da soll eine genaue Pause wie vorgeschrieben gemacht werden.) Für die Duoversion für Violine und Klavier heißt das: Bei Pausentakten, die in beiden Instrumenten gleichzeitig vorkommen, jeweils eine freie Pause von ca. 4 Sekunden machen. (Außer bei nur einem einzigen gemeinsamen Pausentakt: da soll eine genaue Pause wie vorgeschrieben gemacht werden. Betrifft Takte 64 und 115.) Ebenso ist zwischen nicht aufeinanderfolgenden Bildern (z.B. 1, 3, 6) jeweils eine freie Pause von ca. 4 Sekunden zu machen. Aufeinanderfolgende Bilder sind jeweils attacca zu spielen.

Dauern: Es können einzelne Bilder oder mehrere aufeinander folgende Bilder aufgeführt werden. Dementsprechend variiert die Dauer der Aufführung von 2-17 Min.
Imago I: ca. 4:30
Imago II: ca. 2:30
Imago III: ca. 3:00
Imago IV: ca. 3:00
Imago V: ca. 2:00
Imago VI: ca. 2:00
Gesamtdauer: ca. 17-19 Min.

Titel der Variantversionen: z.B. "vocis imago" (1993-95), (in der) Version für Violine solo (imagines 2, 4-5)

Für die verschiedenen Besetzungsvarianten siehe unter Werkliste chronologisch
-> vocis imago.

René Wohlhauser


Werkkommentar: vocis imago
Version für Violine solo
(1993-95)

Der Titel "vocis imago" referiert eine Stelle aus Ovids "Metamorphosen" (3.385) und eine aus seinen "Amores" (2.6.37).

"vocis imago", wortwörtlich übersetzt als "das Bild der Stimme", erhält bei Ovid poetische Bedeutungen im Sinne von "Widerhall" oder "Echo", aber auch von "eingebildeter Stimme". "deceptus imagine vocis", getäuscht vom Bild der Stimme bzw. vom widerhallenden Echo, weiß der Mensch nicht mehr, welches seine wirkliche Realität ist: die emotional gefärbte Wahrnehmung der äußeren Vorgänge oder die durch die äußeren Vorgänge evozierten inneren Bilder? Entspricht unsere Vorstellung von der Wirklichkeit tatsächlich der Realität? Im Zeitalter der medialen Vermittlung von Realität ist es schwierig, sich ständig ins Bewußtsein zurückzurufen, daß wir immer nur einen bestimmten Ausschnitt der Vorgänge vermittelt bekommen, eine bestimmte Sichtweise, unterlegt mit einem die Ereignisse in eine bestimmte Richtung hin interpretierenden Kommentar, der auf unseren kulturell-historischen Hintergrund abgestimmt ist. Somit bekommen wir eigentlich nur ein Zerrbild der Realität vermittelt, reduziert auf einen Zweiminutenbeitrag im Infotainmentgeschäft. Die gleichen Ereignisse werden in einem anderen Kulturkreis völlig anders vermittelt und dementsprechend auch konträr aufgefaßt. Wir sind umgeben von Schattenbildern der Realität, die wir für die Realität selbst halten.

Welches ist die Stimme selbst und welches ist nur das Bild der Stimme?

Das Stück besteht insgesamt aus sechs ineinander übergehenden Bildern und aus dreiundneunzig asynchron sich überlappenden Bildaspekten mit Bezeichnungen wie "amphibolisch, äquivok, delphisch, odiös, polysemantisch, pythisch, sibyllinisch …" in 63 Besetzungsvarianten vom Solo bis zum Sextett.

René Wohlhauser

vocis imago, für Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Klavier, Violine und Violoncello (1993-95), Ergon 20, 19 Min.
Auftragswerk der Musikkreditkommission Basel, zudem mit finanzieller Unterstützung der SUISA-Stiftung für Musik
(Werkkommentar kombiniert)

Der Titel "vocis imago" referiert eine Stelle aus Ovids "Metamorphosen" (3.385) und eine aus seinen "Amores" (2.6.37).

"vocis imago", wortwörtlich übersetzt als "das Bild der Stimme", erhält bei Ovid poetische Bedeutungen im Sinne von "Widerhall" oder "Echo", aber auch von "eingebildeter Stimme". "deceptus imagine vocis", getäuscht vom Bild der Stimme bzw. vom widerhallenden Echo, weiß der Mensch nicht mehr, welches seine wirkliche Realität ist: die emotional gefärbte Wahrnehmung der äußeren Vorgänge oder die durch die äußeren Vorgänge evozierten inneren Bilder? Entspricht unsere Vorstellung von der Wirklichkeit tatsächlich der Realität? Im Zeitalter der medialen Vermittlung von Realität ist es schwierig, sich ständig ins Bewußtsein zurückzurufen, daß wir immer nur einen bestimmten Ausschnitt der Vorgänge vermittelt bekommen, eine bestimmte Sichtweise, unterlegt mit einem die Ereignisse in eine bestimmte Richtung hin interpretierenden Kommentar, der auf unseren kulturell-historischen Hintergrund abgestimmt ist. Somit bekommen wir eigentlich nur ein Zerrbild der Realität vermittelt, reduziert auf einen Zweiminutenbeitrag im Infotainmentgeschäft. Die gleichen Ereignisse werden in einem anderen Kulturkreis völlig anders vermittelt und dementsprechend auch konträr aufgefaßt. Wir sind umgeben von Schattenbildern der Realität, die wir für die Realität selbst halten.

Welches ist die Stimme selbst und welches ist nur das Bild der Stimme?

Längere Beschäftigungen mit rhapsodischen Erzählformen in der Literatur brachten mich zur Konzeption eines dialektischen Spannungsverhältnisses zwischen inhaltlich narrativen und formal architektonisch gebauten Teilen, zusammengehalten von einer strengen Grammatik, bestehend aus Symmetriebildungen zwischen Kleinabschnitt-Dauern und Besetzungsanordnungen.

Großformal soll in prozessualer Ungebundenheit ein Weg allmählicher Transformation beschritten werden, eingebunden in ein System von Tempo-Modulationen, die den äußeren, tragfähigen Rahmen bilden sollen für eine essentiell fließende Musik, die ihrerseits im Mikrobereich als polyphone Disposition verschiedener Spielarten gestaltet ist, eingebettet in formal deutlich strukturierende Wesensunterschiede der strukturellen Klanglichkeit im Makrobereich.

Das Stück "vocis imago" ist in der Sextett-Originalversion so konzipiert, daß es keine Füllstimmen gibt. Jede Stimme ist durchgehend individuell so gestaltet, daß sie als selbständige Solostimme allein oder mit einer oder mehreren anderen Stimmen des Stückes als eigenständiges Werk exisitieren kann.

Das Stück besteht insgesamt aus sechs ineinander übergehenden Bildern und aus dreiundneunzig asynchron sich überlappenden Bildaspekten mit Bezeichnungen wie "amphibolisch, äquivok, delphisch, odiös, polysemantisch, pythisch, sibyllinisch …" in 63 Besetzungsvarianten vom Solo bis zum Sextett.

René Wohlhauser